3.Spiel : 3. November 1993, Waldstadion des VfL Leipzig
FC Waldstraßenviertel - SIEMENS-Auswahl Leipzig 4:0 (2:0)
FCW mit: Jens Fischer - Mesack Leonard Epoupa, Jens Tünnemann, Oliver Wolfram, Tobias Kluge - Rigobert Herve Kamdem, Jörg Voigtmann, Uwe Klinkicht - Martinho Ceita Stock, Matthias Bebobru, Ralf Hertel
Tore : Jörg Voigtmann, Tobias Kluge, Matthias Bebobru, Rigobert Herve Kamdem
Spielbericht
Abendspiel
Sprühregen und Flutlicht. Und wieder unser geliebtes Waldstadion.
Diesmal abends. Helmut Pavlov hatte uns zu einem Spiel unter Flutlicht gegen die Siemens-Auswahl Leipzig eingeladen und hoffte auf unsere Afrikaner, die schwarzen Perlen, wie er sie gern nannte.
Wir kamen mit vier Afrikanern, die uns später über Jahre begleiteten: Leonard und Rigobert, die beiden Kameruner, auch beide aus meinem Studienjahr, dazu unser altbekannter Matthias Bebobru und schließlich Martinho Ceita Stock, ein Arzt aus Sao Tomé.
Martinho hatte ich in meiner Zeit als Krankenpfleger an der Uni-Urologie kennengelernt. Als ich dort von Achtundachtzig bis Neunzig auf der Aufnahmestation gearbeitet habe, war er dort Student. Ich glaube, im vierten Studienjahr. Für Amateurverhältnisse war er ein brillanter Spieler. Und super sympathisch. Wenn er im Spiel ist, fällt er dir sofort auf. Wieselflink und mit starkem Antritt, dazu technisch ein Topfußballer. Du kannst ihn nicht greifen. Er entwischt dir immer. Vielleicht ist er ein wenig zu klein, um ein ganz Großer werden zu können. Aber es war immer eine Augneweide, ihn spielen zu sehen. Leichtfüßig und elegant ging er oft durch seine geschmeidigen Bewegungen den Zweikämpfen aus dem Weg. Ein Albtraum für jeden Verteidiger.
Mesack Leonard Epoupa und Rigobert Hervé Kamdem, meine kameruner Studienkollegen könnten unterschiedlicher nicht sein. Leonard ist wortkarg und eher verschlossen. Er beobachtet die Dinge, bevor er spricht und ist nie vorschnell in seinen Äußerungen. An seiner Mimik kannst du nicht erkennen, was er denkt. Auf dem Platz dagegen spürst du es. Er ist ein eisenharter Verteidiger und sucht wie ich den Erfolg. Nicht das schöne Spiel. Er ist schnell und unheimlich zweikampfstark. Am Boden fast nicht auszuspielen.
Rigobert ist ganz anders. Er sucht die Harmonie. Sein Gesicht und sein Herz sind offen. Wenn du ihn anschaust, hast du immer das Gefühl, dass er ein alter Freund ist. Wenn er mit seiner tiefen und unglaublich sympatischen Stimme spricht, entstehen auf besondere Weise Vertrauen und Verbindung. Auch auf dem Platz ist er kein Killer. Er würde sich zweimal entschuldigen, wenn er dir auf den Fuß tritt. Als Spieler vielleicht eine offensive Acht. Er sucht nicht die Zweikämpfe, geht ihnen aber auch nicht aus dem Weg. Rigobert kann kämpfen. Du musst ihn nur entfesseln.
Ob Martinho, Leonard oder Rigobert. Ich mochte sie alle drei. Jeden auf eine andere Weise. Sie waren wichtig für uns. Und für unseren Weg, der jetzt begann.
Der vierte Neue war Jörg Voigtmann.
Dieses Spiel war sein allererster Auftritt für uns. Spielten wir im „Herrn der Ringe“ wäre er unser Gandalf. Einer, der vorweggeht und die Gefährten geleitet, sie durch alle Wetter führt, ihnen Halt gibt und an den sie glauben.
Jeder, der in den Neunzigern im Waldstraßenviertel einen Ball am Fuß hatte, kennt Jörg. Für uns und auch für mich war es eine Ehre, mit ihm gemeinsam auf dem Feld zu stehen. Jörg ist ein Zauberer. Mit ihm an deiner Seite fühlst du dich gut. Irgendwie sicherer. Und du wirst besser. Zwanzig Prozent. Mindestens.
Wie er die Bälle verteilt, seine Übersicht, sein Ballgefühl. Man kann seine Bewegungen schwer nachahmen oder beschreiben. Vieles war Intuition, Harmonie mit dem Ball und totale Übersicht.
Zwei Dinge sah ich bei ihm in den Jahren, die wir gemeinsam gespielt haben immer wieder. Das erste war: Er war ein echter Anführer, ohne wirklich ein solcher sein zu wollen. Keine Allüren, kein Dominanzgehabe. Nicht mal laute Ansagen. Wir alle sind ihm gefolgt, weil er ein Spiel lesen konnte und das, was er tat das Richtige war. Seine genialen Pässe, seine Spielverlagerungen oder auch mal das Tempo rauszunehmen. Alles im richtigen Augenblick.
Das zweite war für einen Fußballer vielleicht noch ungewöhnlicher. Ich kann mich täuschen, aber ich hatte nicht selten das Gefühl, dass es Jörg mehr um das Spiel selbst und nicht um den Sieg ging.
Mit ihm in unserer Mannschaft haben wir in vielen Spielen nur ein einziges Mal verloren. Und dies fünfzehn Jahre später. Im strömenden Regen an der Westküste von Nordengland. In seinem allerletzten Spiel.
Jetzt, im November Dreiundneunzig ist er noch beim VfL-Erzrivalen Motor Nord in der Stadtklasse unter Vertrag. Und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er damals überhaupt meiner Einladung ins Waldstadion des VfL gefolgt ist.
Das Spiel selbst hatte kaum Höhepunkte. Es ging nur über zwei Mal vierzig Minuten. Die ganze Zeit Kälte und Sprühregen unter Flutlicht. Jörg selbst machte das 1:0 mit einem Sechzehnmeter-Knaller. Die Jungs von Siemens hatten nicht viel entgegenzusetzen. Sie liefen dem Ball zumeist hinterher. Wenn Fischi gefragt wurde, dann nur mit vereinzelten Versuchen aus der Distanz. Auch Helmut selbst war ein paar Minuten für Siemens auf dem Platz. Die ganze Zeit absolutes Fairplay. Es ging nicht in die Beine. Einfach nur schöner Fußball auf einem klatschnassen Feld. Der Rest waren ein paar schöne Tore und eine gemeinsame Gulaschsuppe hinter beschlagenen Fenstern in Helmuts Kantine.