10.Spiel : 22. Juli 1995, Waldstadion des VfL Leipzig
FC Waldstraßenviertel - VfL Leipzig 1977 (II) 4:3 (1:1)
FCW mit: Matthias Bebobru - Mesack Leonard Epoupa, Jens Tünnemann, Kersten Guthke, Patrick Dhliwayo - Holm Hönicke, Andreas Seidel, Rigobert Herve Kamdem, Jörg Voigtmann - Peter Freude, Oliver Wolfram
Tore: Holm Hönicke (2), Rigobert Herve Kamdem (2)
Spielbericht
Einer für alle. Und alle für einen!
Wenige Wochen nach unserer Wiedergeburt zog es uns auf Helmuts neuerliche Einladung hin wieder in unser geliebtes Waldstadion. Trotz der Niederlage vor zwei Jahren im Kamerun-Spiel waren sich alle einig: das Stadion ist eines der schönsten in Leipzig. Direkt am Waldrand, herrlicher Rasen und mit etwa neunzig Metern ein eher kleines Feld, was der konditionell schwächeren, aber dafür technisch besseren Mannschaft entgegenkommt. Lediglich Jörg, der als Motor-Nord-Spieler kein VfL-Sympathisant sein konnte, war nicht leicht zu motivieren hier aufzulaufen.
Sommer Fünfundneunzig, Saisonvorbereitung des VfL. Und wir gegen die zweite Mannschaft, in der es jetzt auch ein Wiedersehen mit Scholle geben sollte. Diesmal auf der Seite des Gegners.
Wir hatten zum ersten Mal Kersten Guthke von Gohglmohsch dabei, der eine starke Abwehr um Leonard, Tünne und Patrick komplettierte. Auch unser Mittelfeld war vielversprechend: Jörg, der Ballzauberer, dem weniger das Ergebnis eines Spiel etwas bedeutete. Nein, Jörg will das Spiel und im Gegensatz zu mir nicht den Sieg. Er will den Ball streicheln. Mit ihm eins sein. Jörg ist ein großer Fußballer.
Neben ihm Andreas, der technisch raffinierte Impulsgeber. Vor allem im Spielaufbau ist er nicht mehr wegzudenken. Für jeden Gegner durch seine permanenten Flankenläufe über links eine große Gefahr, dazu Hervé, der sich, wenn er einmal Feuer fing, mit allen Kräften in ein Spiel wirft und noch den Rückenwind seines tollen Spiels vom April vierundneunzig hatte. Ein friedlicher Kämpfer. Ein rainbow warrior.
Schließlich noch Holm, der mit seiner guten Physis konditionell über den Dingen stand und immer für eine Überraschung gut war. Auch über die vollen neunzig Minuten.
Im Sturm wollte Peter neben mir spielen, weil er meinte, hier durch eventuelle Ballverluste „den wenigsten Schaden“ anrichten zu können. Er stapelte tief, denn er machte ein gutes Spiel, obwohl er erst Minuten vor Spielbeginn im Waldstadion ankam, sich kaum aufwärmte und ins kalte Wasser geworfen wurde.
Dreizehn Uhr Anstoss im Waldstadion. Beim Gastgeber war klar, dass man nicht gegen uns verlieren wollte. Nicht zu Hause und schon gar nicht in der Vorbereitungsphase auf die neue Saison. Wer in die Mannschaft wollte, hat oft nur in der Sommerpause Gelegenheit, sich anzubieten.
Von Anbeginn wird es ein schnelles und kampfbetontes Spiel, in dem keiner dem anderen auch nur einen Meter Boden schenkt.
Und es wurde schnell spannend.
Holms Führung glich der VfL per Eigentor aus. Der Unglücksrabe war Leonard, der eine Flanke auf der rechten Seite unhaltbar für Matthias Bebobru mit dem Kopf ins eigene Tor verlängerte. Als wir kurz nach der Pause dann auch noch in Rückstand gerieten, war Leonard als Libero nicht mehr zu halten und brannte auf Wiedergutmachung. Seine Offensive brachte uns das Übergewicht im Mittelfeld. Aber nach hinten auch Risiko.
Das Ausgleichstor machte Hervé im Strafraumgewühl und als wieder Holm per Kopf die Führung machte, wurde das Spiel zum offenen Schlagabtausch.
Wir waren im Spielaufbau dynamischer, individuell vielleicht auch besser besetzt und optisch überlegen. Der VfL wurde dafür von Minute zu Minute zur Mannschaft, kämpfte als Einheit und entwickelte vor allem in der letzten Viertelstunde aus der defensiven Mitte heraus eine Menge Druck nach vorn. Auch Scholle zog jetzt das Tempo an. Ich glaube, der Ausgleich fiel durch Schindler mit einem direkt verwandelten Freistoß und als alles schon nach einem Unentschieden aussah, machte Rigobert den umjubelten Siegtreffer zum 4:3.
Wir haben das Spiel gewonnen, weil wir eine Mannschaft waren. Und vor allem, weil wir gekämpft haben. Weil einer für den anderen gelaufen ist. Fast so, wie man es immer sagt: Jeder für jeden. Ich habe mich sehr für Holm und seine beiden wichtigen Tore gefreut. Damals seine ersten für uns. Auch Hervé war als Matchwinner unendlich stolz. Die Spiele, in denen es richtig zur Sache ging, in denen gegrätscht und gefightet, gezogen und gehalten wird, schienen ihm zu liegen. Er genoss es, geachtet und im Mittelpunkt zu stehen. Mit seiner brummigen Stimme gab er die Komplimente verlegen an die Mannschaft zurück. Er war ein bescheidener, freundlicher und stets zuverlässiger Sportsmann. Wie muss es ihm gegangen sein, als Jörg ihn umarmte, den er sehr verehrte.