1. Kleinfeld-Turnier
(2. Leipziger Freizeitfußball-Kleinfeldturnier des Fußball-Fan-Projektes Leipzig um den Pokal der Sächsischen Spielbanken)
11. Mai 1996, Festwiese des Zentralstadions Leipzig
(5 Feldspieler plus Torwart, 1 x 10 min, 72 Mannschaften)
Vorrunde (Staffel D):
FC Waldstraßenviertel - Böttcher GmbH 4:0
Tore: Oliver Wolfram (3), Steve Brenner
FC Waldstraßenviertel - Hoffmanns Team 1:0
Tor: Oliver Wolfram
FC Waldstraßenviertel - Die Stolpersteine 1:0
Tor: Andreas Seidel
FC Waldstraßenviertel - ZOO Leipzig 1:2
Tor: Holm Hönicke
FC Waldstraßenviertel - Grün-Weiß Gohlis 2:0
(Gohlis nicht angetreten)
Als Gruppenzweiter in die Zwischenrunde (K.O-System):
FC Waldstraßenviertel - Sensation 93 1:1, nach 9-Meter-Schießen 1:3
Tor: Andreas Seidel
Neunmeterschießen: 0:1, Oliver Wolfram 1:1, 1:2, Jörg Voigtmann: rechter Außenpfosten, 1:3
FCW mit: Jens Fischer - Andreas Seidel, Patrick Dhliwayo, Jens Tünnemann, Tobias Kluge, Jörg Voigtmann, Holm Hönicke, Oliver Wolfram, Steve Brenner
Spielbericht
Noch neuneinhalb Minuten
Es ist der elfte Mai Neunzehnhundertsechsundneunzig. Wir spielen unser erstes Kleinfeldturnier. Unser wirklich allererstes.
Wenn ich darüber schreibe, kommen in mir die Bilder von damals wieder hoch. Die grauen Wolken, der Nieselregen. Die vielen Menschen auf der Festwiese. Zweiundsiebzig Mannschaften. Ich sehe noch, wie wir anrennen. Mit wirklich allem, was wir noch im Tank haben. Wie irre Andis Ball einschlägt. Wie wir schreiend übereinander herfallen. Und wie wir wenige Augenblicke später wie versteinert dastehen werden.
Die, die dabei waren, sind sich einig. Der Tag war eine Initialzündung, das Turnier wie ein lauter Schrei, der tief unter die Haut geht. Das erste Mal kamen wir in ein Neunmeterschiessen. Dort sind sie ja eng beieinander. Die Ekstase und die völlige Leere.
Eigentlich weißt du es vorher. Du kennst es von Pokalspielen. Oder vom Fernsehen. Du weißt genau, was da vor sich geht. Auch und gerade im Kopf. Aber es zu wissen ist das eine. Und es am eigenen Leibe zu spüren das andere.
Vieles spielt sich dann im Kopf ab. Mindestens zehn Prozent. Wenn der Krimi beginnt, kannst du dir irgendwas denken. Du hast auch einen Plan. Nehme ich die untere Ecke links? Oder doch oben rechts? Dennoch, du weißt niemals genau, was jetzt passieren wird.
Am Ende wussten wir auf jeden Fall, wie sich ein Knockout anfühlt.
Das Turnier war ausgeschrieben vom Leipziger Fußball-Fan-Projekt. Ich glaube, über die Leipziger Volkszeitung. Schon Wochen vorher bekam ich die Gruppenauslosung zugeschickt. Die meisten der zweiundsiebzig Mannschaften kannte ich vom Namen her nicht. Wir würden hier eine völlig neue Bühne betreten.
Am Vortag des Turniers bin ich nachmittags über die Festwiese gelaufen, um alles wenigstens schon mal gesehen zu haben. Bevor es dann morgen losgeht. Die Tore stehen schon. Und auch die Linien sind schon gekreidet. Die sechs Felder sehen ziemlich klein aus. Fast zu klein, dachte ich. Aber vielleicht würde uns das als eine Mannschaft mit einigen guten Technikern sogar entgegenkommen.
Wir waren in der Runde der ersten sechsunddreißig Mannschaften. Und der Spielbeginn für das erste Spiel war um acht Uhr dreißig angesetzt. Wir mussten also zeitig aufstehen.
Der Modus. Zwölf Gruppen mit je sechs Mannschaften. Jeder spielt gegen jeden ein Spiel. Die ersten beiden Teams kommen weiter. Dazu noch die acht punktbesten Dritten. Alle zusammen spielen dann im K.O.-System weiter. Das heißt, der Sieger geht eine Runde weiter, der Verlierer scheidet sofort aus.
Bei einem Unentschieden gibt es keine Verlängerung, sondern gleich ein Neunmeterschiessen.
Das Turnier war der Tag, an dem Steve kam.
Andreas hatte ihn mitgebracht. Steve kam wie Andreas selbst vom SV Lindenau 1848, einer Mannschaft im mittleren Tabellendrittel der damals gut besetzten Stadtklasse, in der ja auch ich beim VfL Leipzig spielte. Lindenau ist keine schlechte Adresse. Steve aber war dort unzufrieden, saß häufig auf der Bank und wenn er spielte, dann oft auf Positionen, die er nicht mochte und so auch nicht ausfüllen konnte.
Mir ist damals schnell klar geworden, dass vieles von seiner Motivation abhing. Kann sein, dass Steve polarisierend war. Und ganz sicher zwei Seiten hatte. Mit Selbstbewußtsein im Rücken leuchteten seine Augen. Dann kann er ein Spiel durch seinen Torinstinkt entscheiden. Wird er jedoch kritisiert oder ist er schlecht gelaunt, dann ist er nicht zu gebrauchen. Am besten, du sprichst ihn dann gar nicht an.
Bei uns konnte er unbeschwert starten. Als er kam, war er Everybody‘s Darling! Er fühlte sich wohl und wurde geachtet. Für ihn wie ein warmer Rückenwind.
Jetzt, früh am Morgen ist es frisch und windig. Wir haben noch die Jacken an. Über die Lautsprecher kommt Elton John A word in spanish. Es gibt ein shake hands mit allen. Hey, Großer, du bist herzlich willkommen! In diesem Moment wusste er noch nicht, dass wir für ihn später eine zweite Familie werden.
Mit Steve hatten wir so viele Momente. Und so viel gemeinsamen Weg. In vielen Jahren, bis er Zweitausendzwanzig auf so schlimme Weise starb. Mir treten jetzt noch die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke. Viele Spiele. Auch die in England, Spanien und Holland. So viele Kleinfeldturniere. Und seine fast provozierende Art, Neunmeter zu schiessen.
Steve war wandelbar. Er konnte von einem Moment auf den anderen ein komplett anderer Mensch sein. Er war nicht berechenbar. Manchmal unbeherrscht und eigensinnig. Dann wieder sentimental und offenherzig. Wie ein guter alter Freund. Immer mit Ideen und großen Plänen. Und obwohl wir beide unterschiedlicher nicht hätten sein können, wurde Steve später gerade für mich so etwas wie ein Bruder.
Das Turnier begann gut für uns. Die erste Mannschaft, die Böttcher GmbH wurde regelrecht überrannt. Steve machte das 1:0 und hatte gleich einen traumhaften Einstand. Mit meinen drei Toren hieß es am Ende 4:0 und wir hatten unser erstes Kleinfeldspiel gewonnen. Nach zwei weiteren 1:0-Siegen und einem kampflosen 2:0 über Grün-Weiss Gohlis waren wir im Grunde für die K.O.-Runde qualifiziert. Vor dem letzten Gruppenspiel gegen den ZOO Leipzig höre ich Fischi noch sagen „Wir können gar nicht mehr Zweiter werden.“
Dieser Spruch war so etwas wie der Anfang vom Ende. Hätten wir nur nicht dieses letzte Spiel verloren. Aber so kam es, wie es kommen musste. Holm hatte uns in Führung gebracht und wir sahen schon wie der sichere Sieger aus, als der Gegner kurz vor Ende mit zwei Nadelstichen das Spiel noch drehte. Wir verloren 1:2 und wurden Gruppenzweiter.
Auf wen wir dann treffen würden, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Stattdessen hatten wir drei Stunden Pause, in der jetzt der zweite sechsunddreißiger Block seine Vorrunde spielte.
Die meisten kamen mit zu uns nach Hause in die Feuerbachstraße und ich kann mich noch gut erinnern, wie Andi, Steve und ich im Arbeitszimmer am runden Tisch saßen, Tee tranken und über alle Wenn-und-Aber des weiteren Turnierverlaufes philosophierten.
Aber erstens kommt es oft anders. Und zweitens als man denkt.
Unser Gegner heißt Sensation 93. Spielkleidung weiß-schwarz. Wie der Name es schon andeutet, ist es ein Fanclub des VfB Leipzig. Die 93 war das Aufstiegsjahr des VfB in die erste Bundesliga.
Ich sehe sie noch vor mir. Fast alle waren stiernackig und hatten kahlgeschorene Schädel. Irgenwie sahen sie gleich aus. Die Körper bullig und die Gesichter solarienrot. Kraftmeierei. Ich hatte sofort ein ungutes Gefühl. Jörg fragte mich noch, spielen wir echt gegen die? Ja, Jörg, gegen die. Und das wird kein Spaziergang werden.
Die sehen wirklich rustikal aus. Fast schon brutal. Und wie wir bald erfahren würden, waren sie es auch. Trotzdem, dachte ich, individuell sind wir besser. Von denen kann keiner auch nur drei Mal jonglieren. Wir müssen den Zweikämpfen aus dem Weg gehen, meinte Andi, der das Unheil wohl schon kommen sah. Flach spielen. Und schnell. Viele kurze Pässe. Wechselt immer wieder die Seiten. Kein Eins-gegen-Eins, hört ihr. Wir spielen sie schwindelig. Und auf jeden Fall schlagen wir die!
Es wird ein unglaubliches Spiel, wie wir es in dieser Art auch in all den Jahren später nie wieder erleben werden. Der Schiedsrichter, an den ich mich noch gut erinnern kann, ein Mann um die fünfzig mit sonnengegerbtem Gesicht, gab das Spiel frei und so begann es, unser allererstes K.O.-Spiel.
Und wie es begann. Praktisch sofort mit dem ersten Angriff des Gegners über halbrechts steht es 0:1. Das hätte nie passieren dürfen. Aus der Halbdistanz aufs Tor gedroschen. Ich glaube, der Ball war noch abgefälscht und jetzt blieben noch gute neuneinhalb Minuten.
Es werden neuneinhalb Minuten des Wahnsinns.
Wir haben gespielt und sind gerannt wie um unser Leben. Drückende Überlegenheit im klassischem Kleinfeld-Powerplay gegen einen Gegner, der nichts, aber auch gar nichts zu Wege brachte. Fußballerisch waren die in allen Belangen überfordert, gingen aber mit gnadenloser Härte in die Zweikämpfe. Vor allem ohne Ball.
Jedes unfaire Mittel war denen recht, das Spiel zu verzögern. Jeder Angriff wurde von Fouls unterbrochen. Immer wieder Zeitverlust. Ich erinnere mich an drei, vier Bälle, die ohne Bedrängnis absichtlich weit über das Spielfeld geschlagen wurden. Oft bis in das übernächste Kleinfeld hinein. Das kostete jedesmal Kraft und wertvolle Sekunden, die Bälle im Vollsprint vierzig, fünfzig Meter weit zu holen. Und dann das Spiel neu aufzubauen.
Es war ein Spiel auf ein Tor. Ein einziges totales Powerplay! Phantastisch wie Jörg und Andi alles versuchten, wie Patrick und ich angerannt sind und Steve sich vorne reingeworfen hat. Wir haben alles gegeben, haben geflankt, gestürmt, gefightet und haben auch nach hinten alles riskiert. Aber die Minuten vergingen und es wollte einfach kein Tor fallen.
Zwischendurch im Zwanzig-Sekunden-Takt immer wieder harte Fouls gegen uns. Die Attacken gingen stets auf den Körper und nie nach dem Ball. Höhepunkt dieser überharten Auseinandersetzung dann eine Tätlichkeit im Mittelfeld mit Händen und Füßen gegen Jörg. Praktisch zeitgleich trat ihm ein Gegenspieler auf den Fuß und schlug ihm ins Gesicht. Im Grunde hätte diese Mannschaft aus dem Turnier ausgeschlossen werden müssen.
Viel zu spät reagierte auch der Schiedsrichter und es gab die überfällige Zeitstrafe. Die letzten zwei Minuten waren diese üblen Typen in der Unterzahl und verteidigten jetzt mit Mann und Maus. Sie schrien, grätschten, hielten und traten. Aber es nützte alles nichts: Als das Spiel schon verloren schien, kam der denkwürdige Auftritt des Andreas Seidel.
Ich werde diesen Moment nie vergessen. Einwurf auf der rechten Seite in Höhe der Mittellinie, der Ball wird kurz gestoppt und Andi jagt mit der allerletzten Verzweiflung einen gewaltigen Flachschuss durch ein Knäuel aus mehreren Spielern hindurch ins linke untere Eck. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie der Ball mit dem Schlusspfiff einschlug und wir übereinander hergefallen sind.
Ein wirklich irres Tor. Wir haben später noch oft von diesem Spiel und vor allem von diesem Tor gesprochen. Wir hatten es buchstäblich in der allerletzten Sekunde ins Neunmeterschiessen geschafft. Aber würde uns das wirklich retten?
Ausgelost wurde das zur Mitte der Festwiese stehende Tor. Es ist früher Nachmittag. Vielleicht so gegen halb drei. Der Himmel ist bewölkt und es nieselt leicht. Das Gras ist nass. Und überall auf dem Feld hatten die vielen Spiele schon Spuren hinterlassen.
Es ist eine irre Spannung. Einer fliegt jetzt raus. Die oder wir. Jungs, volle Konzentration! Nur, wer ein gutes Gefühl hat, kann jetzt schießen.
Links und rechts und hinter dem Tor stehen viele Zuschauer. Die haben leider mehr Fans als wir. Der Schiedsrichter spricht noch kurz mit den Torhütern. Fischi hat einen Fuß auf dem Ball und steht leicht nach vorn übergebeugt. Gleich wird es losgehen. Von jeder Mannschaft drei Schützen. Immer im Wechsel bis zur Entscheidung. Vieles wird von Fischi abhängen. Der wirkt ruhig und konzentriert. Du kannst als Keeper sowieso nicht verlieren. Du kannst nur gewinnen.
Wer würde jetzt schießen? Wer hatte nach diesem Krimi überhaupt noch die Nerven? Und auch die Kraft. Obwohl mir die Knie weich wurden, wollte ich unbedingt. Auch Jörg wollte Verantwortung übernehmen. Sicher können auch Fischi, Patrick und Steve schiessen. Die stehen neben mir und sind sich noch nicht einig.
Es ist verrückt, aber als es losgeht, hatte ich kein schlechtes Gefühl. Wir müssen hier einfach gewinnen. Gegen die kannst du doch nicht ausscheiden. Die hätten das auch nicht verdient! Fischi wird das Ding jetzt ziehen. Er ist ein klasse Keeper. Und die sind keine Fußballer. Die sind Zerstörer.
Sensation beginnt und geht mit 1:0 in Führung. Der Schuss ist ansatzlos und trocken. Hinter dem Tor kreischende Schreie. Eine Wand von Fans, die genauso aussahen wie ihre Mannschaft. Dann ich mit Flachschuss ins linke untere Eck zum 1:1. Erst Herzrasen. Dann unglaubliche Erleichterung.
Danach wieder Sensation. Und wieder kriegen sie ihn irgendwie rein. Einfach voll draufgehauen. Fischi hat keine Chance. Jetzt steht es 2:1 für Sensation 93 und nun kommt Jörg.
Er wollte den Kunststoß ins rechte obere Eck. Und trifft zu unser aller Entsetzen nur den rechten Außenpfosten!
Ich sehe es noch deutlich vor mir, wie dieser Ball dagegen klatscht. Plötzlich ist es allen klar. Um Gottes Willen, es gibt nur drei Schützen! Sensation ist dran. Die dürfen jetzt nicht treffen. Die hauen uns raus. Fischi, bitte halte den! Fischi, bitte!!
Als der Ball wieder mit voller Wucht in die Maschen geht und wir die entmenschten Schreie hören, sind wir raus aus diesem Turnier. Wir stehen wie versteinert da. Das ist nicht wahr. Das glaubt einem keiner. Gegen die!!
Keiner macht Jörg einen Vorwurf. Es hätte jedem passieren können. Ein Neunmeterschiessen kannst du nicht planen. Nichts ist vorhersehbar. Du kannst dich nicht mal auf dich selbst verlassen. So gut wie alles ist da Nervensache. Und dann ist auch noch Glück dabei.
Sensation 93 ist gleich danach im Achtelfinale gegen eine eher biedere Mannschaft aus gestandenen Familienvätern ausgeschieden. Ich habe das ganze Spiel gesehen. Mit Patrick, Steve und Andi zusammen. Die waren um die Vierzig und sind einfach nur ruhig geblieben, haben die Kahlschädel kommen lassen und sie am Ende klassisch ausgekontert.
Und wir? Wir hatten das erste Mal ein Kleinfeldturnier gespielt. Haben die tolle Atmosphäre aufgesaugt. Die vielen bunten Mannschaften von überall her. Der Stadionsprecher, die Musik in den Pausen. Und wir zum ersten Mal mittendrin.
Wir hatten Höhen und Tiefen. Und haben mit dem Spiel gegen Sensation trotz des verlorenen Neunmeterschießens wieder etwas geschaffen, woran wir uns später erinnern würden. Wer dabei war, wird dieses irre Spiel nicht vergessen. Die Tritte und Schreie. Und die verzerrten Gesichter. Fußball kann grausam sein. Aber Kopf hoch, Jungs, das ist nicht das Ende. Das ist der Anfang. Wir kommen wieder! Und ich freue mich schon auf die nächsten irren neuneinhalb Minuten!