15. Spiel: 29. Juni 1997, Mühlwiese des SV Motor Nord Leipzig
FC Waldstraßenviertel - WPOS Sellerhausen 6:5 (2:2)
FCW mit: Jens Fischer - Timo Naumann, Andreas Seidel, Kersten Guthke - Jörg Voigtmann, Peter Teichmann, Albrecht Herold, Uwe Klinkicht, Oliver Wolfram, Jan Kratzer, Rigobert Kamdem - Steve Brenner, Holm Hönicke
Tore: Albrecht Herold (2), Jörg Voigtmann, Oliver Wolfram, Jan Kratzer, Steve Brenner
Spielbericht
Wiedersehen mit alten Bekannten
Gerade wenn man denkt, einen Schritt vorwärts gekommen zu sein, dauert es oft nur kurze Zeit und man wird mit irgendeinem Ereignis wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Das Turnier Anfang Mai auf der Festwiese schien so etwas wie ein Schritt nach vorn gewesen zu sein. Vielleicht sogar zwei. Und Seeben? Ich bin nicht sicher, welche Lehren wir daraus ziehen sollten. Spielerisch waren wir zumindest in der Vorrunde großartig aufgetreten. Alle Vorwürfe bezogen sich also auf die abscheuliche Mauschelei mit den Waldplatztigern. Niemand weiß, was geschehen wäre, wenn wir als Gruppensieger ins Achtelfinale eingezogen wären. Seeben konnte man nicht richtig einordnen.
Inzwischen war Sommer geworden. Ein heißer Sommer. Noch immer war ich in der Sankt-Georg-Urologie als Arzt im Praktikum. Es gab dort Gutes und weniger Gutes.
Das weniger Gute war das tagtäglich stundenlange Stehen als zweiter oder dritter Assistent in den großen radikalchirurgischen Eingriffen. Und an den Nachmittagen Stationsvisiten mit einem hektischen und immer verkalkter werdenden Oberarzt. Ich fühlte mich wie Wildwuchs, um das sich keiner kümmert. Also musste ich selber nach mir sehen.
Mein Hauptaugenmerk richtete sich auf meine Doktorarbeit, die ich so weit wie möglich vorantreiben wollte. Fast alle Wochenenden des Jahres saß ich am Schreibtisch mit der grünen Jugendstillampe. Eine Zumutung für Kornelia, die sich das sicher anders vorgestellt hatte. Und dann noch der Fußball.
Sonntags um zehn auf der Festwiese war seit dem Frühling wieder ein fester Termin geworden. Hier konnte ich immer mal eine Stunde abtauchen und Klinik und Wissenschaft mit frischer Luft ausgleichen. Das nächste Spiel mit dem FCW rückte näher. Körper und Seele brauchen wieder etwas Nahrung. Unser fünfzehntes Spiel.
Mit Thomas Lehmann, der als eines unserer Gründungsmitglieder im legendären Kamerun-Spiel vom Mai dreiundneunzig auf der Liberoposition kämpfte, hatte ich es vereinbart. Er wollte eine Sellerhäuser Auswahl gegen uns zusammenstellen. Alles Sport- und Schulfreunde, vor allem aus seiner dortigen Handballer-Zeit. Er nannte sie scherzhaft die WPOS Sellerhausen. WPOS steht für Wilhelm-Pieck-Oberschule. Ein Name, den die Mannschaft nur zu diesem einzigen Spiel bekam.
Interessant war, dass in der Mannschaft auch Lehmos Freunde Boris Röhricht und Ralf Hertel sein würden. Beide hatten wie Thomas auch schon für uns gespielt. Boris hatte mit uns eine Halbzeit im Biegen-und-Brechen-Spiel auf der Südanlage gegen die A-Jugend vom VfL Leipzig erlebt. Damals im April Vierundneunzig. Und Ralf war wie Lehmo einer unserer Spieler der ersten Stunde. Im Kamerun-Spiel. In jenem Sturm, der neunzig Minuten lang in der Luft hing. Übrigens war auch Boris damals unter den Zuschauern.
Also ein Wiedersehen mit alten Bekannten.
Es wird der neunundzwanzigste Juni siebenundneunzig. Dreiviertel drei Treffen bei mir. In brütender Hitze. Bis auf Heiko Hennig und Scholle, dem vier Tage später, am dritten Juli eine Meniskus-OP bevorstand, hatten wir alles an Bord.
Peter und Timo würden ihr erstes Großfeldspiel für uns machen. Holm war nach seiner Mandel-Operation Ende Mai wieder dabei. Gemeinsam mit Steve im Sturm. Die beiden, obwohl grundverschieden, waren inzwischen ein gutes Team geworden. Vor allem ein erfolgreiches. Holms Kondition war in einer bevorstehenden Hitzeschlacht mehr als nur ein gutes Faustpfand und Steve hatte bisher noch in jedem seiner Spiele für uns getroffen.
Nach dem Ende der Ära Gohglmohsch waren über Kersten nun auch Albrecht Herold und Jan „Zarate“ Kratzer in unser Lager gewechselt. Beide hatten schon je einmal in unseren Reihen gestanden. Albrecht im letzten Jahr für einige Minuten bis zu seiner Verletzung im Spiel gegen die Leipziger Eintracht und Zarate im letzten August gegen die Reudnitzer Kickers, als uns gerade sein Wechsel auf die Liberoposition auf die Siegerstraße brachte.
Beide sind klasse Spieler. Vor allem schnell und torgefährlich. Mit ihnen neben Jörg, Peter und mir in einem Fünf-Mann-Mittelfeld erhoffte ich mir das sichere Übergewicht in der spielgestaltenden Zone. Uwe wollte sich aufgrund seiner konditionellen Defizite nur einwechseln lassen. Auch die Abwehr hörte sich gut an. Timo, diesmal als eine Art offensiver Libero. Und dann Andi und Kersten als die beiden Manndecker. Andi links, Kersten rechts.
Mit unserem geliebten Waldstadion sah es diesmal schlecht aus. Ich glaube, es lag am Rasen, den Helmut für die nächste Saison präparieren wollte. Aber er ließ mich nicht im Stich und vermittelte mir das benachbarte Stadion an der Mühlwiese, die jahrelange Heimstätte von Jörg und Henne beim SV Motor Nord.
Fünf Minuten vor dem Anstoß kommt endlich auch Hervé. Für das Terminempfinden eines Kameruners sicher noch rechtzeitig. Außerdem kann man ihm, dem sympathischen Mann mit dem breiten Lächeln und der brummeligen Stimme sowieso nichts übelnehmen. Es sei keine Straßenbahn gefahren. Ehrlich!
Komm, Hervé, zieh dich um!
Als das Spiel von Walter Schneider um sechzehn Uhr angepfiffen wird, ist kaum etwas vom Rückenwird der letzten Spiele und Turniere zu spüren.
Die brütende Hitze lähmt sofort jeden Spielfluss. Auch die hochgelobte Aufstellung mit der erhofften Offensivkraft aus allen Mannschaftsteilen hält nichts von dem, was sie versprach. Fehlpässe und Klein-Klein von Anfang an. Jörg ist wie so oft noch unser bester Mann und versucht das Spiel zu ordnen. Aber es ist viel zu wenig Bewegung drin. Damit auch keine Anspielstationen und keine Überraschungsmomente.
Der zerfahrene Beginn setzt sich fort und dann plätschert das Spiel vor sich hin wie ein Altherrentraining. Rätselhaft, wie sowas gehen kann. Immerhin standen noch acht Mann aus dem Gohglmohsch-Spiel auf dem Feld, die noch wissen sollten, wie man Druck entfacht.
Nicht einen einzigen Moment gab es, in dem das Spiel anruckt. Auch nicht mit den Toren: Jörg macht nach einer Viertelstunde das 1:0 mit einem Zwanzigmeterschuss aus der Mitte. Ich kurz danach das 2:0 mit einem Heber über die Abwehr, ungefähr aus der gleichen Distanz. Meiner war haltbar, aber wahrscheinlich für den Torhüter schlecht zu sehen.
Egal, mit den Toren kommt keine Sicherheit auf, keine Spielfreude, kein gar nichts. Das hat auch mit der Hitze nichts mehr zu tun. Die Zweitore-Führung Mitte der ersten Halbzeit lähmt uns weiter.
Und mit zwei Gegentoren kommt die Quittung auch prompt. Überfallartig werden wir mit zwei schnellen Kontern überlaufen und müssen mit einem 2:2-Unentschieden in die Pause. Dabei haben wir kurz vor der Halbzeit noch Glück, dass ein Foulstrafstoß gegen uns an Fischis rechten Pfosten klatscht. Wahrscheinlich hätte uns in dieser Phase nicht mal mehr ein Rückstand wach bekommen.
Unverändert kommen wir aus der Kabine. Weiter große Hitze und weiter Lethargie. Ballgeschiebe auf überschaubarem Niveau.
Mitten hinein in die Tristesse dann Jörgs Verletzung, an der er noch lange zu kauen hatte. Von zwei Gegnern in die Zange genommen, kommt er an der linken Außenbahn zu Fall. Wer Jörg kennt, weiß, dass er nie ohne Grund minutenlang liegenbleibt. Für ihn ist das Spiel zu Ende. Eine Kapsel-Band-Verletzung im rechten Sprunggelenk und vier Wochen Gips sind die Folge des unnötig harten Einstiegs im Mittelfeld.
Zum Glück bleiben weitere Nickeligkeiten aus. Am Niveau des Spiels ändert sich nichts. Es bleibt ein Langweiler, auch wenn jetzt noch Tore fallen.
Nach unserer erneuten Führung durch Steve mit seinem nun elften Tor im vierten Spiel droht das Spiel zu kippen. Wieder sind es nur wenige Minuten, in denen wir kurz nacheinander zwei Tore bekommen. Es steht jetzt 3:4 und wieder sind es die schnellen Tempogegenstöße. Wo sind Andi und Kersten? Was ist mit unserer Raumaufteilung? Was ist hier überhaupt die ganze Zeit los?
Auch mit dem Rückstand kommt kein echtes Aufbäumen. Eher zufällig trifft Albrecht zum 4:4-Ausgleich. So eine Torfolge müsste Spannung aufnehmen. Stattdessen schippert es weiter vor sich hin. Weitere Tore fallen. Zarate macht mit einem seiner unnachahmlichen Antritte die 5:4-Führung, die aber erneut im Strafraumgewühl ausgeglichen wird. Kaum zu glauben. 5:5 und immer noch ein Spiel ohne Emotionen.
Wenigstens wird jetzt mit dem drohenden Schlusspfiff nach den Bällen gelaufen. Im Mittelfeld spielt Boris für unseren Gegner ein gutes Spiel. Weil er kämpft und immer anspielbar ist. Für mich ist er nach Jörgs Ausscheiden mit Abstand der beste Mann auf dem Platz. Dass wir am Ende das Spiel doch noch gewinnen, liegt an Albrecht, der mit seiner unglaublichen Schnelligkeit vor dem 6:5 andeutet, wie wertvoll er auch in Zukunft für uns sein wird. Tritt Albrecht einmal an, kannst du ihn kaum mit fairen Mitteln halten.
Viel gibt es nicht mehr zu sagen. Wenigstens gewonnen. Obwohl sich keiner darüber freuen kann. Am Abend sitzen wir alle zusammen bei Helmut am Grill. Wann immer es ging, hatte dieser Mann uns bisher Gutes getan. Ich bin ihm so dankbar.
Jetzt standen schwere Aufgaben an. In zwei Monaten würden wir die Kameruner zur Revanche empfangen. Das verhieß eine Schlacht auf Biegen und Brechen. Und danach geht es im Oktober nach Nord-England. Gegen den FC St. Bees.
Am Grill waren auch Kornelia und mein Töchterlein Greta mit dabei. Greta war damals gerade ein Jahr alt und hatte im Juni zum ersten Mal frei gestanden. Ab Juli würde sie wahrscheinlich schon richtig laufen. Das hätten wir mal heute tun sollen.