3. Kleinfeld-Turnier
(3. Kleinfeld-Turnier des Neustädter FC)
18./19. Mai (Pfingsten) 1997, Sportplatz Halle-Seeben,
(5 Feldspieler plus Torwart, 1 x 15 min, 40 Mannschaften)
Vorrunde (Staffel 1):
FC Waldstraßenviertel - Borussia Halle 4:0
Tore: Peter Teichmann, Steffen Scholz, Heiko Hennig, Steve Brenner
FC Waldstraßenviertel - Team Lilienstraße 1:0
Tor: Andreas Seidel
FC Waldstraßenviertel - Neustädter FC 1:1
Tor: Steffen Scholz
FC Waldstraßenviertel - Team Blumencafé Halle 1:0
Tor: Peter Teichmann
Als Gruppenerster in die Zwischenrunde:
FC Waldstraßenviertel - Fortuna Halle-Neustadt 0:0
FC Waldstraßenviertel - Waldplatz-Tiger Leipzig 2:2
Tore: Peter Teichmann, Timo Naumann
Entscheidung über Gruppensieg zwischen FC Waldstraßenviertel und Waldplatz-Tiger Leipzig im 9-m-Schießen: 0:1
Timo Naumann: Mitte gehalten, Waldplatz-Tiger Leipzig verschießt, Heiko Hennig: Mitte gehalten, 0:1, Steve Brenner: Mitte gehalten
Als Gruppenzweiter ins Achtelfinale:
FC Waldstraßenviertel - Team 0815 0:2
FCW mit: Farshid Shahmoradi - Timo Naumann, Steffen Scholz, Andreas Seidel, Heiko Hennig, Steve Brenner, Oliver Wolfram, Peter Teichmann
Spielbericht
Wer andern eine Grube gräbt
Es gibt Kleinfeldturniere, die gehen über zwei Tage. Unser drittes Turnier war so eines. Samstag und Sonntag an Pfingsten Neunzehnhundertsiebenundneunzig. Nicht gerade ein Datum, an das ich mich gerne erinnere. Es erzählt von einem schlechten Deal.
Die Taufe meines Töchterchens Greta am Pfingstsonntag fiel auf den zweiten Tag des großen Fußball-Turniers in Halle-Seeben. Bitte entscheiden Sie jetzt, lieber Familienvater. Hier oder dort. Fußball oder Familie?
Hier und dort wurde es die Katastrophe. Ich war von allen guten Geistern verlassen. Direkt nach der Taufe bin ich zum zweiten Tag dieses bescheuerten Turniers nach Seeben gefahren. Eine Entscheidung, für die ich noch Jahre später mit Vorwürfen bombardiert wurde. Und die waren mehr als berechtigt.
Dabei hätte wieder mal alles ganz anders laufen können.
Die Organisation des Turniers, bei dem es für uns das erste Mal aus Leipzig rausging, lief über André Tröltzsch vom Neustädter FC in Halle-Seeben. Ich sehe noch deutlich, wie Kornelia der Unterkiefer runterklappte, als ich verkündete, dass ich nach der Taufe in der Kirche zum Fußball fahre. Das kann nicht dein Ernst sein. Am Tag der Taufe deiner Tochter? Danach ist die Feier im Garten. Weißt Du, wieviele Gäste hier sind? Und Du bist der Gastgeber. Es ist nicht zu fassen.
Eine letzte Hoffnung konnte ich noch verbreiten. Vielleicht fliegen wir ja am ersten Tag nach der Vorrunde raus und ich bin bei unserer Party dabei. Vielleicht. Ich muss die Voll-Meise gehabt haben.
Lange vor Pfingsten war klar, dass Fischi nicht dabei sein würde. Irgendwas mit Wegfahren und Klettern. Also was mit Familie. Danke und Klasse Fischi, du machst das richtig. Auch Jörg war mit Freundin Peggy unterwegs. Das ging also schon mal gut los.
Wenn Fischi nicht da ist, kriegen wir das große Jammern. Wer würde ins Tor gehen? Matthias Bebobru war nicht mehr verfügbar. Auch an Adrian Sadler kamen wir nicht mehr ran. Der war längst wieder in England. Seeben wird ein gut organisiertes Großturnier. Ausgeschrieben für vierzig Mannschaften. Wir brauchen dringend einen Keeper. Am besten einen, bei dem wir nicht ständig an Fischi denken.
Mir kam der Zufall zu Hilfe. Kornelia hat drei Schwestern. Eine davon, Sylvia, wohnt mit ihrem Mann Farshid in Hameln. Und die kamen über Pfingsten zu Besuch. Zur Taufe.
Farshid Shahmoradi. Peter wird ihn später nur noch die Katze nennen. Er ist Perser aus dem Iran und seit einigen Jahren in Deutschland. Ich glaube, er ist früher mal vom Militär desertiert. Farshid war mir immer sympathisch. Herzlich, verbindlich und familiär. Manchmal vielleicht etwas chaotisch. Und ihm mit seinem gebrochenen Deutsch länger als zwanzig Minuten zuzuhören ist auch nicht einfach. Aber dennoch. Farshid wollte gern ins Tor gehen. Er hätte früher im Iran auch gehalten.
Ich war hocherfreut und einverstanden. Am Freitag vor Pfingsten waren wir noch mal gemeinsam mit Andi und ihm auf der Südanlage und haben Farshid noch zwei Stunden lang die Bälle um die Ohren gehauen. Farshid machte dabei einen guten Eindruck. Das Problem schien also gelöst.
Riesen Freude machte mir auch die Zusage von Heiko Hennig, der seit September vergangenen Jahres aufgrund seiner Verpflichtungen bei Motor Nord fast immer gebunden war. Heiko hatte uns in dem legendären Gohglmohsch-Spiel ein Denkmal gesetzt und wann immer sein Name fiel, leuchteten die Augen der anderen.
Farshid im Tor, Andi und Scholle eher für hinten, Heiko und ich im sogenannten Mittelfeld. Timo und Steve im Sturm. Bis jetzt waren wir sieben.
Für ein Turnier über zwei Tage eher zu wenig. Zumindest einer fehlte noch für die Defensive.
Und dann kam Peter Teichmann. Der etwas lauffaule, aber geniale Exzentriker vom VfL. So eine Art Stoitschkov der Leipziger Stadtklasse. Peter hatte uns, wenn man so will, erst eine Zeit lang beobachtet. Das erste Spiel von uns sah er Fünfundneunzig auf der Nordanlage gegen die Leipziger Eintracht. Danach sah er das Gohglmohsch-Video aus dem Kessel vom September Sechsundneunzig und schließlich war er unter den Zuschauern bei diesem Irrsinns-Turnier vor drei Wochen.
Fußballerisch kann Peter alles. Wir spielten ja gemeinsam beim VfL. Er schlägt gute Pässe und hat einen satten Schuss, eine glänzende Übersicht und permanenten Zug zum Tor. Verhängnisvoll war einzig und allein seine Lauffaulheit, so dass er von Helmut beim VfL oft ausgemustert wurde und schließlich in der zweiten Mannschaft landete. Zu Unrecht, wie ich fand.
Peter lebt für den Fußball und würde von nun an unseren Weg mitgehen. Ein Mann der einfachen Freuden. Man könnte sagen Wein, Weib und Gesang. Nur statt Wein eher Bier, statt Weib eher Computer und statt Gesang lieber Zigarette. Aber er hat große Spiele für uns gemacht und von manchen seiner genialen Momente schwärme ich noch heute.
Komischerweise kann ich mich noch an die Nacht vor dem ersten Turniertag erinnern. Irgendwie konnte ich nicht schlafen. Um eins ins Bett, dann nur herumgewälzt und kurz vor fünf aufgewacht. Ich weiß es noch. Ich bin danach runter in den Garten hinterm Haus in der Leipziger Feuerbachstraße und saß im Morgengrauen dort auf einer Bank. Todmüde. So mit brennenden Augen, Herzrasen und flau im Kopf. Wie ein alter Mann.
Auch die Unruhe bei der Abfahrt sehe ich noch vor mir. Mit dem Turnier vor drei Wochen war die Messlatte jetzt wie von selbst hochgelegt. Es ging jetzt nicht mehr nur ums Hinfahren und Dabeisein. Jetzt wollten wir plötzlich gewinnen. Irgendetwas war mit uns passiert. Nach dem letzten Turnier waren wir nicht mehr die, die wir vorher waren.
Es ist früh am Morgen. Wir sind in Seeben. Am Stadtrand von Halle und wir kommen als erste Mannschaft an. Ich hatte die Jungs auf Sicherheit bestellt. Sechs Uhr Treffen in der Feuerbachstraße. Überwiegend zerknitterte Gesichter. Und fragende Blicke. Muss das echt so zeitig sein? Doch Jungs, ist besser so. Kein Risiko. Lieber ein wenig früher. Steve gähnt.
Jetzt sind wir viel zu zeitig hier und können so wenigstens das Gelände erkunden. Ein Großfeld, geteilt in zwei quere Kleinfelder. Der Rasen war nass und ging gerade noch. Wie der wohl nachher aussehen würde. Rechts ein großer Garten. Davor Bierzelt und Bratwurststände. Hinten und links Bäume. Vorn die Baracke mit den Kabinen. Alles viel zu klein für vierzig Mannschaften.
Warmspielen im nassen Gras. Farshid macht nicht gerade den sichersten Eindruck. Vor allem bei flachen Bällen. Auf mich sind fragende Blicke gerichtet. Ruhig Jungs, das wird schon noch.
Als es losgeht, gelingt alles. Borussia Halle in rot-schwarz-gestreiften Trikots und schwarzen Hosen bekommt das eindrucksvoll zu spüren. Das Spiel ist ein einziges Feuerwerk und wir lassen Ball und Gegner laufen. Wir spielen so, als würden wir seit Monaten nur andere schwindelig spielen. Locker und gelöst. Mit viel Tempo und wenn es sein muss aggressiv und zweikampfstark. Vor allem Timo und Henne. Die kannst du nicht ausspielen. Timo hat immer irgendwo ein Bein dazwischen. Und Henne ist der Antreiber. Der Achter auf Kleinfeld.
Die logische Folge sind die Tore, von denen Scholles 2:0, ein kapitaler Distanzschuss an die Lattenunterkante das Schönste wird. Am Ende ein 4:0, bei dem auch Farshid kein einziges Mal ernsthaft geprüft wurde.
Wesentlich schwerer wird im zweiten Spiel die Auseinandersetzung mit dem Team Lilienstraße, die lange Zeit dagegenhielten und erst in der Schlussphase durch Andis Tor aus spitzem Winkel besiegt wurden.
Inzwischen ist es in Seeben proppevoll und es gibt in den Pausen kaum einen Platz, wo wir uns ein paar Bälle zuspielen können. Eben Vierzig Mannschaften. Und alle auf engstem Raum.
Nach zwei zu Null-Siegen dann das dritte Spiel gegen den Gastgeber Neustädter FC in weiß-blau. Lange junge Kerls. Alle sehr gut am Ball, offenbar erfolgsgewohnt, aber irgendwie eine Spur zu lässig. Und sowas läuft gegen uns nicht.
Erneut ist es Scholle mit einem Distanzschuss, der uns in Führung bringt. Als dann wieder der Ball läuft, hört der Spaß auf. Plötzlich laufen die nach den Bällen und alles muss schnell gehen. Auch als der Ausgleich fällt, ändert sich daran nichts. Mit jeder Minute werden sie aggressiver. Und dann ist es Andi, der es nicht lassen kann. Sein legendärer Tunnel im Mittelfeld gegen den Kapitän des Gegners, der ihm dann sofort von hinten im vollen Lauf die Beine wegschlägt.
Ein wahnsinns Moment. So einer zum Luftanhalten. Der Ball war weit weg. Das hätte Rot geben müssen. Klarer kann man nicht vom Platz fliegen. Eines der brutalsten Fouls, die ich je live gesehen habe. Aber der Schiedsrichter lässt weiterlaufen. Ohne Freistoß übrigens. Das war wirklich eine schlimme Szene.
Das letzte Spiel der Vorrunde hatte Gemeinsamkeiten mit dem zweiten. Ein ähnlicher Gegner,Team Blumencafé Halle. Die sind laufstark, dynamisch und sehr fair. Fast schon sympathisch. Trotzdem wird es ein Spiel mit Haken und Ösen. Wieder müssen wir bis in die Schlussphase warten, bis uns Peter mit einem Alleingang erlöst. Peter liebt es, der Matchwinner zu sein.
Nach diesem Sieg ist die Vorrunde in Seeben zu Ende. Vier Spiele, davon drei Siege und ein Unentschieden. Zehn Punkte und sieben zu eins Tore. Hörte sich irgendwie gut an. Und als ungeschlagener Gruppenerster ziehen wir vor den mitqualifizierten Gastgebern in die Zwischenrunde ein.
Die allerdings erst am nächsten Tag gespielt wird.
Als dann noch die Gegner bekanntgegeben werden, kommt Heiterkeit auf. Wir spielen in einer Zwischengruppe mit zwei weiteren Mannschaften. Neben dem für uns unbekannten Team von Fortuna Halle-Neustadt spielen wir morgen gegen die Leipziger Waldplatz-Tiger. Und die wiederum kennen wir gut, kommen sie doch direkt aus unserem Revier, eben vom Waldplatz. Das sind alles gute Jungs, aber eher trinkfest als spielstark, um es kurz zu fassen.
Genauso wie wir haben die irgendwann mal angefangen. Einmal in der Woche. Immer sonntags auf der Hockeywiese. Nur das eben immer die Holsten-Büchsen mit im Spiel waren.
Reschke, Tilo Pfau, Rudi und wie sie alle hießen. Naja und Putzi mit der Fokuhila-Frisur. Ansonsten alles Leute, die sich Mühe geben, wie es so schön heißt. Aber bis auf Uwe Heine, der dann ab Zweitausendeins bei uns spielte, hatten sie leider keinen, der was von der Materie verstand.
Als ich nach Hause kam, warteten dort die Vorbereitungen auf das Fest. Ich konnte keinem in die Augen sehen. Morgen ist die Taufe. Kurz nach Elf. Danach geht es wieder zur Zwischenrunde nach Halle. Und bei der Feier in unserem Garten bin ich nun definitiv nicht dabei. Meine Mutter hätte früher nur gesagt: Junge, was hast Du Dir nur dabei gedacht.
Als wir abends mit Sylvia, Farshid und den Kindern zusammensitzen, klingelt es an der Tür. Es ist Tilo Pfau von den Waldplatztigern. Morgen sind wir beide in der gleichen Zwischenrundengruppe. Zusammen mit Fortuna Halle-Neustadt. Jeder gegen jeden ein Spiel. Die ersten beiden in der Dreiergruppe kommen weiter. Ob wir uns nicht arrangieren könnten und beide weiterkommen. Nur wenn es sich ergibt, versteht sich. Zumal wir das letzte Spiel in der Gruppe gegeneinander haben. Vielleicht geht da ja was. Sowas wie Nachbarschaftsliebe in der Fremde.
Von Gemauschel halte ich eigentlich nicht viel. Klar seid ihr unsere Freunde, aber ich bin morgen früh bei der Zwischenrunde nicht dabei, weil meine Tochter getauft wird. Ich komme erst unmittelbar im Anschluss daran nach Halle. Tilo, tut mir leid, aber Du musst Dich morgen an Andi und die anderen Jungs wenden. Ich halte das für keine gute Idee.
Andi habe ich gleich danach angerufen und Bescheid gesagt. Andi, die ehrliche Seele meinte gleich, so etwas sei nicht okay und er sei nicht dafür, mit den Tigern etwas einzugehen. Das sei nicht fair und außerdem könne sowas auch mal nach hinten losgehen. Sicher, Andi, das sehe ich genauso. Am besten, ihr klärt das morgen mit denen.
Als dieser Morgen kam, der neunzehnte Mai siebenundneunzig, hatte Scholle zunächst mal Geburtstag. Der sechsundzwanzigste. Sein Geschenk von uns bekam er unten auf dem Bürgersteig der Feuerbachstraße überreicht: das zum Plakat vergrößerte und gerahmte Mannschaftsfoto von vor drei Wochen, als wir Vierter von zweiundsiebzig Mannschaften auf der Festwiese wurden. Das, wo Steve früh am Morgen noch grüngrau aussieht. Steffen ist nicht gerade der Typ für emotionale Worte, aber ich glaube, er hat sich sehr darüber gefreut.
Ich fuhr anschließend zur Taufe in die Leipziger Christengemeinschaft und die Jungs zum zweiten Turniertag nach Halle. Gegen eins bin ich bei Euch. Hey, bitte nicht ausscheiden, habt Ihr gehört. Haltet durch!
Und dann nahm das Unheil seinen Lauf. Während ich nach Gretas Taufe in Richtung Halle raste, spielte es sich bereits ab, das Spiel, das uns später alles verderben würde.
Was ich jetzt schreibe, stützt sich auf nicht immer gleichlautende Berichte von Andi, Timo und Peter. Aber irgendwie so muss es gelaufen sein: Gegen Fortuna Halle-Neustadt spielten sowohl die Tiger als auch wir 0:0 Unentschieden. Und damit tritt vor dem abschließenden Spiel gegeneinander genau das ein, was ich nicht wirklich für möglich gehalten hatte. Mit einem beliebigen Unentschieden gegeneinander wie etwa 1:1 oder 2:2 sind wir beide weiter. Nur 0:0 darf es nicht enden und einen Sieger darf es auch nicht geben, weil dann der Verlierer automatisch ausscheidet.
Ziemlich einfach das Ganze und nicht zu fassen, dass es genauso kam, wie alle es sich vorher gedacht hatten.
Was ist zu tun? Andi meinte später, er sei von Anfang an dagegen gewesen. Peter und Scholle eher dafür. Irgendwo dazwischen liegen die anderen. Henne und Timo sind auch nicht die Typen für so einen Deal. Fakt ist, dass er dann doch zustande kam. Okay, wir spielen 1:1.
Es ist nicht einfach, über etwas zu schreiben, was man nicht selbst gesehen hat. Eines ist sicher. Es ist der negative Höhepunkt unserer Jahre und eine echte Schande, dass wir uns auf sowas eingelassen haben.
Es ist etwa halb zwölf am neunzehnten Mai Neunzehnhundertsiebenundneunzig und das Spiel gegen die Waldplatz-Tiger beginnt. Scheinbar läuft alles nach Plan. Peter trifft mit einem noch abgefälschten Schuss zum 1:0. Nach dem planmäßigen Ausgleich scheinen beide nur noch das Ergebnis zu verwalten. Aber dann geschieht das, was keiner auf der Rechnung hatte: ein eher harmloser Distanzschuss von Timo ist für den Keeper der Tiger eine Nummer zu groß und plötzlich steht es für alle überraschend 2:1. Drei Minuten vor dem Ende. Der Albtraum für die Tiger. Ein Tor muss her. Und zwar schnell, wenn hier nicht Schluss sein soll.
In den nächsten zwei Minuten müssen sie angerannt sein. Auf unser Tor. Ohne relevante Gegenwehr. Und immer, ohne das Tor zu treffen. Der Ausgleich fällt dennoch. In einer Weise, die mir schon nur beim Zuhören wehtat. Wahrscheinlich die Schluss-Sekunden. Einer der Tiger dribbelt und unsere Abwehr steht still. Er wird einfach nicht attackiert. Peter sagte mir, er hätte sich in diesem Augenblick sogar die Schuhe zugebunden. Auch Farshid wäre, als der Ball kam, in die falsche Ecke gesprungen. Mir taten die Ohren weh, als ich das gehört habe. Hört auf, ich will sowas nicht hören. Das sind nicht wir. Sowas können wir nicht machen!
Und gesehen hat es wahrscheinlich auch jeder. Was mögen die Spieler von Fortuna Halle-Neustadt empfunden haben, in deren Haut ich jetzt nicht hätte stecken wollen. Leute, das ist nicht nur nicht okay. Das ist Betrug.
Als ich gegen eins kam, war dann auch das Neunmeterschießen zwischen uns und den Tigernschon gelaufen, das unter den beiden Qualifizierten den Gruppensieger ermitteln sollte. Timo, Heiko und Steve haben der Reihe nach ihre Bälle in die Mitte auf Mann geschossen. Und das war nicht geplant. Alle drei gelten als sonst sichere Schützen.
In einer vermeintlich leichten Gruppe hätten wir gut und gern als Gruppensieger in die erste K.O.-Runde gehen können. Stattdessen verlieren wir das Neunmeterschiessen gegen die Waldplatz-Tiger und werden nun als Zweiter unserer Gruppe im Achtelfinale auf einen der anderen Gruppenersten treffen. Das konnte sich rächen.
Alles was jetzt kam, war unsere eigene Schuld. Auf uns wartete mit dem Team 0815 eine Mannschaft voller kahlköpfiger Ungesichter. Allesamt muskelbepackt und bis ins Letzte austrainiert. Sensation 93 schien uns grüßen zu lassen. Henne meinte noch, die kann man nur spielerisch aushebeln. Mit nichts anderem.
Ich dachte daran, wie gut es jetzt wäre, wenn Jörg dabei ist. Oder Leonard und Patrick.
Als in der Nachmittagssonne von Seeben das Spiel beginnt, bricht etwas über uns herein, das ich in dieser Weise so noch nicht erlebt hatte. Wie donnernde Kampfmaschinen in dunkelblau-hellblau liefen sie auf uns zu. Ein Megapressing. Was es jetzt braucht, sind intelligente Lösungen. Ein kluger Spielaufbau. Ballsicher aus der Bedrängnis. Bewegliche Anspielstationen. Gegenpressing. Nichts davon hatten wir parat.
Und dann dieses höllische Tempo. Ich selbst habe über die Jahre eine gute Kondition aufgebaut. Ich muss mich vor niemandem verstecken. Timo und Henne auch nicht. Aber die kamen mit unglaublicher Power. Statt den Zweikämpfen aus dem Weg zu gehen, hätten wir sie annehmen müssen. Wir haben keine Zeit zu reagieren. Die treten uns permanent auf die Füße. Keiner übernimmt Verantwortung.
Wir bestehen aus Alibi-Pässen. Und keiner ist mehr kampfbereit. Am ehesten halten noch Timo und Peter mit. Andi, der immer eine feine Klinge schlägt, merkt, dass ihm seine Waffen hier nichts nützen. Ich finde keine echte Bindung zum Spiel. Auch Henne ist hier kein echter Leader. Wir sind alle überrumpelt, fast geschockt von dieser Power. Und wie die ihre Körper einsetzen. Vor allem auf unserer linken Seite werden wir regelrecht überrannt.
Beide Gegentore, die unser Aus bedeuten, sind brachiale Gewaltschüsse aus Nahdistanz. Also voll passend zum Spiel. Und beide Tore schienen uns etwas sagen zu wollen.
Wer andern eine Grube gräbt..
Übrigens: Team 0815 wird der spätere Turniersieger.