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12.Spiel : 30. Juni 1996, Sportplatz Gontardweg Leipzig

FC Waldstraßenviertel - Reudnitzer Kickers 4:3 (3:2)

FCW mit: Adrian Millward Sadler - Thomas Kott, Andreas Seidel, Kersten Guthke, Jens Tünnemann - Uwe Klinkicht, Jörg Voigtmann, Oliver Wolfram, Jan Kratzer - Steve Brenner, Holm Hönicke

Tore: Steve Brenner (2), Uwe Klinkicht, Holm Hönicke

Spielbericht

Wembley am Gontardweg

Im Juni sechsundneunzig hatte Andreas ein Freundschaftsspiel gegen die Reudnitzer Kickers in Mockau organisiert. Bevor am Abend des gleichen Tages die deutsche Fußballnationalmannschaft im Londoner Wembleystadion im EM-Finale gegen Tschechien Europameister werden würde, hatten wir im allgemeinen Fußballfieber nachmittags noch den Auftritt auf dem Sportplatz am Gontardweg. Und auch unser Spiel würde am Ende etwas mit Wembley zu tun haben.

In den Wochen zuvor wollte Andreas eigentlich ein Spiel gegen eine Mannschaft aus Markkleeberg präsentieren. Das kam aber aus irgendwelchen Gründen nicht zustande. Andi macht ja selten viele Worte.

Zum ersten Mal spielten wir in unserer neuen Spielkleidung. Schwarz-rot längsgestreifte Trikots mit schwarzen Hosen und schwarzen Stutzen. Fast zweitausend Mark, die wir alle zusammengelegt hatten taten weh, aber die Sachen sahen wirklich klasse aus. 

Dann der Gegner. Viel wussten wir nicht von den Reudnitzer Kickers und Andi, der sie wohl einmal gesehen hatte, hielt sich weitgehend bedeckt. Möglicherweise sind sie kampfstark, hieß es. Man müsse die Sache erstmal auf sich zukommen lassen. Typisch Andi.

So wusste keiner von uns, was uns an jenem Junitag erwarten würde.

Da Fischi und auch Matthias Bebobru an diesem Tag nicht spielen konnten, hatten wir wie schon im letzten Jahr gegen Robotron keinen Torhüter.

Über Tünne, der in Wiederitzsch seit ein paar Wochen mit Uni-Studenten Fußball spielte, lernte ich Adrian Sadler kennen. Er war Engländer, stand dort im Tor und machte seine Sache an dem Tag, an dem ich dort war, um ihn zu beobachten, exzellent. Er war kantig und robust. Auch sehr stark auf der Linie und sicher im Stellungsspiel. Eben ein typischer Engländer. Mit dem willst du im Luftkampf nicht hochsteigen. Er sagte am Abend, als ich dort war sofort zu und war somit genau unser Mann.

Vor ihm in der Abwehr würden vier Mann verteidigen. Eine Viererkette gab es in den neunziger Jahren noch nicht. Man spielt in dieser Zeit mit einem klassischen Libero, einem freien und oft letzten Mann und zwei Außenverteidigern, dazu oft einem Vorstopper. Vielleicht war das ein Vorläufer für die spätere Sechs. Thomas Kott wird der Libero sein. Ein Feldherr mit dem Spiel vor sich. Ein Iron Man. Die Außenverteidiger sind Andreas und Tünne. Kersten Guthke ist der Vorstopper.

Im Mittelfeld Jörg und ich zentral, davon er eher defensiv und ich mehr nach vorn ausgerichtet. Dazu links Uwe und rechts Jan „Zarate“ Kratzer, den Kersten kurzfristig mitgebracht hatte. Eben jener Zarate, der im Oktober vierundneunzig bei der legendären Niederlage gegen Gohglmohsch unsere Verteidiger und vor allem den armen Tünne regelrecht über den Haufen gerannt hatte. Im Sturm schließlich neben Holm noch Steve, der nach seinem gutem Kleinfeldauftakt nun auch auf Großfeld einen tollen Einstand geben sollte.

Mockau am Gontardweg. Dreißigster Juni sechsundneunzig. Fünfzehn Uhr Anstoß. Am Himmel ziehen sich ein paar Wolken zusammen und Adrian Sadler ahnt schon das typisch englische Wetter.

Als es losging, hatten wir den relativ starken Wind im Rücken und sofort das Übergewicht im Mittelfeld. Dazu der glänzende Spielaufbau von hinten heraus. Vor allem über links mit Andreas und Jörg, der sich weit zurückhängen ließ und jetzt aus dem defensiven Mittelfeld die Bälle verteilte. Andi und Jörg spielen ganz stark. Sie suchen immer die intelligente, die spielerische Lösung. Auch und gerade in der Bedrängnis. Es ist eine Augenweide, den beiden zuzuschauen.

Die anderen waren sofort im gleichen Fahrwasser: Thomas Kott ließ sich als Libero auf keine großen Diskussionen ein. Er spielte ohne Fehl und Tadel, vor allem, weil er kompromisslos war. Wenn es sein musste auch mit Langholz. Kersten war zwar weniger am Spielaufbau beteiligt, brachte aber mit jedem Pass jeden Ball zum Mann und hatte darüber hinaus seinen Gegenspieler sicher im Griff. Und Tünne auf rechts grätschte und kämpfte, was das Zeug hielt.

Stark spielte auch Zarate, der sich aus dem rechten Mittelfeld heraus zunehmend nach vorn orientierte und mit langen Sprints die Reudnitzer Außenverteidiger von einer Verlegenheit in die andere stürzte, auch wenn er dabei mehrfach ins Abseits lief.

Dann die Tore: Steve machte das 1:0 und bekam genau den Schub, den er brauchte, um in die Partie zu kommen. Nochmal Steve und Uwe erhöhten nach einer guten halben Stunde auf 3:0 und während jetzt englischer Regen begann, schien sich ein Schützenfest anzudeuten.

Aber dann kamen die Reudnitzer Kickers.

Binnen weniger Minuten ist es vorbei mit unserer Herrlichkeit. Zwei Tore in den psychologisch ungünstigen Minuten kurz vor der Pause und das Spiel war plötzlich im Begriff zu kippen.

Unruhe kehrt ein. Der anfangs pflegeleichte Gegner wird kantig, in den Zweikämpfen immer stärker und zieht jetzt über die Außen das Tempo an.

Für uns im richtigen Augenblick kam dann der Pausenpfiff in einem Spiel, in dem man jetzt langsam ein ungutes Gefühl bekam.

Die zweite Hälfte begann genau so, wie die erste aufgehört hatte. Der Gegner immer stärker und wir in der Defensive. Dazu jetzt massiver Gegenwind mit andauerndem Sprühregen. Immer wieder hohe lange Bälle in den Rücken unserer Verteidiger. Thomas und Tünne spielten jetzt am Limit. Mit ständigen Kopfballduellen zumeist im Rückwärtsgang bekommen sie mehr und mehr Probleme. Hinzu kommt, dass der Gegner jetzt nachsetzt und spürt, dass das Spiel auf der Kippe steht.

Praktisch mit Ansage der Ausgleich: Vielleicht nach sechzig Minuten ein Schlenzer von links aus spitzem Winkel, der kurz vor dem Tor noch aufsetzte. Der Ball ging ins lange Eck und Adrian sah dabei alles andere als gut aus. Nach einem Drei-Tore-Vorsprung stand es nun 3:3 und jetzt half im Gegenwind und Regen nur noch der offene Schlagabtausch. Ich liebe ja dieses Wetter!

Das Spiel wurde hektisch und nickelig, blieb aber in jeder Phase fair.

Die Entscheidung zu unseren Gunsten brachte wahrscheinlich der Schachzug, den Zarate in den zerfahrenen Minuten nach dem Ausgleich anbot. Er selbst spielte mit Thomas und Tünne in einer Art Dreierkette und gewann aufgrund seiner Schnelligkeit praktisch jedes Laufduell. Andreas und Kersten wurden offensiver und wir kamen endlich wieder ins Spiel.

Der Siegtreffer zum 4:3 - eine Standardsituation. Freistoß von halblinks, zehn Minuten vor dem Ende. Achtzehn Meter Torentfernung. Mein Schuss knallt rechts an die Lattenunterkante, der Ball springt eindeutig hinter der Torlinie auf, aber wieder ins Feld zurück. Der Schiedsrichter lässt weiterlaufen und der heranstürmende Holm drückt den Ball über die Linie. Riesen Jubel. Holm wird fast erdrückt. Und es ist die Entscheidung. Holm und ich einigen uns darauf, dass es sein Tor ist. Damals in London war es der dreißigste Juli sechsundsechzig. Heute der dreißigste Juni sechsundneunzig. Wembley am Gontardweg. Fast genau dreißig Jahre später. Und auch ein Engländer war dabei.

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