18. Spiel: 05. Oktober 1997, Adams Ground in St. Bees, England
FC Waldstraßenviertel - FC St. Bees (I) 4:5 (2:2)
FCW mit: Jens Fischer - Peter Teichmann, Andreas Seidel, Steffen Scholz - Boris Röhricht, Oliver Wolfram - Jens Tünnemann, Timo Naumann, Kai Werner - Jan Kratzer, Albrecht Herold
Tore: Albrecht Herold (3), Oliver Wolfram
Spielbericht
Die Schlacht um West Cumberland
Manchmal frage ich mich, was werden die Bilder sein, an die wir uns später erinnern? Wie werden wir auf all das zurückschauen, wenn die Zeit vergeht und wir immer älter werden. Wenn du auf einmal spürst, dass das, was geschieht unwiederbringlich ist. Dass wir die Zeit nicht mehr zurückdrehen können. Nicht einen Monat. Nicht einen Tag.
Kann sein, dass es mich aufwühlt, wenn ich an England denke. An diesen Tag. Den fünften Oktober Siebenundneunzig. Und wie er begann. Der leichte Nieselregen und der kühle Westwind vom Meer. Und ich sehe uns noch immer. Wie wir da hochfahren und gegen eine Übermacht spielen.
Ich habe Angst, dass alles eines Tages vergessen sein wird. Niemand fragt mehr danach, was da oben in Nordengland wirklich geschah. Aus Bildern kannst du es nicht erkennen. Vom Spiel selbst gibt es ja ohnehin keine. Alles bleibt in unseren Gedanken, bis sie immer mehr verblassen und vergilben. Und irgendwann weiß niemand mehr davon. Wenn wir es nicht weitererzählen.
Als ich am Morgen aufwache, brennen mir die Augen. Die Nacht in diesem winzigen Raum war viel zu kurz. Tünne geht mir durch den Kopf. Und wie wohl seine Nacht war. Und wie man mit vierhundert Milligramm Tramal überhaupt aufwachen soll. Auch war das Spiel von gestern noch in meinen Knochen. Rücken und Knie taten mir weh. Das wird auch den anderen so gehen. Von Tünne ganz zu schweigen.
Morgens acht Uhr in der Kantine des West Cumberland Hospitals. Kai, Peter, Scholle und ich sind die ersten. Zarate und Albrecht kommen kurz nach uns. Auch Zarate sieht müde aus. Zum Glück gibt es Kaffee. Auch wenn der übel schmeckt.
Die Kantine ist in einem gelben Neonlicht. Einem, in dem man sich nicht gut fühlt. Alles ist wie ein Backup der siebziger Jahre. Einfache Tische und Stühle. Vieles wirkt altmodisch und lieblos. Beim Geschirr denke ich unwillkürlich an Mitropa und die Vorwendezeit.
Ich stehe am alten rostigen Toaster, als die Tür aufgeht. Aus dem Augenwinkel sehe ich von links Tünne kommen. Er sieht blass aus. Noch schlimmer als gestern. Und er läuft langsam zu uns rüber. Ohne großen Pathos gibt er bekannt, dass er spielen wird.
Timo meint, das ist jetzt nicht dein Ernst. Und auch Peter macht von der Seite einen Witz.
Mir fehlen die Worte. Auch Andi ist da. Immerhin ist er der Käpt’n. Aber Tünne ist nicht der Mann der großen Geschichten. Ihr seid doch nicht so weit hier hochgefahren und ich bleibe im Bett. Das könnt ihr vergessen. Und jetzt bitte nicht mehr darüber reden!
Mir geht alles Mögliche durch den Kopf. Was sollen wir mit Tünne machen? Sein Platz ist die linke Außenbahn. Timo und Albrecht sind sich einig, dass das nichts werden wird. Zarate will seine Position übernehmen. Leute, das ist englischer Fußball. Das sind Flankenläufe mit hohem Tempo. Und Zweikämpfe, dass die Knochen krachen. Auch Fischi winkt ab. Da wird irgendein Kampfbulle auf ihn zukommen. Einer, der ihn permanent die Linie hoch und runterziehen wird. Und überhaupt, Tünne, was ist nun eigentlich mit deinen Fuß?
Andi ist es schließlich, der die Diskussion beendet. Lasst Tünne selbst entscheiden. Er muss es am besten wissen. Und Tünne will auf die linke Bahn. Boris nickt. Wenn er das so sagt.
Peter und ich verdrehen die Augen.
Eine Stunde später fahren wir von Whitehaven rüber zum Addams Ground, dem Stadion des FC St. Bees. Auf dem Parkplatz treffen wir auf die Engländer.
Ich sehe den Moment noch deutlich vor mir. Einige waren gestern schon da. Jetzt begrüßen uns auch die anderen. Mit finsteren Blicken. Meine schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich. Das sind Stiere. Absolute Straßenfighter. Bullig und ausgeruht. Und ein paar sind deutlich größer als die Jungs von gestern.
Auch Peter wird es mulmig. Da ist ja ein riesen Kerl dabei. Peter ist der Libero. Mit Sicherheit denkt er an die Flanken, die da reinsegeln werden.
Mir geht wieder durch den Kopf, dass wir jetzt das zweite Spiel in zwei Tagen machen. Und jetzt gegen die Erste von denen. Unsere Tanks sind allenfalls halbvoll. Aber gegen die werden wir alles rausholen müssen.
Dann geht es rüber in diese so kleine Kabine. Aus verwitterten grauen Holzlatten. Ist die aus den sechziger Jahren? Sieht aus wie ein Stall. Hier drin hörst du sogar den Wind. Scholle sagt, sowas hätte er in der Kreisklasse auch schon mal gesehen. Bei Mikrosa oder beim SV Tapfer. Hier ist nicht mal Platz, um die Taschen auszupacken.
Keiner ahnt, was hier gleich losgehen wird. Ich sehe vor mir die Horrorszenarien. Mit vollem Tempo, Bodychecks, Pressschlägen und gnadenlosen Grätschen. Ich weiß auch, dass ich mich von sowas gerne anstecken lasse. Das ist meine Art, ins Spiel zu kommen.
Ruhig bleiben.
Wir gehen raus ohne eine Ansprache. Andi will das draußen machen. Seine Ansagen sind nicht die eines Heerführers. Eher kurz und knapp. Und manchmal eine Spur zu freundlich. Denkt dran, geht den Zweikämpfen nicht aus dem Weg. Und immer mit zurück. Die dürfen keinen Raum haben. Wenn die ins Tempo kommen, dann gute Nacht. Lasst die nicht zum Flanken kommen. Verhindert die Flanken, hört ihr! Wir brauchen Ballbesitz, das könnte ihnen den Spaß verderben.
Bei den Worten Tempo und Zweikämpfe sehe ich Tünne vor mir, der seit der Kantine kein Wort mehr gesprochen hat. Er ist immer noch blass. Kai sagt, dass er ein Auge auf ihn haben wird. Hoffentlich kann Tünne auch seine eigenen offenhalten.
Bis jetzt ging es nur um die Engländer. Aber was ist mit uns? Wo sind unsere Stärken? Wir können alle Fußball spielen. Das haben die gestern sicher auch gesehen. Okay, die kommen über den Kampf. Aber wir sind vielleicht besser am Ball.
Andi hat recht. Wir brauchen Ballbesitz. Und gegen uns ist es auch nicht lustig. Mit Timo, Kai, Zarate und Albrecht werden die jede Menge Spaß haben. Timo kriegt ihr nicht in die Zweikämpfe. Der ist vor euch am Ball. Und von den drei anderen seht ihr nur die Rücklichter.
Boris, Scholle, Andi und ich klatschen uns nochmal ab. Wir vier sollen da hinten mit Peter den Laden zusammenhalten. Gegen einen elfköpfigen Drachen.
Verhindert die Flanken! Andis Warnung war das Letzte, woran ich dachte, als es dann losging. Und Andi hat es wohl kommen sehen.
Elf Uhr Anstoß. Nieselregen und leichter Wind. Ich liebe es! Genau dieses Wetter. Und vom Start weg geht die Hölle los. Die kommen sofort über die Außen. Fast wechselseitig. Und immer mit Vollspeed. Andi und Scholle geraten sofort unter Druck.
Tünne ist überraschend präsent. Und stark. Kein Tramal mehr. Kein nichts. Der ist voll wach und kniet sich rein. Und noch ahnt keiner, dass es sein letztes Spiel für uns wird.
Fischi dirigiert. Peter ist wie ein Terrier. Er steht von Anfang an tief und stellt mit kurzen Antritten die offensiven Passwege zu.
Timo und Kai machen das im Mittelfeld. Timo ist bissig. Kai wie eine Maschine. Da ist kein Durchkommen. Auch Boris steht wie eine Wand. Den kannst du maximal überrennen. Aber nicht ausspielen. Scholle macht sein Ding wie immer emotionslos und ohne Kompromisse. Nur nach vorne geht von hinten raus noch nichts.
Wir werden hinten reingepresst und kriegen keinen Druck auf den Ball. Vorn haben Albrecht und Zarate null Raum. Die müssen wir von der Leine lassen.
Dann kommen die ersten Fouls. Es wird gerempelt und gehalten, aber kaum etwas gepfiffen. Jungs, das läuft hier anders als bei uns. Los, Leute, steht auf und fightet!
Ich spiele gegen die Zehn. Den Käpt’n der Engländer. Mittelgroß, vielleicht acht- oder neunundzwanzig. Und ein super Techniker. Er führt die Bälle eng und verteilt sie klug. Er ist die Schaltzentrale. Und sieht fast sympathisch aus. Ist er aber nicht. Wir spielen beide mit Haken und Ösen. Und treten uns permanent auf die Füße. Er versucht es mit allen Mitteln. Aber er weiß noch nicht, dass er gegen ein Kampfschwein spielt. Im Frust kriege ich den ersten Ellenbogen ab.
Das Spiel wird von Minute zu Minute besser. Die rennen voll an. Und wir halten dagegen. Zarate lässt sich zurückfallen, hilft Tünne auf links und verstärkt so das Mittelfeld. Damit ist die Mitte dicht. Das ist nicht das Spiel der Engländer. Die können keine kurzen Pässe. Jetzt müssen sie Langholz spielen.
Genau das bringt nach zwanzig Minuten die Power ins Spiel. Den Schlagabtausch. Und leider auch das erste Tor. Nach einer Flanke von rechts verlängert sie der Größte von denen, ein schwarzhaariger Zwei-Meter-Schrank ins Tor. Peter grätscht von hinten und ist noch dran. Aber der abgefälschte Ball lässt Fischi keine Chance.
Wir liegen 0:1 hinten. Die wollen sofort nachsetzen. Jetzt bloß keinen Doppelschlag. Ruhe reinbringen, ruft Andi. Sichere Pässe! Und verhindert die Flanken! Aber die verschieben weiter und drücken mit aller Macht. Los, Männer, haltet dagegen!
Und keine fünf Minuten später kommt der Ausgleich.
Andi, der bisher wie Scholle und Boris hinten reingepresst war läuft elegant die linke Bahn lang und spielt den tödlichen Pass. Ein wahnsinns Feeling. Genau in die Gasse. Und Albrecht tanzt von rechts den Keeper aus. Yeah!! Und was für ein Score!
Wir jubeln wie die Irren. Das Ding war ganz wichtig!! Die müssen merken, dass wir wieder da sind. Aber nur ein paar Sekunden danach gibt’s die nächste Flanke. Und wieder von rechts. Und wieder ist der Schrank da. Mit einem Hammerkopfball. Wuchtig und unhaltbar. Wieder fliegt Peter mit ausgefahrenem Ellenbogen heran, kann aber die erneute Führung nicht verhindern.
Jetzt ist es die Schlacht um West Cumberland. Und ich habe eines meiner vielleicht schönsten Tore gemacht. Von halblinks, noch vor der Mittellinie. Vielleicht fünfzig Meter. Ich habe einfach abgezogen. Der Ball geht über den zu weit vor dem Tor stehenden Keeper ins rechte Dreiangel. So ähnlich wie dieses Tor im Oktober dreiundneunzig gegen die Afrikaauswahl. Mein Gott, ein irres Tor! Vielleicht stimmt es doch, dass man an großen Orten auch die ganz großen Tore schießt.
Es steht 2:2 und wir sind wieder im Rennen.
Aber es brandet eine Woge nach der anderen auf uns zu und mit jedem Angriff scheint der Druck größer zu werden. Der typisch englische Fußball. Gnadenlose Flankenläufe. Über beide Seiten. Pausenlos die hohen Bälle in den Strafraum. Scholle steht rechts sicher. Auch Tünne hält dem Druck stand. Ich sehe Peter vor mir, wie er immer wieder hochsteigt und ein ums andere Mal gegen den bulligen Stürmer im Luftkampf ist. Er läuft und grätscht und kämpft. Und macht vielleicht das Spiel seines Lebens.
Und dann kommt sie. Ein paar Minuten vor der Pause. Die vielleicht kurioseste Szene, die ich jemals in all den Jahren Fußball erlebt habe. Und ganz ehrlich. Verstanden habe ich sie bis heute nicht.
Der englische Zehner, der Käpt’n und ich geraten aneinander. In der Mitte, vielleicht fünf, sechs Meter vorm englischen Strafraum. Er hält mich von hinten und wieder kommt der Ellenbogen. Und ich kriege den Freistoß.
Während sie die Mauer stellen, kommt der Zehner zu mir zurück. Völlig unvermittelt nimmt er meine Hände und tanzt mit mir. Kein Witz. Er tanzt mit mir. Sah wohl aus wie eine Polka. Ich habe es nicht sofort mitgeschnitten, was hier passiert. Und dann war es zu spät, um aus der Nummer rauszukommen. Die Engländer lachen und meine Zündschnur war leider kurz. Mit einem Hüftwurf fliegt er über meine rechte Schulter und landet auf dem Rasen. Sofort kommt Gerangel. Kai ist da. Tünne auch. Und auch der englische Schrank.
Es wird kurz hässlich. Und giftig. Die typischen Szenen. Tünne, der perfekt englisch spricht, versucht zu vermitteln. Ist doch nichts passiert. Das haben die Beiden nicht ernst gemeint.
Doch, Tünne, wenn du wüsstest. In mir kocht es sowieso schon.
Der Schiedsrichter bleibt ruhig und gibt uns beiden Gelb. Ich weiß, dass ich auch hätte Rot bekommen können. Fischi sagt müssen. Auch Timo runzelt die Stirn. Der hätte das wahrscheinlich anders gelöst. Und der Zehner lacht immer noch. Scholle raunt mir zu: Für zweimal Ellenbogen muss er auch Rot kriegen. Albrecht sieht das genauso.
Von jetzt an fliegen die Fetzen. Die letzten fünf Minuten vor der Pause sind ein einziges Halten und Treten. Boris und Tünne werden übel gefoult, Boris dabei regelrecht umgerissen. Peter fordert lautstark Gelb. Auf deutsch wohlgemerkt. Und auch unser Freund, der Käpt’n ist beide Male dabei.
Mit 2:2 geht es in die Pause. Wir bleiben draußen auf dem Feld. Die Kabine war ohnehin das Letzte. Da willst du deinen Esel nicht reinsperren.
Uns hängen die Zungen sonstwo. Die erste Halbzeit hat uns alles abverlangt. Permanent hohes Tempo. Vor allem gegen uns. Los, Jungs, wir hauen jetzt alles rein. Die kriegen das hier nicht geschenkt. Jetzt ist Schluss mit lustig!
Während ich das sage, stehen wir vor dem hinteren Tor. Zarate zeigt auf Tünne. Oh Mann. Der liegt auf dem nasskalten Boden. Mit dem Kopf an den Pfosten gelehnt und schläft. Ich muss zweimal hinschauen. Das muss noch immer das Tramal sein. Albrecht macht ihn munter. Mensch, Tünne, du kannst doch jetzt hier nicht schlafen!
Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Spieler gesehen zu haben, der in der Halbzeit eingeschlafen ist. Und dann noch in so einem Spiel! Vor allem sagte es mir, dass er kurz vorm Knockout steht und wir nicht wechseln können. Kein Jörg ist da. Auch kein Henne und kein Steve. Auch Holm hätte ich hier gerne mal gegen die Engländer erlebt.
Nein, Tünne muss durchspielen. So lange er noch kann.
Und er kann. Wieder ohne Worte. Es muss gehen. Wir haben sowieso keine Wahl.
Die zweite Halbzeit wird wild. Und zählt zum Besten, was wir je gespielt haben. Ein einziges Biegen und Brechen. Zwei prallen aufeinander, die um jeden Preis gewinnen wollen.
Aber diesmal sind wir von Anbeginn da. Boris geht gegen den bulligen Stürmer in die Manndeckung. Der wird von Andi gleich mal zur Begrüßung getunnelt. Boris spielt deckungstreu und lässt ihm wenig Raum. Ihm werden nur noch die hohen Flanken bleiben.
Aber die kommen. Tünne lässt auf unserer linken Seite wieder eine zu und wir haben Glück, dass Fischi den Ball noch aus dem Winkel kratzt. Wieder nach einem Kopfball. Oh Mann, Fischi, danke dir!
Und dann vielleicht die sechzigste Minute. Kai, der jetzt aufdreht, schickt mit einem Traumpass Albrecht auf die Reise, der von rechts alleine auf den Keeper zuläuft. Der kommt viel zu früh raus und Albrecht überspielt ihn ins leere Tor. Was war das denn!!
Wir führen in England! 3:2. Und wir haben sie dort, wo wir sie haben wollen. Die müssen jetzt aufmachen. Die werden kommen.
Jetzt ist die Zeit von Timo und Kai. Die beide die Hölle loslassen. Kai durchbricht mit einem Sturmlauf die rechte Seite und kann erst im letzten Moment abgedrängt werden. Für mich war das wieder ein Foul. Timo hat mehrere Antritte und schießt zwei Mal aus aussichtsreicher Position. Einmal nach traumhaftem Doppelpass mit Kai. Obwohl er mit beiden Händen gehalten wird.
Die Engländer werden jetzt laut. Permanente Kommandos vom Käpt’n. Jetzt gibt es Bodychecks und Grätschen. Tünne wird hart gerempelt und fliegt über die Seitenlinie. Bei einem Sechzehn-Meter-Knaller hat Scholle noch das Knie dazwischen und Fischi wieder die Hand dran. Fischi ist Weltklasse und hat Glück, dass der Nachschuss gegen den rechten Außenpfosten geht. Oh Mann, war das knapp!
Noch zwanzig Minuten.
Und die haben es in sich. Als die Engländer gefühlt das erste Mal über die Mitte kommen, stimmt unsere Zuordnung nicht. Die zwischen Boris und mir. Der Bulle hat freie Bahn und überwindet Fischi mit einem Flachschuss. Jetzt fallen die Engländer übereinander her. Und sie pushen sich.
3:3. Was ist DAS für ein Spiel! Mit so hohem Tempo und so viel Klasse!
Peter fährt zur Höchstform auf und zerrt an den Ketten. Wer ihn kennt, weiß: Der will hinten raus. Der kann Spiele entscheiden.
Nach einer Flanke von mir nimmt Timo den Ball traumhaft mit und kann aus spitzem Winkel abziehen. Vielleicht fünfzehn Meter. Keine Ahnung, ob es der Keeper oder die Latte war. Mann, Timo, wenn der reingegangen wäre!
Mit dem nächsten Konter ist es Kai, der wieder durchgeht. Unnachahmlich mit einem Tunnel beim Nach-innen-ziehen. Sein typischer Move. Ich frage mich immer wieder, wie der das macht. Als er in die Zange genommen wird und an der Strafraumgrenze zu Boden geht, gibt es nicht mal Freistoß.
Denkt dran, Jungs, wir sind hier auf der Insel! Bei sowas wird hier nicht gepfiffen. Kai, der sich nie beschwert, schaut fragend zum Referee und hat beide Hände oben.
Kai spielt überragend. Er macht Druck, vor allem mit Timo. Und stopft die vielen Löcher. Sozusagen die Drecksarbeit.
Den Showdown läutet Andi ein. Mit seinem zweiten Tunnel gegen den Bullen. Peter lacht von hinten. Das wirkt auf die Engländer wie eine Zündung. Und von jetzt an laufen sie Sturm.
Als Boris das einzige Mal überlaufen wird und Andi in letzter Sekunde das Tackling setzt, tunnelt nun auch Peter den großen bulligen Engländer. Auweia, das war jetzt das dritte Mal.
Wir stehen jetzt tief, weil nach diesem irren Spiel die Kräfte nicht mehr reichen. Ich spüre, dass das hier nicht unentschieden endet. Irgendeiner setzt den lucky punch. Entweder die oder wir.
Als sich Timo und Zarate durchtanken, kommt Zarate am Elfmeterpunkt nur einen halben Schritt zu spät. Neiiin!!
Oh Mann. Wenn Zarate den erwischt, dann haben wir sie.
Postwendend werden wir wieder hinten reingedrückt. Im klassischen Powerplay. Für Minuten laufen wir nur schnellen Bällen hinterher. Immer wieder versuchen sie zu flanken. Meist über unsere linke Seite, wo Zarate immer wieder Tünne hilft.
Und dann schlägt es ein. Eine zu kurze Abwehr im Fünfmeterraum nimmt einer der Engländer direkt und hämmert ihn von der Strafraumgrenze flach ins Tor.
Mann, nie in die Mitte abwehren! Aber Scholle kann nichts dafür. Sein Kopfball war schon in höchster Not. Jetzt steht es 3:4 gegen uns.
Im Gefühl des Sieges schalten die Engländer nochmal hoch. Sie suchen den Knockout. Und sie übersehen Albrecht, der nach Scholles klasse Befreiungsschlag noch vor der Mittellinie startet und von niemandem zu halten ist. Der Ausgleich ist eine Kopie seines zweiten Tores. Wieder kommt er von rechts. Und wieder läuft der Keeper viel zu früh auf ihn zu. Ohne jede Not. Albrecht macht es aus gut zwanzig Metern genauso wie vorhin. Mit dem Innenrist geht der Ball ins leere Tor. 4:4!! Und wir jubeln wie wahnsinnig.
Von einem Befreiungsschlag will Scholle nichts wissen. Das ist ein Pass gewesen!
Vielleicht noch zehn Minuten. Es wogt hin und her. Fischi hält noch einen von Tünne abgefälschten Ball. Kai, der längst mit hinten drinsteht, geht in höchster Not in einen Doppelpass zwischen einem kampfstarken Verteidiger und dem Käpt’n. Und Boris blockt einen Direktschuss von der Strafraumgrenze.
Jetzt ist die crunch time. Und wir kriegen noch eine letzte Warnung. Als der Bulle nach einer scharfen Flanke von links zum Kopfball ansetzt, steigt Peter mit hoch in die zweite Etage. Den Zweikampf werde ich nie vergessen. Wieder mit ausgefahrenem Ellenbogen. Peter ist einen ganzen Kopf kleiner, aber er köpft ihn in letzter Sekunde vor dem Engländer weg.
Und dann kommt es, wie es kommen muss. Kai schickt mich los mit einem Traumpass, den ich zu Timo in die Mitte verlängere. Der kann aus zwanzig Metern abziehen, kriegt aber keinen Druck mehr auf den Ball.
Im direkten Gegenzug überlaufen sie uns rechts. Die Flanke kommt scharf und Fischi riskiert wie Peter und Scholle Kopf und Kragen. Alle drei steigen hoch, aber der Bulle köpft ihn rein. Mit voller Wucht. Ein Raketenkopfball unter die Latte. Oh, nein!! 4:5. Ich fasse es nicht. So kurz vor dem Ende!
Los, Leute, steht auf. Jetzt alles oder nichts!
It ain’t over ‘til it’s over.
Der Schiedsrichter zeigt noch drei Minuten an.
Jetzt sind wir es, die anrennen. Gegen ein Pressing-Bollwerk.
Timo macht es mit dem letzten Speed. Kai mit Kraft. Und ich mit Wut. Wir versuchen alles. Aber wir schaffen es nicht. Scholle startet noch ein letztes Mal auf rechts durch, aber mitten in seinen Lauf kommt der Schlusspfiff und wir sind geschlagen. In einem riesen Spiel. In einer regelrechten Schlacht.
Wenig später sind wir im Vereinshaus von St. Bees. Die Engländer und wir. Alle zusammen. Und doch getrennt. Das fühlte sich nicht gut an. Immerhin gibt es Bier. Als ich zu ihnen rüber bin, ist da auch Dale Jackson, ihr Trainer. Es gibt ein Shakehands und wir umarmen uns. Er ist des Lobes voll über uns. Du hast eine starke Truppe. So gute Fußballer! Und ihr habt tapfer gekämpft. Eine Viertelstunde bin ich bei ihnen. Alle reden von Timo und Kai. Ob die nicht gleich hierbleiben können. Und dass es immer die Deutschen sind, die nie aufgeben.
Keiner spricht von Peter. Den haben die jetzt nicht auf dem Schirm. Obwohl er es war, der sie zur Verzweiflung getrieben hat. Mit seinem Spiel, an das ich auch in vielen Jahren noch denken werde. Wie er gegen einen Riesen in die Zweikämpfe ging. Und wie er gefightet hat bis zum Ende. Mit allem, was er hat. Selbst mit den Ellenbogen.
Abends fährt Tünne mit uns zum Essen ins nahegelegene Sellafield. Direkt am Kernkraftwerk. Zu einem der typischen Pubs. Es gibt Lager und Guiness. Und klar, wir reden uns die ganze Zeit heiß über dieses Spiel. Und dass wir so nahe dran waren.
Die Fahrt zurück nach Hause wird lang. Fast vierundzwanzig Stunden. Im schwarzen Sharan fahren Albrecht und ich im Wechsel und reden die halbe Nacht durch. Andi wird mit den anderen kurz vor London auf der M40 von der Polizei angehalten. Nur eine freundliche Verwarnung. Die Jungs waren wohl auf der zweiten Spur zu langsam.
In London machen wir nach Mitternacht noch für gut zwei Stunden Halt in Chinatown, bevor es über Dover, Calais und Groningen weiter nach Leipzig geht.
Ich denke auch heute immer mal daran. An jene Tage und an diese Reise. Ich glaube, sie war ein großes Geschenk. Für uns alle. Für jeden, der dabei war. Manchmal muss ich auch darüber lachen, wie verrückt wir waren. Alle zusammen. Und doch bin ich so dankbar, dass wir das gemacht haben. Dahin zu fahren. Bis ans Ende der Welt! Und dass wir uns gezeigt haben. Das erste Mal in einem anderen Land. In zwei großen Spielen.
Hey, Jungs, wir waren in England! Und ihr wart fantastisch. Ihr habt gekämpft und wir haben alles reingehauen. Jetzt kennen die uns auch da oben. Danke, dass ich das mit euch erleben durfte! Das bleibt für immer. Das werde ich niemals vergessen!