22. Kleinfeld-Turnier
(Fußball-Volkssport-Turnier: 50 Jahre SV Lok Engelsdorf)
25. Mai 2003, Sportplatz Lok Engelsdorf, Hans-Weigel-Str. 29
(6 Feldspieler plus Torwart, 1 x 12 min, 10 Mannschaften)
Vorrunde (Gruppe B):
FC Waldstraßenviertel - AS Lok Engelsdorf 0:0
FC Waldstraßenviertel - VoSpo Markkleeberg 1:0
Tor: Andreas Seidel
FC Waldstraßenviertel - FC Klingerstraße 2:0
Tore: Timo Naumann (2)
FC Waldstraßenviertel - Marathon Kicker 4:0
Tore: Andreas Seidel, Timo Naumann, Steffen Naumann, Oliver Wolfram
Als Gruppenerster ins Halbfinale:
FC Waldstraßenviertel - Alte Junioren 3:1
Tore: Timo Naumann (3; Tor zum 2:1 durch Foulstrafstoß)
Finale:
FC Waldstraßenviertel - Crazy Kickers 0:1
FCW mit: Jens Fischer - Timo Naumann, Boris Röhricht, Andreas Seidel, Steffen Naumann, Uwe Klinkicht, Kai Werner, Oliver Wolfram
Spielbericht
Die unendliche Geschichte vom verlorenen Finale
Eine Woche vorher kam erst der Anruf von Lothar Hahn. Einladung zum Jubiläumsturnier. Fünfzig Jahre AS Lok Engelsdorf. Ihr seid doch dabei, oder?
Ich kenne Lothar Hahn seit Jahren als eine klugen und umsichtigen Organisator. Planungen dieser Art laufen doch Monate vorher. Na klar, Lothar, wir kommen. Aber was ist los? Wieso meldest du dich so spät?
Fünfundzwanzigster Mai Zweitausendunddrei. Es ist ein Sonntagvormittag im Frühling. Mit schon mal hochsommerlichen Temperaturen. Volksfeststimmung in Engelsdorf in der Hans-Weigel-Straße. Das volle Programm. Viele Menschen, Festzelte, Hüpfburg, Bier und Blasmusik.
Das ist durchaus etwas für Fußballer. Die kriegen hier eine große Bühne. Aber auch die Kinder stellen die Ohren in den Wind. Das Kinderprogramm hat Anziehungskraft. Auf jeden Fall auf Emilia und Victor. Und zwischendurch könnte es Eis und Limonade geben.
Greta indes schaut sich die Spiele an. Ich glaube, sie hat Sportsgeist und sicher ein paar Gene von mir. Auch ihre Halbschwester Antonia ist dabei. Fischi bringt seinen Sohn Elias mit. Wir haben also eine kleine, aber beachtliche Schar Anhänger. Krach machen können die auf jeden Fall.
Wir kamen erst zu siebent. Albrecht konnte nicht und auch Jörg hatte noch kurzfristig abgesagt. Er hatte Kopfschmerzen und irgendwie auch einen entzündeten Rachen. Er wäre ohnehin nur bis Mittag geblieben.
Wenn wie im Februar Albrecht und Jörg nicht dabei sind, ist das ein ziemlicher Verlust für uns. So eine Art downgrade.
Zum Glück sagte Uwe noch in letzter Sekunde zu, als Fischi ihn eine halbe Stunde vor Turnierbeginn aus Engelsdorf angerufen hat. Als Uwe kam, war freilich unser erstes Spiel schon gelaufen.
Der Modus war einfach. Zehn Mannschaften in zwei Fünfergruppen. Wir in Gruppe zwei mit alten Bekannten: den Gastgebern, dazu die Marathon Kicker, der FC Klingerstraße und einer sehr dynamisch aussehenden jungen Mannschaft in gelb-schwarz: VoSpo Markkleeberg. Der Name ist etwas irritierend, denn auf den ersten Blick waren das mit Sicherheit Aktive. Die ersten beiden würden ins Halbfinale kommen. Dann geht’s über Kreuz weiter. Naja, ihr wisst schon.
Das erste Spiel gegen die ganz in himmelblau spielenden Gastgeber vom AS Lok Engelsdorf. Alle über vierzig. Ruhiger Beginn und überlegenes Spiel, aber leider keine zwingenden Torchancen. Wir waren uns unserer Mittel irgendwie zu sicher, spielten dann aber nur durch die Mitte, was der immer auf Spielkultur bedachte Steffen ununterbrochen monierte. Und er hat Recht. Einen Gegner, der technisch und physisch unterlegen ist, muss man über die Flügel ausspielen. Das begreifen wir zu spät und fangen uns beinahe bei einem Konter noch ein Gegentor ein. Zwei Schüsse von Boris, der eine davon links ans Außennetz und eine Großchance von Andi, der von mir im Strafraum freigespielt wurde, dann aber leider mit dem Rücken zum Tor stand und das wars. Am Ende ein fades 0:0 und das Gefühl, hier auf jeden Fall zwei wichtige Punkte gegen einen vermeintlich leichten Gegner verschenkt zu haben.
Dann VoSpo Markkleeberg. Alle etwa zwischen zwanzig und dreiundzwanzig Jahre alt. Schnelle Leute. Und beim Einspielen sehr sicher in der Ballbehandlung. Wenn du sie anschaust, weißt du es. Das wird auf jeden Fall tricky und ich denke auch das Schlüsselspiel in der Gruppe.
Mir schwante nichts Gutes, als es losging. Aber ich irrte mich. Schnell zeigt sich, dass wir im richtigen Augenblick voll konzentriert sind und gut die Räume aufteilen. Wir sind die klar bessere Mannschaft und auch über beide Flügel kommt viel, was vor allem Steffen sehr erfreut. Und ein kluger Spielaufbau von hinten. Gute Antritte von Timo und auch Kai wühlt ununterbrochen.
Das 1:0 durch Andi etwa in der Mitte des Spiels ist die Entscheidung. Vom Gegner auch danach fast keine echte Gegenwehr. Wir haben sie überschätzt. Auch ich habe meinen Gegenspieler auf halbrechts völlig im Griff und darüber hinaus noch Zeit, mich in die Offensive einzuschalten. Überhaupt war das gesamte Turnier nach einer längeren Durststrecke für mich endlich der Schritt nach vorn. Trotz gelegentlich schmerzender Knie. Mir ist praktisch alles gelungen. Auch konditionell ging es wieder aufwärts.
Uwe, der ja im Grunde noch weniger Spielpraxis hatte als ich, hat sich ebenfalls nahtlos eingefügt. Er spielte zwar kein Spiel durch, machte aber bei allen Auftritten eine gute Figur und keinen einzigen Fehler. Gut, dass er da war.
Die beiden letzten Vorrundenspiele sind jetzt im Grunde reine Formsache. Zwei zum Altinventar des Turniers gehörende und jeweils restlos überforderte Gegner sowie genügend Tore. Meines zum 4:0 gegen die Marathon Kicker aus Nahdistanz nach super Pass von Kai. Klar klatschen wir uns ab. Neunzig Prozent von dem Ding gehören dir, Kai. Teilweise haben wir noch im Strafraum kombiniert und Erinnerungen an alte Zeiten werden wach. Es sieht gut aus und jetzt ist klar: Wer hier gewinnen will, muss auf jeden Fall auch uns schlagen.
Dann das Halbfinale. Die Alten Junioren. Achtundneunzig hatten wir sie in Engelsdorf auch im Halbfinale. Damals ein Sieg im Elfmeterschießen mit Toren von Steve und Timo. Im April Zweitausendeins, in jenem unsäglichen Turnier, wo alles schiefging, haben wir 0:2 verloren. Also sehr gemischte Erinnerungen. Auch jetzt erwartete uns eine solide Mannschaft, aus der zwar keiner herausragte, die aber auch keinen Schwachpunkt hatte.
Wir bekommen nach etwa einem Drittel des Spiels das 0:1. Ein Konter von rechts. Der Stürmer läuft im spitzen Winkel, bedrängt von Boris auf Fischi zu, der vielleicht einen Moment zu früh aus seinem Kasten kommt und den Winkel aufmacht. Ich hatte das Gefühl, dass das die Entscheidung ist, aber wir haben dann zum Glück die Ruhe bewahrt, unser Spiel aufgezogen und den Gegner einfach zu Fehlern gezwungen.
Das 1:1 durch Timo nur die logische Folge unserer Überlegenheit. Das Spiel kippte und wenige Minuten später drohte es sogar zu entgleisen. Foul an Andi im Strafraum und Neunmeter als richtige Entscheidung. Nachdem ich mir schon fast den Ball zurechtgelegt hatte, habe ich dann doch noch an Timo abgegeben und der hat eiskalt verwandelt. 2:1 - der Ball war halbhoch und scharf, und obwohl der Keeper noch mit den Fingerspitzen dran war, gab‘s da nichts zu halten.
Danach ging es los. Ein, zwei Leute von denen drehten durch und jetzt kam Härte ins Spiel. Ich hatte ein paar Wortwechsel mit einem, der seine Nerven nicht im Zaum hatte und nach vorheriger Ankündigung bekam ich im nächsten direkten Zweikampf dann seinen Ellenbogen links an den Kopf. Er hätte Rot bekommen müssen, aber der Schiedsrichter hat es nicht gesehen. Mitten in den Sturmlauf des Gegners, in dem auch Fischi noch einen tollen Ball hält, macht Timo dann sein drittes Tor in diesem Spiel, in dem wir wieder klar die bessere Mannschaft waren. 3:1 und Finale!
Wieder Endspiel in Engelsdorf. Für uns nun mittlerweile zum vierten Mal. Achtundneunzig und Zweitausend jeweils Niederlagen gegen den FC Sachsen, davon einmal im Neunmeterschiessen. Letztes Jahr die völlig unnötige Finalniederlage gegen EMG, gegen die wir einfach unsere Chancen nicht nutzen konnten. Auch damals der K.O. im Neunmeterschiessen.
Diesmal soll endlich alles anders sein. Aber der Gegner, die Crazy Kickers, hatte in seinen Spielen einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Im ersten Halbfinale hatten sie die zweitplatzierten unserer Gruppe, den Gastgeber mit 1:0 geschlagen. Alles sehr junge Leute um die zwanzig, die meisten zwar körperlich kleiner als wir, aber sehr dynamisch, flexibel im Spielaufbau und technisch gut. Es versprach ein gutes Finale zu werden. Und das wurde es auch.
Anstoß mitten in die volle Mittagshitze hinein. Beide kommen mit sehr guter Raumaufteilung. Keine überhasteten Aktionen. Man merkt sofort, dass dieser Gegner ein ganz anderes Kaliber ist. Steffen ermahnt, den Gegner erst ab der Mitte anzugreifen und wie immer über die Flügel zu spielen. Alles wird beherzigt, aber der Gegner ist einfach stark. Individuell kann jeder praktisch alles. Die sind sehr beweglich und alles sieht agil und drangvoll aus. Wir müssen auf der Hut sein. Gefahr kommt bei denen aus allen Mannschaftsteilen.
Wir halten mit Steffens Regie und fetten Chancen von Kai und Timo dagegen. Ein klasse Spiel. Die Entscheidung gegen uns dann durch ein Traumtor. Ein kleiner schwarzhaariger Südländer, der mir schon vorher mit guten, teilweise ansatzlosen und platzierten Schüssen aufgefallen war, macht es mit einem tollen Drehschuss aus der Luft. Vielleicht fünfzehn Meter, fast eine Art Seitfallzieher ins vom Schützen aus gesehen linke Dreiangel. Der war unhaltbar und ein würdiges Finaltor.
Der arme Fischi. Bisher hatte er nur ein Gegentor bekommen und jetzt so ein Ding. Trotz Schlussoffensive und Powerplay bleibt es beim verdienten 1:0 für die Crazy Kickers - Turniersieg für eine faire Klassemannschaft. Und wir sind hier im fünften Anlauf zum vierten Male Zweiter geworden. „Das gibt’s doch gar nicht.“, sagt Boris.
Der Nachmittag klingt aus mit Bierchen und Bratwurst. Schlechte Laune sieht anders aus. Die Sonne scheint, es riecht nach Grill und du hörst das Knirschen der vielen Fußballschuhe im Kies. Emilia und Victor streiten sich um den Rest einer roten Fassbrause. Antonia und Greta wollen noch zwei neue holen. Aber da drüben am Stand ist die Schlange ziemlich lang. Und jede Menge Kinder sind da. Eben Volksfest in Engelsdorf.