4.Spiel : 26. April 1994, Südanlage des Leipziger Sportforums
FC Waldstraßenviertel - VfL Leipzig 1977 Junioren 3:5 (2:2)
FCW mit: Jens Fischer - Mesack Leonard Epoupa, Jens Tünnemann, Roger Fischer, Andreas Seidel, Oliver Wolfram - Tobias Kluge, Rigobert Herve Kamdem, Uwe Klinkicht - Martinho Ceita Stock, Boris Röhricht (Ralf Hertel)
Tore: Oliver Wolfram, Rigobert Herve Kamdem, Ralf Hertel
Spielbericht
Auf Biegen und Brechen
Wenn ich heute, nach vielen Jahren zurückschaue, ärgert es mich ein wenig, dass wir von diesem Spiel, wie überhaupt von manchen Spielen der ersten beiden Jahre, kein Mannschaftsfoto gemacht haben. Und auch sonst kein Bild. So bleiben nur Bilder, die immer mehr vergilben. Und immer blasser werden. Aber sie sind noch da. Den Spirit des Spiels kann ich noch immer spüren. Weil es ein Kampfspiel war. Zwei gehen aufeinander los mit offenem Visier. Ein absoluter Fight.
Ich denke gerne an dieses Match zurück. Obwohl wir es verloren haben.
Jens Fischer, unser Keeper oder “Fischi”, wie wir ihn alle nennen. Ohne ihn sind wir nicht der Fussballclub Waldstraßenviertel. Er gehört untrennbar zu uns. Fischi hat über Jahre hinweg zuverlässig, oft herausragend und manchmal sogar phantastisch gehalten. Ich kann mich an Momente erinnern, wo er uns mit unglaublichen Reflexen auf der Linie im Spiel gehalten halt. In den großen Turnieren, die bald kommen würden. Fisch hat nur selten Fehler gemacht. Aber in den Neunzigern gibt die eine Ausnahme.
Es ist April Vierundneunzig, ein später Nachmittag. Wieder hatte Helmut Pavlov, der nun mittlerweile Geburtshelfer und Ziehvater unserer Mannschaft war zum Spiel gegen die A-Jugend seines VfL eingeladen. Diesmal auf der Südanlage des Leipziger Zentralstadions, wo ich einen großer Teil meiner Jugend verbracht habe.
Hier, nahe am Waldplatz siehst du das Sportforum und hörst die Straßenbahnen. Ein kleiner Springbrunnen ist da. Wo die Menschen in der Sonne sitzen. Ein paar Bäume gibt es da an der Ecke zur Friedrich-Ebert-Straße. Und einen kleinen Spätshop. Der ist nur eine Durchreiche aus einem der Fenster.
Vor uns lief noch ein anderes Spiel. Helmut hatte irgendwas übersehen. Tut mir leid, Jungs, ihr müsst noch warten. Anderthalb Stunden in der immer längere Schatten werfenden Nachmittagssonne.
Zurück zu Fischi. Der hatte sich, um die Zeit zu verkürzen, vom kleinen Spätshop ein Bierchen geholt. Eine Halbliterbüchse Holsten. Mir standen Augen und Mund offen. Mensch, Fischi, was ist das denn??
Sekunden nach Spielbeginn schlug es ein. Und wie! Vom Anstoß weg. Ein Direktschuss von der Strafraumgrenze an die Lattenunterkante. Von dort an Fischis Kopf. Und von dort ins Tor. Die Szene hat sich mir tief eingebrannt. Auch über die Jahre hinweg. Fischi hat später immer wieder beteuert, das hätte mit dem Holsten nie im Leben etwas zu tun gehabt. Es wäre ein wahnsinns Schuss gewesen. Ein Sonntagsschuss. Absolut nicht zu halten. Auf gar keinen Fall.
Wir liegen also zurück, noch bevor das Spiel richtig beginnt. Mit einem solchen Hammerschlag. Ich fasse es nicht. Fischi wedelt noch immer mit dem Zeigefinger. Ein Synonym für Unhaltbar.
Und die drücken sofort weiter. Und versuchen in den ersten Minuten gleich nochmal nachzulegen. Die sind schnell und hungrig. Und sie wollen den Knockout. Verdammt nochmal, wir müssen aufwachen! Los, Jungs, an die Ruder! Leonard, Boris, Hervé und ich sind die ersten, die dagegenhalten.
Die anderen ziehen nach. Viele herrliche Zweikämpfe. Es wird verbissen gekämpft. Fast zu viel für ein Spiel dieser Art. Pausenloses ruppiges Gerangel und Gezerre. Obwohl unser Gegner kompakter steht und besser organisiert ist, bekommen wir über die gewonnenen Zweikämpfe die Oberhand und sind jetzt in einem offenen Schlagabtausch die bessere Mannschaft.
Über die Zweikämpfe kommst du ins Spiel. Das wissen wir. Vor allem im Mittelfeld. Leonard kämpft und rempelt. Auch Boris ist ein ganz dickes Brett. Am Boden nicht auszuspielen. Und immer ruhig. Tünne hat einen schnellen Mann gegen sich, gibt sich aber keine Blöße und steht in der Defensive sicher. Klasse auch, wie Hervé gefightet hat. Für mich neben dem ballschleppenden und stets anspielbereiten Martinho unser bester Mann.
Von Andreas ging wie immer viel Dynamik aus. Als linker Verteidiger war er absolut offensiv. So, wie er es später in vielen Spielen immer wieder tun würde. Fast immer beteiligt am Spielaufbau. Für mich eine Freude, wie sauber er auch unter Druck die Bälle spielt. Und seine Flankenläufe! Andi macht ein klasse Spiel!
Auch Tobias habe ich gut in Erinnerung. Zuverlässig und ballsicher. Er macht im Mittelfeld die Räume eng und geht alle Wege mit.
Mitte der ersten Halbzeit haben wir das Momentum. Diesen Punkt, wo du merkst, dass du Rückenwind hast. Unser Gegner wirkte nach starkem Beginn nicht mehr so eingespielt, sondern für ein paar Minuten ungeordnet. Jetzt haben die gespürt, dass man gegen uns auch verlieren kann. Mir kommen sie in dieser Phase eher blutleer und pomadig vor. In der Abwehr sogar überheblich.
Das 1:1 ist ein Abstauber von mir. Die spielen dahinten “Lass du ihn durch, ich hab ihn auch nicht”. Das Tor fällt, weil wir sie permanent angelaufen sind.
Noch mitten im Durchatmen sind die wieder mit einem blitzschnellen Angriff in Führung gegangen und nach Rigoberts wütendem Ausgleichstreffer, der Lohn für sein überragendes Spiel, geht es in die Pause.
Oh Mann, ist das ein Fight. Wir stehen klitschnass unter den Bäumen. Halten wir das noch fünfundvierzig Minuten durch? Um mich herum kann ich in keinem Gesicht ein Nein sehen. Aber wir spielen gegen eine A-Jugend. Die sind jung und werden zurückkommen. Und sie werden jetzt Tempo machen. Los, Männer, wir halten dagegen!
Nach der Halbzeit schrauben wir am System. Ralf kommt für Boris, der nominell eine Art Acht gespielt hatte in den Sturm und machte im Strafraumgewühl gleich zur Auftakt die 3:2-Führung für uns. Der Ball sah kurios aus. Ralf stand im Fünfmeterraum mit dem Rücken zum Tor. Ich habe das Tor so gesehen, als hätte er es mit dem Hinterkopf gemacht. Nicht ganz so wie Uwe Seeler Neunzehnhundertsiebzig bei der Weltmeisterschaft gegen England. Ralf stand viel näher zum Tor. Kurz vor der Linie. Später sagt er mir, der Kopfball wäre nicht drin gewesen. Erst danach hätte er ihn mit dem Fuß über die Linie gedrückt.
Auf jeden Fall ist es absolut verdient. Aber jetzt war Schluss mit lustig.
Schlagartig wurde es ein hartes Spiel. Beide Mannschaft stehen hoch. Im Mittelfeld ist wenig Platz. Martinho, den sie nicht zu fassen kriegen wird mehrfach gehalten und gefoult. Vom Schiedsrichter kam keine Ansage. Auch kein Gelb. Kein Nichts. Ich sehe noch deutlich vor mir, wie Andi im halblinken Mittelfeld einen Gegenspieler tunnelt. Damit hat er sie glaube ich endgültig gezündet. Danach war es nur noch der pure Kampf. Bis ungefähr zehn Minuten vor dem Ende hielten wir dem immer grösser werdenden Druck noch stand. Aber wir standen zu hoch. Und die haben uns dreimal in fast der gleichen Weise regelrecht überlaufen. Auch Fischi hatte mit keinem der Tore mehr etwas zu tun.
Am Ende haben wir ein rassiges Spiel verloren. Eines auf Biegen und Brechen. Wenn ich zurückdenke, haben wir zum ersten Mal klasse gespielt. Wir haben zusammengefunden. Wir haben gegrätscht und gebissen. Und sind eine richtige Gemeinschaft gewesen. Vielleicht zum allerersten Mal. Genau deshalb denke ich so gerne an diesen Tag zurück..