9.Spiel : 23. April 1995, Nordanlage des Sportforums
FC Waldstraßenviertel - SV Robotron Leipzig 7:2 (3:1)
FCW mit: Steffen Remler - Thomas Kott, Andreas Seidel, Holm Hönicke, Patrick Dhliwayo - Tobias Kluge, Uwe Klinkicht, Jens Tünnemann, Jörg Voigtmann, Oliver Wolfram - Steffen Scholz
Tore: Uwe Klinkicht (3), Jens Tünnemann (2), Oliver Wolfram, Tobias Kluge
Spielbericht
Der Anfang der großen Jahre
Ein halbes Jahr nach dem Sturz in die Bodenlosigkeit hatten einige unserer Jungs unseren Traum noch nicht aufgegeben.
Aus dem geschlagenen Team vom Oktober vierundneunzig waren noch fünf dabei. Holm, Patrick, Uwe, Fischi und ich. Dazu kamen wieder Andreas, Jörg und Tobias, so dass es personell gesehen kein richtiger Neuanfang war, als es im April fünfundneunzig weiter ging.
Mit Thomas Kott kam ein Verteidiger zu uns, der in der 43. Oberschule in meine Parallelklasse ging und mit dem ich in der Zeit bei der WSG Rosental, also zu Knaben- und Schülerzeiten, einige Jahre zusammmengespielt hatte. Ein knüppelharter Eisenfuss und einer der besten Verteidiger, die ich damals kannte. Einer mit Übersicht. Rigoros im Zweikampf und im Kampf Mann gegen Mann kaum auszuspielen. Den willst du nicht gegen dich haben. Auch ich habe lieber mit ihm als gegen ihn gespielt. Obwohl auch er sicher in die Jahre gekommen war, gab er sein Okay und spielte für dieses eine Jahr bei uns.
Komplettiert wurden wir von Steffen Scholz, einundsiebziger Jahrgang, den ich in meiner damaligen aktiven Zeit beim VfL Leipzig kennengelernt hatte. Er spielte dort in der zweiten Mannschaft und wohnte, wie übrigens auch Thomas Kott schon viele Jahre im Waldstraßenviertel. Er war nicht gerade das, was man einen Supertechniker nennt, aber ein grundsolider Spieler, ein Allrounder, der praktisch jede Position spielen kann und über einen akzeptablen Schuss verfügte.
Durch eine Beziehung zum Sport- und Bäderamt, die natürlich auf Helmut Pavlov zurückging, konnte ich die frisch modernisierte Nordanlage im Sportforum mieten. Eine ganz hübsche Anlage zwischen Sprint- und Mehrzweckhalle mitten im ehemaligen DHfK-Gelände, umgeben von Grün und mit direktem Blick auf den großen „Kessel“ des Zentralstadions, der in den Jahren danach so etwas wie unser Zuhause wurde.
Wie wir ausgerechnet auf Robotron kamen, weiss ich heute nicht mehr. Vielleicht hatte es wieder einmal Helmut vermittelt. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern.
Es war sehr heiss an diesem Apriltag, viel zu heiss für den Frühling. Und wir spielten um die Mittagszeit. Weil Fischi und auch Matthias damals nicht konnten, hatte ich Jens Steinhardt, den Gohglmohscher Keeper angeheuert, der aber dann zum verabredeten Zeitpunkt nicht da war und uns somit versetzt hatte. Eine halbe Stunde vor Spielbeginn war klar, dass wir keinen Torwart haben würden.
Chaosüberlegungen setzten ein. Ausserdem waren wir jetzt nur zu zehnt. Zufällig tauchte Steffen Remler auf, der damals oft auf der Festwiese spielte und bot sich an, ins Tor zu gehen. Andi und ich kannten ihn. Ein Straßenfußballer. Wir wussten beide, dass er nie im Leben irgendwo im Tor gestanden hatte. Aber wir schlugen sein Angebot nicht aus. Elf sind besser als zehn. Und waren damit gut beraten, weil er seine Sache gut machte.
Vom Anstoß weg waren wir die klar bessere Mannschaft. Mit Druck aus allen Mannschaftsteilen. Jörg tanzte und dirigierte, Andreas spielte links wieder den klassischen Offensiv-Verteidiger, Uwe wieselte mit seinen schnellen Antritten über den rechten Flügel, Tünne und ich hatten viel Zug nach vorn, Patrick war eine Art Abfangjäger vor der Abwehr und hinten rührte Thomas Kott allein durch seine Präsenz Beton an.
Uwe, der wie immer seine 7 trug, machte drei Tore, weil er ständig und überall dort zu finden war, wo es gefährlich wurde. Ich habe das Tor zum 3:0 aus zwanzig Metern Torentfernung aus vollem Lauf gemacht. Der Ball drehte noch ab und schlug im rechten unteren Eck ein.
Ich denke, es ging mit 3:1 in die Pause und bei brütender Mittagshitze in die zweite Halbzeit, in der dann Tünne, Tobias und noch mal Uwe die weiteren Tore machten. Viel ist nicht mehr zu sagen über dieses Spiel. Zu deutlich war unsere Überlegenheit und zu gering die Gegenwehr.
Steffen Remler, dem man natürlich anmerkte, dass er kein Torhüter war, ging naturgemäß stets mit den Füßen zum Ball. Zweimal wurde ihm das zum Verhängnis, aber wir waren ihm dankbar, dass er bei uns im Tor war.
Einziger Wermutsstropfen war der andere Steffen. „Scholle“, der unsere nominell einzige Spitze war, wurde kaum in Szene gesetzt und so lief das Spiel größtenteils an ihm vorbei. Er rackerte, lief und riss oft Lücken um die ohnehin desolaten Manndecker, bekam aber kaum einen Ball. Nachher hat er sich bitterlich bei mir beklagt. Zu recht, wie ich fand.
Die kommenden Jahre würden ihn trösten. Auch er würde noch große Spiele machen. In Leipzig und in der großen Welt. Wenige Jahre später wird er in einem VW Sharan mit uns nachts nach Nordengland fahren und um West Cumberland kämpfen. Als ein rechter Verteidiger. Scholle würde noch oft über sich hinauswachsen. Aber von all dem wussten wir damals noch nichts.
Ein anderer, der erst zwei Jahre später in unsere Mannschaft kam, saß an jenen Tag bereits unter den wenigen Zuschauern: Peter Teichmann, ein zwar oft lauffauler, aber technisch guter und nicht selten sogar genialer Exzentriker hatte dieses Spiel auf einer der umgebenden Zuschauerhänge verfolgt. Auch er kam wie Scholle und ich vom VfL Leipzig und schien damals bereits nach einer Mannschaft wie uns zu suchen, in der er kreativ und unabhängig von den oft taktisch starren Spielsystemen der damaligen Stadtklasse sein konnte. Er prägte unser Spiel später sehr und war immer auf der Suche nach Anerkennung. Er sollte sie bekommen.