17. Spiel: 04. Oktober 1997, Adams Ground in St. Bees, England
FC Waldstraßenviertel - FC St. Bees (II) 7:2 (5:0)
FCW mit: Jens Fischer - Peter Teichmann, Andreas Seidel, Steffen Scholz - Boris Röhricht, Oliver Wolfram - Jens Tünnemann, Timo Naumann, Kai Werner - Jan Kratzer, Albrecht Herold
Tore: Timo Naumann (2), Albrecht Herold (2), Oliver Wolfram, Jan Kratzer, Jens Fischer (Foulstrafstoß)
Spielbericht
Here we go!
Die meisten kennen ihn. Den englischen Schlachtruf aus zehntausenden Kehlen in Old Trafford, an der Stamford Bridge oder der Anfield Road. Here we go, here we go, here we go! Dieser Ruf, bei dem die Luft so derartig flirrt, dass es einem schon im Fernsehen beim Cup-Final die Gänsehaut auf den Rücken treibt.
Englischer Fußball verbindet sich bei mir mit den eng am Rasen stehenden Tribünen, wo die Zuschauer direkt dran sind. Und Spielern, die gepeitscht von den Zuschauern bis zum Umfallen rennen, mit hohen Flanken und kantigen Verteidigern, die zum Kopfballduell hochsteigen. Und mit packenden Zweikämpfen. Aber vor allem mit diesem elektrisierenden Gesang der Fans.
Diese Zeilen jetzt schreibe ich im Dezember Zweitausendfünf. Über acht Jahre danach. Das ist eine lange Zeit. Dennoch sind mir die Ereignisse von West Cumberland noch immer allgegenwärtig. Zu tief sind sie in meiner Erinnerung geblieben. Und auch in der der anderen. Vielleicht, weil viele Reisen oft erst in der Erinnerung stattfinden. Und oft auf andere Weise.
Alles begann damit, dass Tünne nach dem Medizinstudium den Engpässen für Ausbildungsstellen in Deutschland entkommen wollte. Manchmal konntest du machen, was du wolltest. Es gab keine Stellen. Ich kannte Studienfreunde mit vierzig Bewerbungen und drei Vorstellungsgesprächen. Und am Ende keine Stelle. Tünne ging für eine Chirurgie-Stelle weit weg. In den Nordwesten von England.
Genauer gesagt nach Whitehaven, einer kleinen Stadt an der Westküste. Ganz oben in der Provinz Cumbria. Man könnte auch sagen gleich unter Schottland. Seit Herbst Sechsundneunzig war er mit seiner Frau Kerstin dort und arbeitete in Whitehaven als Junior House Officer, so einer Art Assistenzarzt am dortigen West Cumberland Hospital.
Tünne und ich hatten die Verbindung zueinander gehalten. Als er sich eingelebt hatte, und das will dort oben etwas heißen, hatte er auf mein Drängen hin mit der dortigen Regionalmannschaft, dem FC St. Bees ein Freundschaftsspiel gegen uns vereinbart, so dass es seit Anfang August Siebenundneunzig feststand: Wir würden zum ersten Oktoberwochenende dieses Jahres nach England reisen!
Das schlug unter den Jungs ein wie eine Bombe.
Himmel, wir fahren nach England! Und spielen dort! Hört ihr, in England!! Aber bevor wir die englischen Schlachtrufe hören, ist noch Einiges zu organisieren. Und dann kommen noch eintausendsiebenhundert Kilometer Autofahrt. Durch Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich. Und dann noch durch ganz England!
Wir mieteten bei Europcar in Leipzig zwei VW Sharan. Einen schwarzen und einen bordeauxfarbenen mit je sechs Sitzen. Und jeder Menge Stauraum. Die Streckenplanung übernahm Fischi. Ich kümmerte mich im Reisebüro am Dresdner Fetscherplatz um die Tickets für die Fähre von Calais nach Dover. Und Andi ließ noch Wimpel als Gastgeschenke für den FC St. Bees machen. Die Dinge im Vorfeld waren also zügig erledigt.
Das Hauptproblem war die Besetzung der Mannschaft.
Für eine Reise mal eben zwischendurch nach England über fünf Tage braucht man vor allem drei Dinge: Urlaub, Geld und eine gültige Einverständniserklärung der Frau oder Freundin. Nichts von alledem war selbstverständlich und schnell wurde klar, dass bei vielen mindestens eines der drei Dinge schwer zu bekommen war.
Die meisten kamen schon beim Geld ins Rudern. Von Urlaub und Frau ganz abgesehen. Aber die voraussichtliche Einmaligkeit unserer Reise hatte ihre Anziehungskraft und dann kam eine Zusage nach der anderen.
Damals wussten wir nicht, dass wir Jahre später noch zwei weitere Male in Nordengland spielen würden.
Es gab drei Absagen, die mich hart trafen. Die von Jörg, die von Steve und die von Henne.
Jörg laborierte noch immer an der Sprunggelenkverletzung vom Spiel auf der Mühlwiese. Nach vier Wochen Gips und langer Rekonvaleszenz konnte er zwar wieder schmerzfrei laufen. Aber nicht spielen. Und schon gar nicht im harten Wettkampfmodus gegen kantige und rauhbeinige Engländer. Die Reise kam einfach zu früh für ihn.
Steve und Henne haben es lange Zeit offengelassen und jeweils erst kurz vor der Abreise abgesagt. Bei Steve gab es eine gerade diagnostizierte Epilepsie, aber letztlich weiß ich bei beiden bis heute nicht, woran es am Ende wirklich lag.
Anfang September stand das Gerüst der Mannschaft. Tünne war ja bereits vor Ort. Zu Fischi, Andi, Timo, Albrecht, Peter, Scholle und mir kamen noch Zarate und Boris hinzu. Zarate würden wir nachts auf der Hinfahrt durch Holland in Groningen aufsammeln. Boris, so die waghalsige Planung, kommt einen Tag nach uns aus dem Irland-Urlaub mit der Fähre von Dublin nach Liverpool. Das heißt, er muss dort abgeholt werden. Juhuh!
Der elfte und letzte in unserem Bunde war der damals einundzwanzigjährige Kai Werner.
Kai kam genau wie Steve über Andi vom SV Lindenau 1848. Alle drei spielten lange Zeit gemeinsam am Leipziger Charlottenhof, bevor die aktiven Wege sich trennten und Kai später bei Blau-Weiss Leipzig in der Bezirksklasse anfing.
Bevor Kai in unserem England-Team stand, haben wir uns ein paar Wochen vorher auf der Südanlage bei einem Trainingsspiel kennengelernt.
Kai macht selten viele Worte, aber du kannst dich darauf verlassen, dass er immer Leistung bringt. Und nicht lange fackelt.
Auf dem Platz ist sein Stil unverkennbar. Er spielt athletisch, robust und dynamisch, obwohl er unnütze Wege vermeidet. Kai hat immer Zug zum Tor. Spielst du gegen ihn, musst du alles reinhauen, um ihn zu bremsen. Oder du siehst nur noch die Rücklichter.
Kai ist eine ähnliche Torfabrik wie Timo. Ein knüppelharter Atzen mit einem kaum zu stoppenden Antritt und einem satten Vollspannschuss. Dazu konditionell voll austrainiert. Auf den ersten Blick ein echter Engländer!
Kai war wie ein großes Geschenk für uns und ich könnte viele Spiele aufzählen, in denen Kai es war, der irgendwann die Ärmel hochkrempelte und die Entscheidung für uns herbeiführte.
Es ist Mittwoch, der erste Oktober siebenundneunzig, als sich abends gegen sechs zwei VW Sharan aus der Leipziger Feuerbachstraße auf den Weg nach Nordengland machen. In dem bordeauxfarbenen, den Andi fährt, sitzen Peter, Scholle, Kai und Timo. Mit mir im schwarzen Sharan fahren Fischi und Albrecht.
Nach der A 9 geht es über Landstraßen nach Magdeburg und dann weiter Richtung Hamburg. Eine Schrecksekunde, von der nur ich allein etwas weiß, gibt es kurz vor Dessau. Nach kurzem Stopp an einer Raststätte übersehe ich im Dunkeln bei strömendem Regen kurz vor der Auffahrt zur Autobahn einen weißen VW-Bus, der gerade noch ausweichen kann.
Ich kann es kaum fassen, was da beinahe passiert wäre. Mir rast das Herz. Kaum auszudenken, was passiert, wenn der Fahrer nicht reagiert hätte.
Kurz vor Mitternacht sind wir in Groningen, wo Zarate im Nieselregen am Busbahnhof wartet. Von diesem schlimmen Aussetzer bei Dessau abgesehen läuft es gut für uns.
Ab Groningen fährt Fischi und es ist merkwürdig, aber an seine Fahrt kann ich mich noch sehr genau erinnern.
Fischi fährt durch Belgien und Frankreich. Und über Umleitungen. Da sind Straßen dabei, die mich an Waldwege erinnern. Es ist stockfinster. Er sei aber hier schon mal lang. Immer wieder sehen wir auf die Uhr. Wir müssen spätestens um fünf in Calais auf der Fähre sein. Durch meine skeptischen Fragen, ob das hier nicht in einer Katastrophe mündet, lässt er sich nicht beirren, findet mit traumwandlerischer Sicherheit alle wesentlichen Straßen und in Calais auch auf Anhieb den Richtigen der zahllosen Ferry docks. Check-in-time ist vier Uhr zehn und um fünf Uhr sitzen wir in der Fähre Richtung Dover.
Mit der Stena line geht es über den Ärmelkanal. Noch bevor der Morgen graut, bauen Peter und Scholle schon die erste Palette Guiness auseinander. Aus Solidarität trinke ich eine der schwarzen Büchsen mit. So gegen halb sechs am Morgen. Es ist schon ein verrücktes Gefühl im Halbdunkel auf das schwarz aufgewühlte Wasser des Kanals zu sehen und Guiness zu trinken. Ich muss an Harald Juhnke denken.
Als es hell wird und in der Morgensonne die Schiffsladeklappe aufgeht, sind wir in England.
Viel Zeit bleibt nicht, um sich auf den Linksverkehr und die zweispurigen round-abouts auf dem Weg nach London einzustellen. Wir fahren die M 40 westlich an London vorbei und auf dem London-Orbital über Birmingham weiter nach Norden.
Zwischen Birmingham und Manchester kommen wir auf der M 6 noch in einen mehrstündigen Stau und obwohl es auch danach oft nur langsam weitergeht, erreichen wir am frühen Abend Whitehaven.
Im West Cumberland Hospital erwartet uns Tünne, der jetzt im Halbdunkel in müde Gesichter sieht. Welcome. Ihr seid vollkommen verrückt, Jungs. So ein weiter Weg!
Wir beziehen Quartier im Schwesternwohnheim des Krankenhauses. Ich wohne im Erdgeschoss. Die Einzelzimmer sind klein und schmal. Vielleicht acht Quadratmeter. Und nur sehr spartanisch eingerichtet. Mehr oder weniger nur ein Bett und ein Tisch. Aber das ist nicht wichtig. Wir sind nicht zum Wohnen hierhergefahren.
Tünne führt uns über einen abendlichen Strandspaziergang an die verlassen wirkende Fischerküste von Whitehaven. Eine alte Mole, ein Leuchtturm und ansonsten nur Mövengeschrei und Wellen. Aber keine Menschen. Tünne meint, das Leben hier sei trist. Es besteht vor allem aus Arbeit, Bier und fish and chips. Kino oder Theater gibt es nicht in dieser Gegend.
Das erste Abendessen haben wir im Sunny Hill. Whitehaven scheint erst bei Dunkelheit zu erwachen. Die typischen englischen Kneipen, die pubs, sind der Mittelpunkt des Lebens. Es gibt Hühnchen mit Pommes frites. Das scheint nichts zu sein, wo man viel verkehrt machen kann, aber es schmeckt fade und ist auch lieblos zubereitet.
Dafür ist das Bier umso besser. Wenn ich mich richtig erinnere, hat Zarate an diesem Abend elf pints Lagerbier getrunken. Selbst Peter und Scholle als Insider haben Respekt. Das sind knapp sechseinhalb Liter. Für mich schon allein wegen der Menge an Flüssigkeit undenkbar.
Am nächsten Tag fahren Andi, Timo, Albrecht und ich nach Liverpool und holen Boris ab. Von Whitehaven sind das ungefähr zweihundert Kilometer.
Wir sind um drei an der Post verabredet, nicht weit vom Hafen. Aber Boris kommt erst kurz vor fünf, weil die Fähre von Dublin Verspätung hat. Die Wartezeit macht vor allem mich nervös, weil wir nicht wissen, ob er überhaupt noch kommt. Als er endlich da ist, bin ich sehr erleichtert, denn ohne ihn wären wir nur zu zehnt.
Auf der Rückfahrt nach Norden verpassen wir in der Dunkelheit die richtige Abfahrt und sind bei Carlisle fast an der schottischen Grenze. So lernen wir in Dalston den Black Lion kennen, bevor wir uns abends mit Fischi und Zarate in Whitehaven im Disdressed Sailor treffen.
Hier erfahre ich, dass Peter, Scholle und Kai auf Tünnes Empfehlung hin den ganzen Tag über auf einen Berg gewandert sind. Einer der Western Fells im Lake Distrikt. Aus ihrer Sicht muss es dramatisch gewesen sein. Steil sei es gewesen. Und so neblig. Sie hätten sich auch verlaufen. Peter, der die Geschichte als Ganztagestrip verkauft, wird mich im Lauf der Tage noch mehrmals beim Erzählen der Geschichte fragen, wo hier in Nordengland plötzlich Berge herkommen. Von Bergen sei nie die Rede gewesen. Vor allem nicht von so hohen.
Die Jungs sind insgesamt gut drauf und wir stimmen uns auf den Ablauf der nächsten beiden Tage ein. Morgen spielen wir nachmittags im küstennahen Adams Ground gegen die zweite Mannschaft des FC St. Bees, bevor uns am Sonntag, also nur einen Tag später an gleicher Stätte die erste Mannschaft empfängt. Über ihre Spielstärke können wir nur rätseln und hoffen, dass uns Tünne nicht gegen eine Übermacht ins Rennen schickt.
Am nächsten Morgen erwartet uns das typisch englische Küstenwetter. Es ist kühl, leicht neblig und es nieselt. Der erste Höhepunkt nähert sich langsam. Albrecht, Andi und ich spielen hinter dem Klinikgelände im Nieselregen ein paar Bälle. Albrecht und ich probieren bei dieser Gelegenheit gleich in Liverpool gekaufte neue Fußballschuhe aus.
Gegen zwölf Uhr geht es los nach St. Bees, das wir von Whitehaven in weniger als zwanzig Minuten erreichen. Das Stadion liegt traumhaft. Direkt am Meer und von diesem nur durch eine Art Wall getrennt. Scholles und Peters Minen verfinstern sich. Das Spielfeld ist sehr groß. Hier werden wir uns halbtot rennen. Aber dies dann wenigstens auf traumhaftem englischen Rasen. Ansonsten drei offene Seiten und es faucht einem jede Menge Wind um die Ohren. Das hier wird nichts für Schönwetterfußballer.
Nachmittags halb zwei beginnt unser Spiel gegen die Zweite des FC St. Bees. Wir bekommen es von Anbeginn mit einer Mannschaft zu tun, die aus grundsoliden und laufstarken, kantigen Leuten besteht. Viele sind korpulent und rothaarig. Im Schnitt eher kleiner als wir. Und jeder läuft für jeden. Eine richtige Mannschaft. Alles gute und faire Kämpfer, aber schnell zeigt sich, dass wir die technisch feinere Klinge schlagen und auch individuell besser aufgestellt sind.
Aber die verschieben gut und stellen schnell ein Bollwerk auf. Sechs, sieben Mann verteidigen um den Strafraum. Schnell haben sie gemerkt, dass gegen uns nicht viel geht und dass man Zarate und Albrecht nicht halten kann.
Schon im allerersten Angriff geht Zarate mit einem super Antritt den linken Flügel lang. Dort ist das Feld leicht abschüssig. Wie in einer Senke. Peter meinte später lachend, Zarate wäre plötzlich weg gewesen.
Im Spiel geht es sofort zur Sache. Wir spielen gegen eine typische Manndeckung. Sieht aus wie old school. Aber wir halten dagegen. Alle Zweikämpfe sind fair. Es gibt harte Bodychecks und es wird gegrätscht, aber alles geht zum Ball. Keine Fouls, kein Nichts. Trotz der robusten Gangart auch kaum Freistöße. Und vor allem kein Getue. Wenn einer von denen mal fällt, steht er sofort wieder auf.
Obwohl sie in der Offensive selbst keinen Druck hinter den Ball bekommen, laufen sie uns immer wieder an, um unseren Spielaufbau zu stören. Andi scheint das zu lieben. Er verliert keinen einzigen Ball. Kurze klare Pässe und viel Bewegung über links. Meist zieht er mit Ball die linke Außenbahn lang. Gut, Andi, aber bitte keine Schürzen!
Boris sichert Andi links nach hinten ab. Er spielt ruhig und abgeklärt. Auch Scholle lässt sich rechts auf keine großen Diskussionen ein. Nach vorn spielt er eher Langholz. Nach hinten verteidigt er am Mann und ist ohne Fehl und Tadel. Peter, der mit zunehmender Spielzeit immer mehr aufrückt, muss nach hinten kaum eingreifen. Er wird kaum gefordert. Das hier ist noch nicht sein Spiel. Sein Tag wird morgen kommen.
Hier, in St. Bees wird unser Spielsystem geboren. Das mit den beiden defensiven Sechsern. Boris und ich hinter einem offensiven Dreier-Mittelfeld mit Tünne, Timo und Kai. Jeder Sechser bildet dabei immer ein Paar mit dem Außenverteidiger beim wechselseitigen Einschalten in die Offensive. Links sind das Boris und Andi, rechts Scholle und ich. Peter spielt als freier Mann dahinter. Und es funktioniert gut. Um nicht zu sagen blendend. Scholle und ich klatschen uns mehrfach ab.
Überragend sind Timo und Kai. In der Mitte bindet Timo immer ein, zwei Mann. Er ist unglaublich beweglich und zweikampfstark. Und kommt mit seinen schnellen Antritten immer wieder in gute Abschlusspositionen. Kai marschiert immer wieder über rechts. Mit seinen typischen Bewegungen. Irgendwann kreuzt er in die Mitte und tunnelt dabei zwei, drei Mal seine Gegenspieler. Ich habe das bei ihm auch Jahre später immer wieder gesehen. Es ist immer das gleiche und ein Albtraum für jeden Gegenspieler. Du weißt, dass das gleich kommen wird und kannst es nicht verhindern. Kai macht ein bärenstarkes Spiel.
Von Westen kommt langsam Wind auf und wir lassen Ball und Engländer weiter laufen. Unsere Aktionen sind klar und wir sind inzwischen drückend überlegen.
Die logische Folge sind die Tore, die nun leicht und locker fallen. Wir brauchen keine Brechstange. Albrecht und Timo machen den Anfang. Timo mit einem Flachschuss und Albrecht mit einem Alleingang. Das 3:0 mache ich. Timo spielt mich rechts an der Strafraumgrenze frei. Schon der war super gespielt. Und ich dann im spitzen Winkel. Mit dem rechten Außenrist links am herauslaufenden Torhüter der Engländer vorbei. Boarrr!! Ich wundere mich selbst über mich und reisse die Faust hoch. Normalerweise geht der gar nicht!
Nochmal Timo und Zarate machen kurz vor der Halbzeit schon den Deckel drauf. Alles sieht jetzt flüssig und elegant aus. Die haben längst keinen Zugriff mehr aufs Spiel. Wir müssen auch nicht mehr in die Zweikämpfe. Kai schaltet schon einen Gang runter. Timo und Albrecht auch.
Es steht 5:0. Wir haben sie längst am Haken und berauschen uns in den letzten Minuten vor der Pause an uns selbst. Aber kaum einer denkt daran, dass das hier nur die zweite Garnitur ist.
Die zweite Halbzeit wird dann zum Schaulaufen. Andi mahnt, die Kräfte zu schonen. Vor allem, keiner soll sich verletzen. Denkt dran, morgen geht es gegen die Erste!
Und von denen sind inzwischen einige unter den Zuschauern. Auch ihr Trainer, Dale Jackson ist dabei. Ein großer schlanker Mann. Vielleicht so um die Vierzig. Kai und Timo müssten ihm aufgefallen sein. Gegen die wird er Ideen brauchen. Und auch, wie er Albrecht und Zarate aus dem Spiel nehmen will.
Wir schalten also in den Schongang. Nach zwei Gegentoren stellen Fischi mit einem Foulstrafstoß und nochmal Albrecht den alten Fünftore-Abstand wieder her. Am Ende spielen wir ein 7:2 heraus. Die Engländer sind faire Verlierer. Und Dale Jackson ist der erste Gratulant. Er will wissen, in welcher Liga wir spielen. Er fragt auch nach Kai und Timo. Und wo ist eigentlich euer Trainer?
In all dem völlig untergegangen ist Tünne.
Der sitzt schon eine Weile im Vereinshaus. Mit Schmerzen im Mittelfuß. So stark, dass er nicht mal mehr laufen kann. Akut wäre nichts gewesen. Jedenfalls nicht, dass er wüsste. Aber es tut sehr weh und es hört vor allem nicht auf. Mich durchzuckt es bei dem Gedanken, morgen zu zehnt gegen die erste Elf von St. Bees zu spielen, die, so wie sie aussehen keine Gnade haben werden. Die werden die Hölle loslassen.
Während die Jungs zurück ins Krankenhaus fahren, bringe ich Tünne nach Hause. Wenig später sitzt er im Halbdunkel auf seiner Couch und will sich nichts anmerken lassen. Nur auftreten könne er nicht.
Am Fuß selbst sieht man nicht viel. Er ist kaum geschwollen und auch nicht blau. Aber Tünne hat heftige Schmerzen. Vor allem im Mittelfuß. Und an ein Spiel morgen ist nicht zu denken. Nicht mal im Traum.
Wir überlegen beide hin und her. Für eine Bildgebung ist es jetzt zu spät. Tünne will, dass ich alles entscheide. Auch er ist Arzt, aber er kann nicht mehr klar denken. Bitte gib mir was gegen diese blöden Schmerzen! Das kann doch alles nichts Schlimmes sein.
Später haben wir mehrfach von diesem Abend und von der Verletzung gesprochen. Am ehesten war das ein Ermüdungsbruch im Mittelfuß. Tünne hätte Ruhe gebraucht. Ungefähr sechs bis acht Wochen. Und wir, die jungen Ärzte haben das mit bestem Wissen knallhart ignoriert.
Nachdem er von mir Tramal in hohen Dosen bekommt, ist Tünne fix und fertig. Über mehrere Stunden verteilt sind es bis Mitternacht vierhundert Milligramm! Jeder, der was davon versteht, weiß, dass das schon über dem Limit ist.
Tramal ist ein Opioid. Also ein starkes Schmerzmittel mit zahlreichen Nebenwirkungen. Jeder Arzt kennt es. Tünne natürlich auch. Vor allem macht es dich müde und schwindelig. Tünne kann sich kaum noch wachhalten. Bitte, lass mich schlafen. Wir entscheiden alles morgen.
Er schläft auf der Couch ein. Irgendwann kam dann auch Kerstin, seine Frau, die alle und auch Tünne nur Quietschi nennen.
Als ich zurück bin, im Krankenhaus und mich ins Bett lege, flirren die Bilder des Tages. Wir hatten das erste Spiel in England gemacht und die Zweite von St. Bees regelrecht an die Wand gespielt. Das fühlte sich ziemlich gut an. Morgen aber würde ein anderes Ungeheuer auf uns zukommen. Hacke-Spitze und die feine Klinge werden da nichts nützen. Da wird ein elfköpfiger Drachen kommen.
Die Typen, die ich gesehen hatte, waren Kampfstiere. Mit breiten Schultern und Gesichtern wie echte Straßenfighter. Wir machen das zweite Spiel in zwei Tagen. Und die werden keinen Meter preisgeben. Ich sollte jetzt Kraft tanken und schlafen. Aber ich bin nicht müde und wälze mich in diesem schmalen Bett noch stundenlang herum. Und das Schlimmste ist, dass ich keine Ahnung habe, wie Tünne morgen für uns spielen soll.