2. Spiel : 16. Oktober 1993, Sportplatz Tarostraße

FC Waldstraßenviertel - Multinationale Afrika-Auswahl Leipzig 1:0 (0:0)

FCW mit: Jens Fischer - Ulrich Lentz, Jens Tünnemann, Holm Hönicke, Oliver Wolfram - Tobias Kluge, René Heinzel, Uwe Klinkicht, Andreas Seidel - Carlos Correia, Yaya

Tor: Oliver Wolfram

Spielbericht

Unser erster Sieg

Der Sportplatz hinter dem großen Studentenwohnheim der Leipziger Tarostraße ist in jener Zeit ein heißes Pflaster. Oben aus den hunderten Zimmern hat man einen guten Blick auf das ganze Feld. Auch aus den Treppenhäusern. Wenn du da unten spielst, sind überall Menschen aus vielen Ländern. Mit ihnen viel Temperament. Und oft auch Rivalität. Fußball ist hier ein Teil des Lebens. Alle freuen sich drauf, wenn irgendein Spiel steigt. Es gibt Spieler aus Kamerun, aus Ghana, aus Guinea Bissau, Angola, Südafrika und wer weiß aus welchen Ländern noch. Und alle wollen natürlich die Besten sein. Bei denen ist es nicht anders als bei uns.

Ich habe mich dort immer wohl gefühlt. Inmitten der Kulturen. In der Euphorie des Augenblickes. Da wird nicht lange geplant. Da sind auch keine Linien gekreidet oder Netze im Tor. Da wird improvisiert. Und dann wird gespielt und gefeiert.

Ich kannte damals viele Afrikaner und war oft dort. In den Zimmern der Jungs gab es zumeist keinen deutschen Komfort, dafür aber vorbehaltlose Herzlichkeit, Gastfreundschaft und guten Tee.

Unten auf dem Platz spielten fast täglich viele Afrikaner. Wenn du dort zuschaust, bekommst du ein Gefühl für das Spontane und Unorthodoxe. Das war Fußball ohne große taktische Ordnung. Dafür wird umso mehr gezetert und geschrien. Alles mit Herzblut und Leidenschaft.

Patrick Dhliwayo aus Südafrika und Matthias Bebobru aus Ghana, beide aus meinem Studienjahr, hatten das Spiel einer multinationalen Afrika-Auswahl gegen uns organisiert. Ein echtes Auswärtsspiel. Patrick und Matthias würden später unsere Weggefährten sein und einige Spiele für uns machen. Matthias stand ja schon gegen Kamerun für uns im Tor. Patrick ist bald unser Mann für die rechte Aussenbahn.

Der Platz war ziemlich mitgenommen. Kein durchgehender Rasen. Viele kahle Stellen. Netze und Eckfahnen haben wir mitgebracht. So konnte das Spiel unter annähernd regulären Umständen laufen.

Beim Aufwärmen verletzt sich Ralf Hertel so schwer, dass er nicht mitspielen konnte. Sein Ausfall war ein ziemlicher Verlust. Dafür kümmerte er sich aber um die Videoaufzeichnung großer Teile des Spiels von oben aus einem der Wohnheimfenster, so dass von diesem Spiel auch heute noch bewegte Bilder als Beweis für diese Schlacht auf Biegen und Brechen vorliegen.

Als Ersatz für ihn kam uns ein Spieler zu Hilfe, den ich nur vom Sehen kannte. Er hieß Yaya, war vielleicht fünfundzwanzig und kam aus Guinea Bissau. Seinen vollen Namen habe ich nicht erfahren. Er sah, dass wir nur zu zehnt sind und würde nun neben Carlos Correia im Angriff auf Torejagd gehen.

Es ist früher Nachmittag. Vielleicht zwanzig Grad. Bewölkt und kein Wind. Aber so, als würde es jeden Moment zu regnen beginnen. Ideales Wetter für einen Fight gegen die Jungs aus Afrika. Es wird unser zweites Spiel.

Die Atmosphäre ist fair und herzlich. Shake hands und Umarmungen zwischen Schwarz und Weiß. Ich liebe genau diese Momente. Hier sind alle gleich. Hier ist keiner mehr wert als der andere. Ich habe Rassismus niemals verstehen können.

Dann beginnt das Spiel. Ich kann mich an einen wilden, zerfahrenen Beginn erinnern. Wenig Ordnung, viel Zufall, nicht unbedingt hohes Tempo, aber dafür viel Kampf.

Mein Schulfreund Uli Lentz spielte bei uns Libero. Wahrscheinlich zum ersten und zum letzten Mal in seinem Leben, aber dafür ziemlich souverän! Erstaunlich, wo der das hernahm. Gutes Auge und saubere Tacklings. Vor allem in der zweiten Halbzeit. Uli und ich wohnten in der Funkenburgstraße viele Jahre direkt gegenüber und haben in unserer Jugend sicher so manche Missetaten vollbracht. Uli ist kein Fußballer, aber einer, der sich auch festbeissen kann und nicht aufgibt. Von ihm war ich sehr überrascht.

Holm und Tünne waren die Außenverteidiger. Vor allem Tünne machte ein riesen Spiel, hat ständig gegrätscht und sich in die Zweikämpfe geworfen. In meinen Augen war er einfach unglaublich. Außen spielten René Heinzel und Tobias Kluge. Beide hatten jede Menge Zweikämpfe. Und beide waren gut. Tobias unermüdlich. Der ist neunzig Minuten durchgelaufen und war ein echter Faktor. Vor allem, als wir unter Druck standen.

Ich sollte im defensiven Mittelfeld spielen, so eine Art defensive Sechs, kam aber irgendwie nicht richtig ins Spiel. Überhaupt hatten wir wie schon im ersten Spiel keine echte Zuordnung im Mittelfeld. Aber jeder ist für den anderen gelaufen. Carlos im Sturm bekam kaum Bälle und ließ sich ins Mittelfeld zurückfallen. Dort machte er die Räume geschickt eng und lief die Gegner an.

Neben Tünne überragend war auch Fischi im Tor, der ein ums andere Mal im Brennpunkt stand. Es gab viele hohe Bälle, ständiges Gerangel im Strafraum und viele Flanken. Fischi musste einige Male hoch. Oft Mann gegen Mann. Auch immer wieder Schüsse aus der zweiten Reihe. Aber so kannst du Fischi nicht überwinden.

Das Tor dann Mitte der zweiten Halbzeit. Ein lucky strike! Gut dreißig Meter, halblinks. Ich konnte den Ball volley aus der Luft nehmen, nachdem er vorher aufgesprungen war. Und dann habe ich einfach abgezogen. Der Ball ging über den etwas zu weit vor dem Tor stehenden Keeper, ein ehemaliger Nationaltorhüter aus Guinea Bissau direkt in die Maschen. Ich konnte es selbst kaum glauben!! Yeah!! Ein irres Gefühl und eines der Tore, an die ich mich immer erinnern werde.

Danach ein Sturmlauf nach dem anderen auf unsere Abwehr. Patrick und Matthias waren echte Leader und haben für die Afrikaner das Tempo angezogen. Beide immer mit viel Druck zumeist über die Mitte. Die wollten das Ding unbedingt drehen.

Konterchancen gab es jetzt kaum noch. Nicht mal ein Durchatmen. Wir wurden regelrecht eingeschnürt. African Powerplay. Auch über die Außen wurde es gefährlich. Eine Flanke nach der anderen segelte in den Strafraum. Wir mussten mit Mann und Maus verteidigen und hatten sicher auch Glück. Immer war irgend ein Bein dazwischen oder Fischi war da. Nicht gerade Fußball vom Feinsten. Eher die grobe Tour. Aber ein echtes Kampfspiel und unser erster Sieg!

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