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8.Spiel : 30. Oktober 1994, Sportplatz Rohrteichstraße Leipzig

FC Waldstraßenviertel - Gohglmohsch 1:6 (0:2)

FCW mit: Jens Fischer - Roger Fischer, René Heinzel, Jens Tünnemann, Patrick Dhliwayo - Holm Hönicke, Oliver Wolfram, Uwe Klinkicht, Peter Freude - Martinho Ceita Stock, Ralf Hertel

Tor: Martinho Ceita Stock

Spielbericht

Via dolorosa

Kersten Guthke und ich hatten uns im Studium kennengelernt. Er spielte bei Gohglmohsch. Und das im doppelten Sinne.

In Leipzig kannte Gohglmohsch nach Neunzehnhundertneunzig jeder. Das Wort kommt aus dem Sächsischen und steht wohl am ehesten für wildes Durcheinander. Vielleicht auch für wirres Gerede. Es war zuallererst ein Kabarett der Nachwendezeit am Leipziger Markt. Mit wachsender Beliebtheit und einem treuen Publikum. Die Abende hatten damals große Anziehungskraft. In einer Zeit, in der Kabarett seht beliebt war. Und Gohglmohsch hatte eine Gallionsfigur. Und die hieß Meigl Hoffmann.

Meigl ist in meinen Augen polarisierend. Man kann ihn mögen oder man tut das nicht. Dazwischen ist wenig Raum. Ohne Zweifel hat er eine Aura, die er vom Kabarett auch auf den Platz brachte, wobei er für mich ein besserer Kabarettist als Fußballer war.

Von Meigl und mir erzähle ich noch.

Vom Gohglmohscher Kabarett hatte ich irgendwann eine Vorstellung gesehen. Ich glaube, das war damals im zweiten Studienjahr. Ein Drei-Personen-Abend in sächsischer Mundart. Meigl und Ecki, auch ein Ur-Gohglmohscher waren dabei. Kersten war an jenem Abend der Dritte. Für mich war er intelligent und witzig. Und wenn ich mich nicht irre in der Rolle einer Putzfrau.

Aber Gohglmohsch war auch eine Fußballmannschaft. Eine, die man in der Szene kannte. Genauso wie wir waren sie eine Handvoll Freizeitkicker und keine einfachen Bolzer, sondern Jungs, die wissen, wie’s geht. In allen Mannschaftsteilen gut aufgestellt. Also beileibe nichts von der Stange. Die schwarz-weiß quergestreiften Trikots der Gohglmohscher tauchten bei vielen Freizeitturnieren in sächsischen Landen auf. Und oft gewannen sie die Turniere. Sie spielten guten, schnellen Fußball. Aus einem klugen Zentrum heraus schnell vertikal und mit viel Speed der zwei schnellen Stürmer. Ach ja, und feiern konnten sie auch. Das machte sie für mich sympathisch.

Ich habe einmal auf Einladung bei ihnen mitgespielt. Bei einem großen Fanturnier bei Sachsen Leipzig in Georg-Schwarz-Sportpark. Draußen in Leutzsch. Gohglmohsch war Titelverteidiger und ich sehe noch Meigl, wie er früh morgens vor Turnierbeginn den großen Wanderpokal in die Höhe streckt und in die vielen Menschen ruft: „Schaut ihn euch nochmal an. Den werdet ihr nie wieder sehen!“

Ganz schön mutig, dachte ich damals. Eine echte Rampensau.

Aber er würde recht behalten. Wir gewannen mit Gohglmohsch das Turnier und ich habe gesehen, was in denen steckte. Auf Kleinfeld intelligenter Spielaufbau und große Ballsicherheit. Und jede Menge Power im Sturm. In meinen Augen gab es drei Schlüsselspieler: Steffen Naumann, der kluge Lenker im Mittelfeld und die beiden schnellen Stürmer Albrecht Herold und Jan Kratzer, den alle wegen seiner langen Haare nur Zarate nannten. Ich glaube, das ging auf Sergio Fabian Zarate zurück, einen Argentinier, der Anfang der Neunziger für den 1. FC Nürnberg spielte.

Wenn ich zurückschaue, war die Konkurrenz zwischen Gohglmohsch und uns ein Ansporn für uns alle. Etwas, das auch mich antrieb. Und ein wichtiger Motor für unsere Entwicklung. Genau im richtigen Moment.

Später, als es Gohglmohsch zumindest als Fußballmannschaft nicht mehr gab, spielten Albrecht, Zarate, Steffen, Kersten und auch Mario Hamerla viele Spiele für uns. Sie waren willkommen. Als Freunde und als Fußballer. Die Schnelligkeit und die Torgefahr von Zarate und Albrecht waren unglaublich, Steffens Übersicht und die Ballbehandlung einfach nur großartig. Mario machte konstant gute Spiele auf hohem Niveau und schoss durchaus auch einige Tore. Und auch Kersten war bei jedem seiner Auftritte souverän. Wohl dem, der sie alle in seiner Mannschaft hat.

Wie kam das Spiel gegeneinander zustande?

Es war in der Pause einer Pharmakologie-Vorlesung im großen Hörsaal Philipp-Rosental-Straße. An einem Nachmittag im September Vierundneunzig. Kersten und ich saßen zusammen. Halblinks in einer der mittleren Reihen. Wir sprachen über seine Mannschaft und Kersten meinte, Gohglmohsch sei auf Freizeitebene praktisch unschlagbar. Und wir wären sowieso eine Nummer zu klein. In mir machte es Peng. Das waren genau die Sätze, die an meine kurze Zündschnur passten.

Ein kurzer harter Handschlag, Kerstens Ansage, dass wir eine Klatsche kriegen würden und mein „Schaun wir mal“ besiegelten die Abmachung für ein Spiel beim SV Post im Leipziger Mariannenpark.

Im Vorfeld des Spiels hagelte es jede Menge Absagen. Andi Seidel und Tobias Kluge waren nicht dabei, auch Jörg und Mesack Leonard Epoupa nicht mit von der Partie. Und selbst am Spieltag hörten die schlechten Nachrichten nicht auf. Der US-Amerikaner Frederic Cotterel und Detlef Piepke, die ich vom VfL Leipzig angeheuert hatte, sagten beide am frühen Morgen noch ab. Schönes Schlamassel! Spätestens jetzt ahnte ich, was uns im Mariannenpark blühen würde.

Hilfsbereit sprang mein guter Freund und Schulkamerad Peter Freude ein. Mit Peter verbindet mich eine lange Freundschaft zu Kinderzeiten. In Leipzig haben wir zusammen das Abitur gemacht, zusammen Tennis gespielt und durch die Gegend gezogen. In zwei Fahrradurlauben waren wir Dreiundachtzig mit dem Zelt durch Thüringen unterwegs. An den Saaletalsperren.

Von Hause aus ist Peter kein echter Fußballer. Aber ein Allrounder, der wenn es sein muss auch kämpfen kann. Nicht anders Roger Fischer aus meinem Studienjahr. Der kam jedoch erst im Mariannenpark an, als wir schon auf dem Platz standen und das Spiel beginnen sollte. Deshalb fehlt er auch auf dem Foto. Und dann begannen neunzig Minuten Demütigung.

Dreißigster Oktober vierundneunzig. Kein gutes Datum für uns. Es ist unangenehm kalt und trübes Wetter. Mit leicht böigem Wind und Regen. Ein früher Nachmittag und der Platz steht ziemlich unter Wasser. An das, was dann geschah, denke ich nicht gern zurück. Gohglmohsch in den legendären schwarz-weiß-quergestreiften Trikots. Wir in ungewohntem Rot mit der VfL-Werbeaufschrift von Helmuts Bekanntem, dem Fleischer “Wildmüller”.

Wir stehen im Wind und warten auf Roger und den Anstoß. Ecki, der Kabarettist spielt an der Seitenlinie im Nieselregen auf seiner Trompete. Und Meigl singt dazu „Sudamerica, Sudamerica oh-oh, Sudamerica, Sudamerika oh-oh“.

Und dann ging es los.

Es könnte noch so etwas wie ein verhaltener und ausgeglichener Beginn gewesen sein. Ein paar Querpässe auf schwerem Boden, aber es ist gleich klar, dass wir hier schwer unter die Räder kommen werden. Gohglmohsch war übermächtig. Genau wie Kersten es vorausgesagt hatte. Und jetzt kamen sie auch noch richtig ins Spiel.

Im Mittelfeld regiert Steffen, der das Tempo mal anzieht, mal das Spiel verlagert. Mit klugen und genauen Pässen. Meistens auf links, wo Tünne gegen einen überragenden Zarate einen ganz schweren Stand hatte. Ein ums andere Mal wurde er von ihm regelrecht ausgetanzt.

Ein Wunder, dass das erste Tor so spät fiel. Aber was für ein unvorstellbares Tor! Irgendjemand zog weit in der Gohglmohscher Hälfte stehend einfach ab. Es könnte Meigl Hoffmann gewesen sein. Als der Ball, der weit nach oben ging, losflog, hatte ich sofort ein ungutes Gefühl. Fischi hat mit dem Ball nicht gerechnet und dann schlug er, weit vom Wind getragen bei ihm im Dreiangel ein. Unglaublich. Vielleicht sechzig Meter. Eines der wahnsinnigsten Tore, die bis heute gegen uns geschossen wurden.

Und es leitete die Demontage ein. Wir sind völlig zerfallen. Peter und Holm waren im Mittelfeld in allen Belangen überfordert. Keiner von beiden konnte Akzente setzen. Patrick war genau wie René Heinzel überhaupt nicht zu sehen. Nur Martinho, Tünne und in Ansätzen ich stemmten sich dagegen. Oben dunkle Wolken. Ich mit großer Wut im Bauch.

Fischi schreit sich die Kehle heiser. Alles vergeblich. An diesem Tag geht nichts. Es konnte mit dieser Mannschaft auch nichts gehen. Nichts gegen Roger, Ralf, Peter und René. Aber sie waren nicht von dem Kaliber, das man gegen ein Gohglmohsch brauchte, welches sich damals auf einem anderen Level befand. Die waren eingespielt und ballsicher. Und vor allem nach vorne unglaublich schnell.

So schwappte eine Welle nach der anderen über uns. Nazim, der türkische Dribbelkünstler und Zarate spielten unsere Aussenverteidiger schwindlig. Von hinten trieben Kersten, Meigl und der überragende Steffen die Bälle nach vorne. Und Albrecht war noch nicht mal dabei.

Die Szenen wiederholten sich, in denen Fischi verzweifelt schreit und ordnet, Patrick resignierend den Kopf senkt und ich mir die Haare raufe. Martinho machte zu Beginn der zweiten Halbzeit unser einziges Tor zum zwischenzeitlichen 1:2.

Jedes Gegentor war demoralisierend, weil Gohglmohsch selbst dann noch überlegen war, als es einen Gang zurücksteckte. Währenddessen stand Ecki mit seiner Trompete hinter unserem Tor und begleitete die Angriffe seiner Mannschaft. Und vor allem die Tore.

Gohglmohsch wird das Spiel gewinnen. Daran zweifelt hier niemand mehr. Zu sicher läuft der Ball, zu schnell und zu trickreich sind die Außen. Eine tolle und faire Mannschaft!

Allein Meigl war kein guter Sportsmann. Im Gefühl des großen Sieges provozierte er uns ständig. Ein einfaches Debakel für uns war ihm nicht genug. Auch verbal wollte er uns demütigen. Trauriger Höhepunkt ist eine Szene wenige Minuten vor dem Ende. Tut mir leid, sowas zu schreiben, aber es ist wahr. Meigl spielt den Ball als letzter Mann dem heranstürmenden Uwe Klinkicht mit höhnischen Rufen direkt vor die Füße. Komm, Kleiner, du darfst auch nochmal. Aber Uwe vertändelt den Ball im Schlamm.

Als Meigl kurz darauf zu einem Alleingang aus der eigenen Hälfte startet und mich im Mittelkreis überlaufen will, habe ich ihn gefoult. Ein dummer und schwerer Fehler, den ich schnell und vor allem lange bereuen würde. Meigl fiel spektakulär und ich spürte sofort einen wahnsinnigen Schmerz am rechten Schienbein. Unmittelbar oberhalb meines Schienbeinschützers sind wir zusammengeknallt. Ein Schmerz, der nicht mehr aufhören wollte. Ich musste sofort vom Feld und habe das Ende des Spieles nur noch von außen erlebt.

1:6 gegen eine klar bessere Mannschaft. Und auch in dieser Höhe völlig verdient. Der Weg in die Kabine war schlimm. Das Schienbein war die Hölle und auch Kerstens „Shake hands“ habe ich wütend ausgeschlagen. Anschließend saßen wir noch alle zusammen in der Sportbaude des SV Post und haben Meigls Jubelgesänge über uns ergehen Lassen. Ich mit übel geschwollenem rechten Unterschenkel.

Das Spiel kam dennoch im richtigen Moment für uns. Mögen Jörg, Andreas oder Leonard noch so sehr gefehlt haben. Wir würden uns auf jeden Fall weiterentwickeln müssen, wenn wir auf lange Sicht zusammenbleiben wollten. Martinho, Ralf Hertel, Roger Fischer und René Heinzel machten damals ihr letztes Spiel für uns. Martinho würde als Arzt nach Saó Tomé zurückgehen. Ralf hatte irgendwann in der Zeit danach einen Kreuzbandriss und zog sich generell vom Fußball zurück. Peter würde uns noch ein dreiviertel Jahr später für ein letztes Spiel im Waldstadion aushelfen.

Irgendwie habe ich mich damals nach Hause geschleppt. Später im Röntgenbild ein langer Haarriss durch das Schienbein unterhalb des Plateaus. Ich würde fünf Wochen mit einer Schiene am Bein zubringen und im Studium auf der Couch lernen müssen. Meigl Hoffmann ging mir immer wieder durch den Kopf. Und diese dumme Sache mit dem Foul.

Es war Zeit für einen Neubeginn. Schon mit dem nächsten Jahr brachen bessere Zeiten an. Und Gohglmohsch würden wir in zwei Jahren wiedersehen. An einem zweiundzwanzigsten September. An einem unserer großen Tage.

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