2. Kleinfeld-Turnier
(3. Leipziger Freizeitfußball-Kleinfeldturnier des Fußball-Fan-Projektes Leipzig um den HSB-Cup)
1. Mai 1997, Festwiese des Leipziger Zentralstadions
(5 Feldspieler plus Torwart, 1 x 10 min, 72 Mannschaften)
Vorrunde (Staffel A):
FC Waldstraßenviertel - Swiss Team 1:0
Tor: Timo Naumann
FC Waldstraßenviertel - Celtic Leipzig 3:0
Tore: Steffen Scholz (2), Andreas Seidel
FC Waldstraßenviertel - Dölitzer FC 95 2:0
Tore: Oliver Wolfram (2)
FC Waldstraßenviertel - Mariental 1:0
Tor: Timo Naumann
FC Waldstraßenviertel - Die Handwerker 1:1
Tor: Patrick Dhliwayo
Als Gruppenerster in die Zwischenrunde:
FC Waldstraßenviertel - Die Selben 2:0
Tore: Andreas Seidel, Timo Naumann
Achtelfinale:
FC Waldstraßenviertel - Sachsenpower 0:0 n. 9 m-Schießen 4:3
Neunmeterschießen: Timo Naumann 1:0, 1:1, Oliver Wolfram 2:1, 2:2, Jörg Voigtmann: linker Außenpfosten, Sachsenpower verschießt, Jens Fischer 3:2, 3:3, Timo Naumann 4:3, Sachsenpower verschießt
Viertelfinale:
FC Waldstraßenviertel - Goalbusters 2:0
Tore: Patrick Dhliwayo, Oliver Wolfram
Halbfinale:
FC Waldstraßenviertel - Kolleg Leipzig 1:1 n. 9 m-Schießen 4:5
Tor: Oliver Wolfram
Neunmeterschießen: 1:2, Jörg Voigtmann 2:2, Kolleg Leipzig verschießt, Oliver Wolfram 3:2, 3:3, Steffen Scholz: Mitte gehalten, 3:4, Steve Brenner 4:4, Kolleg Leipzig verschießt, Kersten Guthke: Mitte gehalten, 4:5, Oliver Wolfram: links vorbei
Spiel um den 3. Platz:
FC Waldstraßenviertel - Flotte Pinsel 0:2
FCW mit: Jens Fischer - Timo Naumann, Steffen Scholz, Andreas Seidel, Patrick Dhliwayo, Kersten Guthke, Boris Röhricht, Steve Brenner, Oliver Wolfram, Jörg Voigtmann
Spielbericht
Zum Greifen nahe
Dieses so unglaubliche Turnier!
Es gibt Tage im Leben, die man nicht vergessen kann. Tage, an denen man sich wünscht, man könnte die Zeit noch einmal für einen Augenblick zurückdrehen, um das, was man getan hat wieder ungeschehen zu machen. So ein Tag ist für mich der erste Mai Neunzehnhundertsiebenundneunzig.
In meiner Erinnerung sind dramatische Bilder in einer großen Atmosphäre geblieben. Wir in unseren neuen Trikots, den blau-schwarz gestreiften Umbros. Wie wir im Turnier der zweiundsiebzig Mannschaften ein K.O-Spiel nach dem anderen gewinnen. Alles wie in einem Rausch. Und dann kommt doch immer wieder dieser schlimme Augenblick im nervenzerfetzenden Halbfinale, der sich nicht mehr verdrängen lässt.
Für die neuen Umbros hatten wir wieder alle zusammengelegt. Die Bestellung lief über die Sportabteilung von Karstadt Leipzig, genauer gesagt über Frau Mannteuffel. Mit der gab es großen Knatsch. Vor allem wegen der Beflockung, mit der ich anfangs nicht zufrieden war. Steve, Andi und ich waren dann zu dritt bei Karstadt, um die Trikots und Hosen abzuholen.
Bei der Bezahlung an der Kasse hatten wir dann eine echte Auseinandersetzung, bei der sie sich so sehr aufregte, dass sie sich um über neunhundert Mark zu unseren Gunsten verrechnete. Eigentlich kaum zu glauben, aber es ist wirklich wahr. In jeder anderen Situation hätte ich sie wahrscheinlich darauf hingewiesen. Nach diesem heftigen Krach dachte ich mir, das hat sie nun davon. Wahrscheinlich hat sie dann über das Telefonbuch meine Adresse herausbekommen und noch am gleichen Abend habe ich sie vor unserer Haustür in der Leipziger Feuerbachstraße gesehen. Aber geklingelt hat sie dann doch nicht.
In den letzten drei Wochen vor dem Turnier haben Steve, Andreas und ich zu Hause am Computer unser Logo entworfen. Das bei den Trikots gesparte Geld konnten wir in die Anfertigung der Aufnäher bei der Firma Heßler-Landhausmode in der Georg-Schwarz-Straße stecken. Noch in den Apriltagen Siebenundneunzig, in denen dort unser Auftrag lief, wurde das Geschäft durch Brandstiftung fast völlig vernichtet und wir hatten großes Glück, dass unsere Trikots nicht dabei waren.
Es ist zeitig früh am Morgen und wir sind eine der ersten Mannschaften auf der Leipziger Festwiese. In der Nacht hat es geregnet. Die große Rasenfläche ist klatschnass und der Rest des Morgennebels ist noch da. Wir warten auf Christian Günther, einen befreundeten Werbefotografen, den ich gebeten hatte, für satte einhundert Mark ein Foto für ein Poster von uns zu machen. Christian kommt spät und hatte offenbar eine kurze und alkoholreiche Nacht. Obendrein wusste ich, dass er eher Objekte darstellte und dass es nicht so sehr seine Sache war, Menschen zu fotografieren. Dennoch ist unser Foto von diesem Tag für mich etwas Besonderes.
Weil es mich an einen Tag erinnert, an dem wir kurz vor einem Wunder standen.
Auf dem Foto am Morgen sind wir noch zu neunt. Boris kam erst am frühen Nachmittag dazu. Steve sieht nach durchgemachter Nacht noch grüngrau im Gesicht aus. Auf dem Bild kann man das ein wenig erahnen.
Neu in unserer Mannschaft war Timo Naumann, den Steve schon im Winter mit zu uns gebracht hatte, als wir in der Zippererstraße Hallenfußball spielten.
Timo wird für uns DAS Upgrade. Einer, der so viele Male den Unterschied machen wird. Er war damals zweiundzwanzig Jahre alt, spielte dynamisch, antrittsschnell und torgefährlich und würde unseren Weg von nun an entscheidend mitbestimmen.
Ich bin so froh, dass Timo zu uns kam. Er ist für mich ein Phänomen. Über so viele Jahre spielte er konstant auf so hohem Niveau. Fast nie verletzt, traf er für uns wie am Fließband. Für mich ist Timo einer, auf den du dich immer verlassen kannst.
Viele unserer späteren Erfolge hatten mit ihm und seiner Art, Tore zu schießen zu tun. Und die ist unverwechselbar. Er ist keine typische Spitze. Er kommt aus dem offensiven Mittelfeld. Drahtig und zweikampfstark. Den kannst du nicht greifen. Nicht mal foulen. Den kriegst du nicht. Mit diesem schnellen Antritt und den flachen platzierten Schüssen.
Ohne Timo wären wir das ein oder andere Mal ausgeschieden, wo wir am Ende doch noch oben standen.
Wir spielten die Vorrunde auf dem hintersten Platz der Festwiese und begannen hochkonzentriert. Genau wie Steve im Vorjahr macht auch Timo in seinem ersten Spiel gegen das Swiss Team gleich sein erstes Tor. Nach dem wichtigen Sieg im Auftaktspiel hatten auch Celtic Leipzig, eine Mannschaft aus jungen Spielern mit weißen Trikots und einem blauen Längsstreifen auf der Brust sowie der Dölitzer FC 95 mit uns nichts zu lachen. Zu schnell, zu sicher lief unser Spiel bei beiden Siegen. Lediglich Mariental stand mit Spielern zwischen dreißig und fünfunddreißig Jahren und guter Raumaufteilung noch nahe an einem Unentschieden.
Nach vier Siegen ohne Gegentor trafen wir dann auf die bis dahin sieglose Mannschaft der Handwerker, bei denen ich mit Michael Waitzmann einen Famulanten kannte, mit dem ich in meiner damaligen Zeit an der Urologie des Sankt-Georg-Krankenhauses in Leipzig zusammenarbeitete.
Spiele, die man von der Papierform her sicher gewinnen muss, sind zumeist die Gefährlichsten, weil man den Gegner unterschätzt. Und so kam es auch im letzten Vorrundenspiel: Die frühe Führung der Handwerker glich Patrick nach einem Spiel auf ein Tor erst in letzter Sekunde aus. Gegen den Gruppenletzten wollte das keiner ein glückliches Unentschieden nennen. Ich indes war dankbar, dass wir in einer eher bedeutungslosen Situation unter Druck geraten waren. So würde es am Nachmittag, wenn die K.O.-Spiele beginnen, nicht ganz so unvorbereitet kommen. Außerdem zeigte uns das Ganze mal wieder, wie unberechenbar ein Kleinfeldspiel über einmal zehn Minuten ist.
Als Gruppensieger gingen wir mit breiter Brust in die lange Mittagspause, in der nun, genau wie im letzten Jahr, der zweite sechsunddreißiger Block seine Vorrunde spielte.
Genau wie damals zogen wir wieder in der Feuerbachstraße ein, wo mit Nudeln, Tee, Gebäck und Ruhe zweieinhalb Stunden überbrückt werden sollten. Mir sind nach solchen Pausen meist nur die Beine wie Blei und ich bekomme plötzlich Schmerzen, die ich vorher nicht hatte. Patrick und Kersten haben einfach geschlafen. Kersten lag dabei in aller Seelenruhe an der Heizung. Von beiden wird noch zu hören sein.
Als wir zurückkommen, ist aus dem nasskalten Vormittag plötzlich ein warmer Tag geworden. Die Wolken haben sich verzogen und es scheint die Sonne. Die Festwiese ist jetzt überfüllt mit Menschen. Endlich die typische Turnieratmosphäre. Zweiunddreißig Mannschaften sind noch dabei. Von nun an geht es in jedem Spiel um alles oder nichts.
Im ersten Spiel konnten wir als Gruppensieger auf unserem hinteren Platz bleiben.
Was jetzt beginnt, geht alles sehr schnell. Und ich sehe es noch deutlich vor mir. Unsere Gegner hießen Die Selben. Einer der Spieler ist der Mann einer attraktiven Krankenschwester aus der Sankt-Georg-Urologie. So gibt es ein kurzes shake hands und ein paar freundliche Worte. Danach haben wir sie im Hurra-Stil einfach niedergemäht. Andi und Timo machen die Tore. Was mich betrifft, kann ich mich an ein Dribbling an der linken Grundlinie erinnern. So ein Dribbling auf engstem Raum, das eigentlich gar nicht geht.
Es ist merkwürdig, aber ich musste auch Jahre später immer mal wieder an diese Szene denken. Und die blieb auch anderen in Erinnerung. Peter Teichmann, der damals als Zuschauer an der Seitenlinie stand, sagte später zu mir: „So was kannst Du normalerweise gar nicht.“ Na schönen Dank! Die Tore von Andreas und Timo waren beide klasse herausgespielt und wir waren im Achtelfinale.
Ohne größere Pause mussten wir ein Feld weiter nach vorn rücken und trafen nun auf die bei Steve und Timo bestens bekannte Mannschaft von Sachsenpower. Angeführt vom kahlgeschorenen Marc Müller, dessen Vater, der Fleischer „Wild-Müller“ mit Helmut befreundet war, waren das alles gute Fußballer. Die waren dynamisch und aggressiv und sicher ragte Marc selbst als eine Art begnadeter Exzentriker noch heraus.
Das Spiel war eher Geplänkel, in dem wir es nicht verstanden, aus unserer spielerischen Überlegenheit heraus die Entscheidung herbeizuführen. So ging es nach torlosem Spiel und einem Abpfiff, der mir viel zu früh vorkam, in das Neunmeterschießen, das wir vorher unbedingt vermeiden wollten.
Geschossen wurde auf das hintere Tor vor der Mauer am Hang. Die Bilder des letzten Jahres, wo wir auf dem gleichen Feld gegen Sensation 93 ausgeschieden waren, zogen an mir vorbei. Vor allem Jörgs Ball an den Außenpfosten und die tierischen Schreie danach.
Wieder wie damals je drei Schützen. Bei Unentschieden nur je einer bis zur Entscheidung. Wir beginnen. Der Gang zum Punkt ist genau wie damals eine Nervenzerreißprobe. Timo und ich verwandelten unsere Neunmeter. Wie auch die beiden ersten Schützen von Sachsenpower.
Dann Jörg. Er ist der dritte Schütze. Er wirkt entschlossen und scheint diese bösen Bilder vor einem Jahr jetzt vor allem aus meiner Erinnerung löschen zu wollen. Damals war es der rechte Außenpfosten. Ich bin mir in diesem Moment sicher, dass er nicht noch einmal zaubern wird. Er ist ein unglaublicher Fußballer. Er muss jetzt einfach treffen. Sein Anlauf ist kurz und der Schuss hart. Aber es bleibt ein Fluch. Wieder klatscht der Ball an den Außenpfosten. Diesmal an den linken. Wir sind fassungslos. Wieder gibt es wilde Schreie. Die Bilder gleichen sich. Mit dem Ausscheiden vor Augen verfolgen wir den nächsten Schuss, der, wenn er ins Netz geht, unsere Abfahrt bedeutet und Sachsenpower ins Viertelfinale bringt. Die Spannung ist unerträglich. Fischi, der in der Nachmittagssonne den Schuss erwartet, bleibt ruhig. Als der Ball übers Tor geht, bleibt es beim 2:2. Und alles ist wieder offen.
Jetzt geht es weiter bis zur Entscheidung. Fischi selbst schlenzt den Ball als nächster zur 3:2-Führung, kann aber danach den erneuten Ausgleich nicht verhindern. Es steht auf des Messers Schneide. Timo, der schon den ersten Neunmeter sicher verwandelt hat, hämmert den Ball knallhart zur 4:3-Führung. Timo wirkt sehr sicher und ich bin ihm dankbar.
Als Fischi den nächsten Ball hält, ist es kaum zu fassen. Wir sind im Viertelfinale und heute ist scheinbar unser Tag. Jörg ist erleichtert, wir umarmen uns. Und in diesen Augenblicken werden wir wieder zur Mannschaft.
Jetzt, unter den letzten Acht, ist alles möglich. Jeder kann sicher jeden schlagen. Wir müssen wieder ein Feld nach vorn rücken und spielen nun auf Feld drei gegen die Goalbusters.
Mir war nicht entgangen, dass Timo sich nach seinem letzten Neunmeter an seinen rechten Oberschenkel fasste. Er machte nur wenige Worte, aber es war klar, dass er sich gezerrt hatte und das Turnier für ihn jetzt zu Ende war. Gerade jetzt, wo es wirklich spannend wurde.
Das Viertelfinale selbst war ein einziger Spielrausch. Auch ohne Timo spielten wir wie entfesselt. Selbst auf engstem Raum wurde kombiniert und Gas gegeben. Hinzu kam, dass Fischi hinten einen unhaltbaren Ball hielt. Nach einer Ecke von links ein Schuss aus Nahdistanz. Mit einem unglaublichen Reflex lenkte er den Ball über die Latte. Völlig unglaublich, wie man einen solchen Ball halten kann. Für mich eine von Fischis größten Momenten aller Zeiten.
Nie war er ein professioneller Torhüter in irgendeiner Liga gewesen. Er hatte mit mir in den späten siebziger Jahren bei der WSG Rosental angefangen, später wiederum mit mir in der zweiten Mannschaft von Chemie Leipzig gespielt und noch ein paar Jahre bei Motor Leipzig Nord drangehangen. Im Grunde waren wir uns in vielen Dingen sehr ähnlich. Was er konnte, steckte in ihm selbst, weil er ein Allrounder und vor allem, weil er begeisterungsfähig ist. Nach Patricks 1:0 war es ein Spiel mit offenem Visier. Torchancen auf beiden Seiten. Als Patrick und ich dann in einem Konter zusammen auf den Torhüter zuliefen und ich nach Doppelpass mit ihm im vollen Lauf das 2:0 mache, steht für Sekunden die Zeit still. Warum nur ist der Fußball für so viele Menschen so anziehend. So elektrisierend. Wahrscheinlich wegen dieser Momente. Wegen genau dieser Szenen. Und weil man sich nicht für sich allein, sondern für eine Mannschaft zerreißt.
Wir sind im Halbfinale. Von zweiundsiebzig angetretenen Mannschaften sind nach fast acht Stunden noch vier übrig. Und wir sind dabei. An diesem ersten Mai siebenundneunzig ist nun scheinbar alles drin.
Wir bleiben auf dem dritten Feld und warten auf unseren Gegner. Neben uns die unheilvollen Bilder eines Neunmeterschiessens, aus denen er hervorgehen wird. Die Mannschaft heißt Kolleg Leipzig und es sind Studenten in hellgelben Hemden und blauen Hosen mit einer großen sympathischen Anhängerschar.
Die Dinge, die jetzt hier geschehen würden, haben sich mir tief eingebrannt und es gibt kaum Steigerungsformen für die Dramatik dieses denkwürdigen Spiels. Freundschaftliche faire Gesten in den Augenblicken vor dem Beginn. Nur einer wird ins Finale kommen. Der andere wird ausscheiden. Wenn es sein muss durch ein Neunmeterschießen.
Als es losgeht, flirren die Bilder. Wenn wir die schlagen, stehen wir zum ersten Mal in einem Finale.
Wir bekommen wir es mit einer sehr kompakten und laufstarken Mannschaft zu tun, die keinen Star, aber einen großen Willen hat. Jeder rennt und kämpft für jeden. Vielleicht sind wir individuell besser, aber die sind unheimlich geschlossen. Die ersten Angriffswellen branden auf uns zu. Es ist kaum Raum für einen Spielaufbau da. Alles muss viel schneller gehen, weil der ballführende Spieler sofort von ein oder zwei Gegnern attackiert wird.
Als wir versuchen, uns auf diesen Stil einzustellen, bringt einer dieser Angriffe bereits das 0:1. Ich habe schlagartig an die Partie vor einem Jahr gegen Sensation 93 denken müssen, als wir auch früh in Rückstand gingen. Obwohl beide Teams nie und nimmer vergleichbar waren, würde es bald noch weitere Parallelen geben.
Jetzt war keine Zeit für eine Taktik. Es gibt keinen kühlen Kopf, obwohl man sich das immer wünscht. Es gibt nur All In. Und wir sind angerannt. Es ist immer das Gleiche. Die Minuten verrinnen. Wir rennen nach jedem Ball. Es wird eine unglaubliche Schlacht. Jörg und Andi spielen von hinten heraus ein Höllentempo. Jeder weiß, das Ding hier ist jeden Moment zu Ende und dann sind wir raus.
Fischi schreit sich die Kehle heiser und treibt uns an. Ich glaube, wie niemals zuvor. Auch Patrick, der sonst eher körperlos spielt, nimmt den Kampf an. Die Szenen sind denkwürdig, in denen die Bälle an den Pfosten klatschen und die Schreie der Zuschauer alles übertönen. Nie haben wir vorher in einer solchen Atmosphäre gespielt.
Unser Gegner ist fair. Die spielen nicht auf Zeit, sondern ziehen selbst das Tempo immer weiter an. Kein Halten, keine Fouls, nur purer Kampf. Steve, der aufgrund der vorher durchgemachten Nacht lange Zeit neben sich stand, wacht jetzt auf. Sein Torinstinkt könnte uns retten, aber er wird immer wieder abgedrängt, obwohl er Lücken reißt und so Platz in der Mitte schafft. Timo fehlt jetzt. Der würde dieses so wichtige Tor machen. Aber er steht an der Seitenlinie und kann uns nicht mehr helfen.
Von Minute zu Minute werden wir stärker. Andi hat über links einen Sturmlauf nach dem anderen. Jörg und ich schießen aus dem Mittelfeld. Patrick fordert die Bälle. Steve wühlt und reißt immer mehr. Die Gelb-Blauen grätschen und werfen sich in jeden Ball. Als Mannschaft sind sie einfach großartig. Die spielen genauso wie wir. Um alles oder nichts.
Die Zeit verrinnt weiter. Jetzt, wo das Aus droht, ist Fischi längst nicht mehr in seinem Tor zu halten. Immer wieder seine Schreie. Unmittelbar bevor es einschlägt, müssen wir sie gehört haben. Und wie es einschlug. Genau wie damals gegen Sensation 93 sind es die Schluss-Sekunden. Ich bekomme den Ball von halblinks quer durchs Mittelfeld gespielt. Wer den Pass spielte, ich weiß es nicht mehr. Mit dem Ende vor Augen habe ich mit voller Wucht von der Mittellinie abgezogen und der Ball durchschlägt das Knäuel der im Strafraum stehenden Spieler. Freund und Feind. So ein Ball, in dem die Verzweiflung eines ganzen Spiels drinsteckt. Und der dann im linken unteren Eck landet.
Es ist irre. Genau wie vor einem Jahr Andis Ball. Und ich schreie wie verrückt. Wieder ist es einer dieser Momente, die ich nicht mehr vergessen werde. Immer wieder sehe ich dieses Bild in der Nachmittagssonne. Eins zu eins Unentschieden. Im wirklich allerletzten Moment.
Vielleicht schreibe ich deshalb all das und erinnere mich. Vielleicht redet man wegen dieser Szenen immer wieder vom Fußball. Vielleicht ist das seine ureigene Faszination. Kann sein, dass das die Geschichten sind, an die man später denkt, wenn man keine Heldentaten mehr vollbringen kann. Wie oft haben wir über das gesprochen, was in den nächsten Minuten folgte. Dieses wahnsinnige Neunmeterschiessen, in das wir uns hier hineingerettet hatten.
Es gibt jetzt keine langen Pausen. Es ist das Halbfinale dieses großen Turniers. Am Nachmittag des ersten Mai Siebenundneunzig. Wir schießen auf das Tor an der Westmauer.
In allen Köpfen geht das gleiche vor. Soll ich? Kann ich? Was passiert, wenn ich ihn verschieße. Nein lieber nicht. Oder doch? Drei Schützen für jede Mannschaft. Wer hat jetzt überhaupt noch die Nerven zu diesem absoluten Showdown.
Timo ist nicht mehr im Rennen. Scholle will. Steve vielleicht. Er überlegt noch. Jörg scheint auch zu wollen. (Auweia). Auch ich will unbedingt. Nur hier wird man unsterblich. Man muss einfach schießen, wenn man ein gutes Gefühl hat.
Wir klatschen Fischi ab und umarmen ihn. Jeder hat sicher noch das ein oder andere Wort für den Keeper. Aber Fischi weiß genau, was er zu tun hat. So viel hängt nun von ihm ab.
Im Hintergrund stehen Patrick und Kersten. Eher nicht schießen sagen ihre Gesichter. Aber bald werden sie mit dem Ausgang des Neunmeterschiessens etwas zu tun bekommen. Jeder auf eine andere Weise. Noch stehen sie etwas abseits. Auch Andi hält sich ja aus diesem Nervenkitzel gerne raus. Er wird erst im Februar Zweitausenddrei, also fast sechs Jahre später seinen ersten Neunmeter für uns schießen.
Jetzt beginnt es also. Es ist unglaublich spannend. Alle Spieler stehen in der Mitte des Feldes. Hinter dem Tor und an der rechten Seitenlinie sind viele Zuschauer, unter denen ich auch wieder Peter Teichmann im hellen Jeansanzug erkennen kann. Der würde auf jeden Fall schießen, wenn er jetzt zu uns gehören würde. Der hätte sich auch in die Brandung geworfen. Aber erst knappe drei Wochen später spielt er sein erstes Turnier für uns.
Unser Gegner beginnt und wir schauen gebannt auf Fischi. Als der Schuss im Netz ist und die vielen Anhänger jubeln, liegen wir 1:2 hinten. Es ist eine irre Atmosphäre. Die haben so viele Fans!
Für uns nimmt Jörg den Ball. Unglaublich, wo der nach dem Achtelfinale den Mut herhat, hier nochmal zum Punkt zu gehen. Mir ist wie Nicht-Hinschauen. Ich kenne Jörg. Der will ihn wieder reinzaubern. Jörg, bitte, mach den Ausgleich!! Egal wie. Er ist total konzentriert. Und er hämmert ihn hoch in die Maschen. 2:2. Grenzenlose Erleichterung. Wir umarmen uns. Jörg, Oh Mann, ich danke Dir!
Es geht weiter. Der nächste Schütze der Blau-Gelben drischt den Ball in die Wolken. Jetzt könnten wir in Führung gehen.
Und die Reihe ist an mir. Die Knie sind einem windelweich, wenn man da vorläuft. Aber es ist alles egal. Eisen wird nur im Feuer geschmiedet. Und im Herzen liebe ich diese Momente. Weil sie es sind, an die man sich später erinnert.
Mein Ball schlägt zum 3:2 im linken unteren Eck ein. Über den Innenpfosten. Fast war der Torhüter noch dran. Aber der Ball ist scharf und ich kann aufatmen. Es sind große Szenen. Wenn die jetzt verschießen, dann sind wir im Endspiel.
Aber der Schütze vom Kolleg ist nervenstark und kann Fischi zum 3:3-Ausgleich überwinden. Kreischender Jubel aus einer Wand von Zuschauern an der Mauer. Mann, sind die sympathisch! Die lassen für ihre Mannschaft die Hölle los. Und sind so fair. Kein böses Wort. Nichts. Nur die pure Emotion.
Dennoch. Wir bleiben in der Vorhand. Trifft Scholle jetzt den Ball, kann er sie alle versenken. Und wir werden übereinander herfallen. Wieder die Stille vor dem Schuss. Aber Steffens Ball geht scharf auf Mann. Gehalten. Und hinten an der Mauer geht wieder die Wand der Zuschauer hoch. Ruhig bleiben. Es steht unentschieden.
Von nun an geht es weiter eins gegen eins. Bis zur Entscheidung. Die neuerliche Kolleg-Führung muss Steve jetzt ausgleichen. Gut, dass der Junge die Nerven hat und den Ball fast provozierend in die rechte Ecke schiebt. Klasse gemacht. 4:4 - und die Spannung wird immer schlimmer.
Es geht wieder weiter. Fischi kann mit einem Reflex den Ball des nächsten gelb-blauen Schützen abwehren und erneut liegt alles in unserer Hand. Jetzt geht Kersten vor. Er muss ihn einfach nur reindonnern und wir sind drin in diesem Finale, das so verdammt schwer zu erreichen scheint.
Ich habe bei Kersten ein gutes Gefühl. Ich weiß, dass er genau wie ich in die linke untere Ecke schießen wird. Und Kersten legt sich den Ball zurecht. Neun Meter trennen uns vom Endspiel. Komm, Kersten, mach dieses Ding jetzt rein! Alles steht still, als er abzieht. Aber es ist unglaublich. Auch Kersten schießt genau wie Scholle direkt in die Mitte auf Mann und vergibt so den zweiten Matchball nacheinander.
Wir starren uns an und keiner begreift es. Man kann das auch nicht mehr verstehen. Kersten selbst hat auch keine Erklärung. Es ist ein irrer Film, der hier abläuft. Er wollte nie im Leben in die Mitte schießen.
Weiter 4:4. Fast könnte man es denen gönnen. Weil sie am Boden liegen und einfach nicht K.O. zu kriegen sind. Und die vielen Fans stehen hinter ihnen wie ein Mann.
Mein Gott, wie geht das weiter? Es kann jetzt nicht mehr lange dauern. Einer wird ausscheiden. Wir oder die. Es ist unheimlich spannend. Der Ball liegt wieder für Blau-gelb auf dem Punkt. Und mit dem Aufschrei der Zuschauer schlägt er zum 4:5 bei Fischi ein, der fast noch dran war. Aber eben nur fast. Jetzt sind wir es, die treffen müssen.
Keiner will. Andi macht mit den Händen die typische Abwehrbewegung. Von denen, die noch nicht geschossen haben, bleiben nur noch Fischi und Patrick. Noch einmal vergeht eine halbe Minute, in der auch der Schiedsrichter klarmacht, dass es jetzt einen Schützen geben muss.
Es sind die nächsten Sekunden, in denen sich unser Schicksal entscheidet. Es wird grauenvoll. Patrick ist es, der unentschlossen den Ball nimmt. Ich schaue ihn an und sehe sein Zögern.
Wenn sich diese Szene noch einmal wiederholen würde, würde ich nicht noch einmal dasselbe tun. Wir stehen in der Mitte des Feldes und Patrick macht sich langsam auf in Richtung Neunmeterpunkt. Ich bin mir sicher, dass er nicht treffen wird. Man darf da nicht hingehen, wenn man nicht sicher ist. Welcher Teufel mich reitet. Ich weiß es nicht. Aber in diesem Augenblick sage ich ihn, diesen schlimmen und folgenschweren Satz: „Patrick, gib her, ich mach’s lieber selbst!“
Patrick gibt den Ball ab und es ist halb sechs am Nachmittag, als die Entscheidung fällt. Die Sonne steht schon tief, als ich mir den Ball heute zum dritten Mal auf den Punkt lege. Wir müssen jetzt treffen. Geht dieser Ball nicht ins Tor, sind wir raus aus diesem wahnsinns Turnier. Alle wissen das. Und ich weiß es auch.
Warum nur musste Timo sich zerren? Ein riesen Druck jetzt. Ich entscheide mich wieder für die linke untere Ecke. Jetzt ist das nichts mehr für schwache Nerven. Vier Schritte Anlauf. Und der Ball geht scharf und flach am linken Pfosten vorbei. Zehn Zentimeter. Ein Bild, das sich mir tief eingeprägt hat.
Verdammt. Totales Entsetzen.
Nach so einem Schuss bist Du wie gelähmt. Immer wieder sehe ich diesen Ball links vorbeigehen. Zeitgleich stürmen die vielen Zuschauer hinter dem Tor und von rechts aufs Spielfeld. Und wir sind K.O. Ganz Gelb-blau ist jetzt im Jubel und liegt sich in den Armen.
Es sind riesen Bilder und es ist wie bei einer WM. So richtig was für die Erinnerung. Sieger und Geschlagene direkt nebeneinander. Die einen liegen übereinander und schreien sich heiser. Die anderen verstehen die Welt nicht mehr. Nicht zu fassen, dass wir dieses Ding noch verloren haben. C’est la vie. Nach einem großen Spiel. In was für einem Moment. Dramatischer kann man denke ich nicht verlieren. Unglaublich. Unbeleavable.
Von den Momenten danach weiß ich kaum noch etwas. Kersten hat irgendeinen Witz gemacht und auch Andi konnte mir nicht weiterhelfen. Hätte er mal lieber geschossen. Trotzdem versucht er mich zu trösten. Du kannst nichts dafür. Das hätte jedem passieren können.
Das Spiel um den dritten Platz wird Patricks Abschied. Wenige Wochen später würde er nach Südafrika zurückgehen. Es kann auch Zimbabwe gewesen sein. Wir hatten uns im Studium kennengelernt und waren über Jahre befreundet gewesen. Das erste Mal, dass ich mich an ihn erinnern kann, war im Anatomie-Hörsaal. Im ersten Studienjahr. Dort saß er immer auf demselben Platz. Ganz unten links. Direkt neben dem Pult des Professors. Und das auch nur, weil er genau wie ich immer schon eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn draußen vor dem Hörsaal stand, um einen der besten Plätze zu bekommen. Eben den da unten links. Wir warteten immer vor dem hinteren Eingang. Hic gaudet mors succerrere vitae stand darüber. Hier steht der Tod im Dienst des Lebens.
Ich mochte Patricks Art sich auszudrücken. Sein akkurates, fast vornehmes Deutsch. In einem ganz bestimmten ruhigen Tonfall. Überhaupt tat er alles, was er tat in Ruhe und ohne jede Hast mit einem Lächeln auf den Lippen. Selbst seine gefürchteten Dribblings als letzter Mann, bei denen es einem eiskalt über den Rücken läuft.
Ich würde ihn kurze Zeit später noch ein letztes Mal wiedersehen. In seinem Wohnheimzimmer in der Leipziger Phillipp-Rosenthal-Straße. Mit Andi und Matthias Bebobru beim Tee, als ich ihm zum Abschied noch ein paar Fotos von uns mitgab.
Jetzt standen wir noch einmal gemeinsam auf dem Feld. Demoralisiert und mit müden Knochen gegen einen dynamisch und beweglich aufspielenden Gegner. Die Flotten Pinsel, denen wir vier Jahre später, im Juli Zweitausendeins noch einmal wiederbegegnen würden. In einem echten Endspiel. Hier ging jetzt nichts mehr. Der Riemen war runter. Das Spiel um den dritten Platz ist nie ein dankbares Spiel.
Wir waren einfach kaputt und verlieren 0:2. Jörg konnte kaum noch laufen. Endlich konnte auch Boris spielen, der erst sehr spät dazukam. An echte Gegenwehr kann ich mich nicht mehr erinnern. Das Tor zum 0:1 ist ein absolutes Traumtor. Ein ansatzloser Schrägschuss aus dem halbrechten Mittelfeld von einem dribbelstarken blonden Spieler. Von der Mittellinie. Fischi ist fast waagerecht in der Luft und begleitet den Ball würdig ins linke Dreiangel.
Im Turnier der zweiundsiebzig Mannschaften werden wir am Ende Vierter. Die Bilder sind tief in mir hängengeblieben. Auch bei den anderen.
Wenn mich heute einer danach fragen würde, was im Laufe der Jahre, auf dem langen Weg die wirklich großen Momente waren, dann muss ich nicht lange nachdenken. Von Gohglmohsch werde ich erzählen. Auch von England und von Holland. Wahrscheinlich auch von Spanien. Und wer weiß, wovon noch. Aber der erste Mai Siebenundneunzig, der wird immer dabei sein. Denn was in jenem Halbfinale geschah, das werde ich wahrscheinlich nie vergessen.
Ich wünschte, mein Sohn Victor würde später einmal Fußball spielen. Ich würde was dafür geben, wenn ich ihn einmal in so einem Elfmeterschießen sehen könnte. Von mir aus auch Neunmeter. Vielleicht macht der Junge es ja dann besser als sein Vater und haut ihn rein. Und seine Freunde reißen ihn dann um vor Freude. Vielleicht stehe ich in diesem Moment an der Seitenlinie und mir zerspringt fast das Herz vor Spannung. Genauso wie damals.