26. Spiel: 19. Juli 2003, Stadion des SV Edderitz v. 1921
FC Waldstraßenviertel - SV Edderitz 2:2 (1:2)
FCW mit: Jens Fischer - Peter Teichmann, Andreas Seidel, Boris Röhricht - Jörg Voigtmann, Oliver Wolfram, Christian Muhlack, Heiko Hennig, Timo Naumann - Steve Brenner, Uwe Heine (Lars Birr, Uwe Klinkicht)
Tore: Heiko Hennig, Uwe Heine
Spielbericht
Die Serie hält
Als die große Autokarawane mit Spielern, Frauen und Kindern am frühen Nachmittag des neunzehnten Juli Zweitausenddrei in Richtung Edderitz bei Köthen aufbricht, hatte ich ein flaues Gefühl. Das kann ein hartes Spiel werden. Gegen Andis Verein, den SV Edderitz, von dem er sich in Kürze trennen würde. Immerhin eine Landesklassemannschaft. Und für Andreas war es so etwas wie ein Abschiedsspiel.
Mir kam in den Sinn, dass wir seit fast neun Jahren auf deutschem Boden kein Großfeldspiel mehr verloren hatten. Ich hatte das Gefühl, das unsere Serie heute reißen würde.
Wir hatten drei Absagen. Steffen Naumann mit großer Familienfeier, Albrecht Herold im Urlaub in Barcelona und Kai Werner mit Saison-Vorbereitungsspiel für Blau-Weiß Leipzig. Drei gute Gründe, dass es einem mulmig werden konnte. Aber alle anderen waren an Bord.
Ankunft in Edderitz. Kleines Vereinsgelände, zwei Plätze. Wir sollten auf dem etwas abseits gelegenen Nebenplatz spielen. Auch das hörte sich nicht so gut an. Noch dazu brütende Hitze und flirrende Luft, ganz sicher über dreißig Grad. Meine Mine verfinsterte sich weiter, als ich Jörg, Lars und Fischi sah, die gleich nach der Ankunft jeweils einen halben Liter Radler in der Hand hielten.
Anstoß gegen sechzehn Uhr. Edderitz spielt in gelb-schwarz, wir traditionell schwarz-rot gestreift. Das Spiel beginnt dynamisch. Kein großes Abtasten. Es geht zur Sache. Heiko Hennig zieht im Mittelfeld die Bälle an und dann auch das Tempo. Andi als rechter Verteidiger nutzt jede Gelegenheit zu Vorstößen an der rechten Seitenlinie. Typisch Andi. Und Jörg spielt im Mittelfeld seine Spielchen mit seinen Gegenspielern. Boris bleibt ruhig und defensiv auf links, spielt zuverlässig und ohne Risiko. Peter Teichmann als Libero bei seinem Comeback dirigiert die Abwehr, in die ich als defensiver Mittelfeldspieler durch Jörgs Offensivaktivitäten fast unfreiwillig mit direkter Manndeckung hineingerate.
Edderitz ist solide, hat vor allem in der Defensive eine gute Organisation und dann immer wieder ein, zwei Leute, die aus dem Mittelfeld heraus Tempo machen. Zumeist über die Mitte, wo Jörg und ich sie empfangen. Ich wundere mich über mich selbst. Nach der langen Großfeldpause gewinne ich praktisch jeden Zweikampf und bin immer schneller am Ball als meine beiden wechselweise übernommenen Gegenspieler. Das Spiel beginnt Spaß zu machen.
Nach vielleicht fünfzehn Minuten das 1:0. Der Zweite von zwei aufeinander folgenden Eckbällen wird von Andi getreten. Der Ball kommt von rechts und Heiko Hennig jagt völlig ungehindert aus neun Metern eine Kopfballrakete in die Maschen. Mensch, Henne, ein Kopfball!
Im Anschluss daran folgen starke Minuten. Unsere Angriffe kommen über beide Seiten und sind schwer auszurechnen. Christian Muhlack, der im linken Mittelfeld anfangs Startschwierigkeiten hat, fängt sich, beginnt nach und nach die Bälle zu fordern und treibt mit Boris die linke Seite nach vorn. Rechts das gleiche mit Timo und dem leicht zurückhängenden Uwe Klinkicht, der sich Mitte der ersten Halbzeit übel verletzt und mit geschwollenem rechten Knöchel, Bandage und Eis-Akku an der Seitenlinie wiederfindet. Ohne gegnerische Einwirkung. Für ihn kommt Lars Birr ins Spiel, der durch Jörg aus der Montagabend-Hallenfußballrunde zu uns gefunden hat. Er hat anfangs Bindungsprobleme, steigert sich aber und was das Wichtigste ist: er kämpft und hält dagegen, als der Gegner Mitte der ersten Halbzeit immer stärker wird.
Unser Wechselkonzept greift gut. Uwe Heine, der praktisch überall spielen kann, übernimmt immer für etwa zehn Minuten nacheinander jede Position, so dass jeder zehn Minuten Pause hat. Die Gegentore fallen genau in den Minuten, in denen ich draußen war.
Das 1:1 hatte mit fehlender Abstimmung und zu langem Ballhalten in der Abwehr zu tun. Peter, der sonst resolut zur Sache ging, bekommt den Ball nicht weg und durch irgendeinen Fehlpass im Strafraum kann Edderitz aus Nahdistanz ausgleichen.
Als wir uns zurufen: Ruhe bewahren und konzentriert weiterspielen, geraten wir keine drei Minuten später in Rückstand. Im Mittelfeld plötzlich eine riesen Lücke, so dass ein Edderitzer Spieler aus vollem Lauf und fünfundzwanzig Metern zum Schuss kommt. Der Ball geht scharf und flach auf Fischi und springt unmittelbar vor ihm auf. Als der Ball dann über seine rechte Schulter ins Tor geht, sieht Fischi nicht gut aus. Solche Bälle sind der Albtraum für jeden Keeper. Mir geht das Radler vor Spielbeginn durch den Kopf.
Jetzt mussten wir wirklich ruhig bleiben. Heiko, der nun die zentrale Figur im Mittelfeld wird, legt mehrere Bälle auf Steve auf, der aus leicht hängender Position zwei oder drei Mal ins Abseits läuft. Christian vergibt kurze Zeit später auf links eine gute Chance zum Ausgleich. Wir waren dran und spürten, dass hier auf jeden Fall noch was geht.
Die letzte Viertelstunde der ersten Halbzeit ist umkämpft, vielleicht mit einem leichten Übergewicht für Edderitz, das mit drei Nordafrikanern ein sehr drangvolles, aber letztlich wenig effektives Mittelfeld besitzt. Die drei sind stets anspielbar und kombinieren, aber sie spielen keine echten Chancen heraus. Außerdem verlieren sie fast alle direkten Zweikämpfe im Spiel Mann gegen Mann. Einzige wirkliche Gefahr geht von einem schwarzhaarigen korpulenten Stürmer aus, der einen schnellen Antritt hat und auch gut schießt.
Dann ist Halbzeit. Wasser schießt staubige Kehlen hinunter. Kein Gedanke an Regeneration bei dieser trockenen Hitze. Uwe sitzt mit den Eis-Akkus am Fuß zwischen uns an der Seitenlinie und lächelt gequält. Hier muss noch was gehen. Die sind auf keinen Fall besser als wir. Die müssen unter Druck gesetzt werden. Aber wie lange halten die Kräfte in dieser schlimmen Hitze. Los Jungs, auf geht’s!
In der zweiten Hälfte sind wir von Anfang an konzentriert. Und lassen endlich den Ball laufen. Es gibt Seitenwechsel und Doppelpässe im Spielaufbau. Minute für Minute werden wir besser. Mit dem Übergewicht kommen auch die Chancen. Christian vergibt aus spitzem Winkel und Nahdistanz auf links. Lars, der mit zunehmender Spielzeit vor allem auch konditionell zulegen kann, wird von Andi und Heiko zwei oder drei Mal auf dem rechten Flügel wunderbar in Szene gesetzt, zögert aber immer einen Moment zu lange - entweder mit dem Schuss oder mit dem finalen Pass in die Mitte.
Das 2:2 wird ein Traumtor. Die sechzigste Minute. Uwe Heine dribbelt an der linken Grundlinie und kann sich in Richtung Tor durchsetzen. Ungefähr am linken Fünfmetereck hebt er den Ball gefühlvoll über den herausstürzenden Torhüter hinweg ins Netz. Es war einfach nur traumhaft.
Von jetzt an spielt nur noch eine Mannschaft. Und das sind wir. Trotz drohender Gefahr, in einen Konter zu laufen, machen wir hinten weitgehend auf. Es ist das Nachsetzen gegen den Angeschlagenen. Andi rückt seiner Natur entsprechend immer mehr in die Offensive und auch Timo, der diesmal nicht ganz so effektvoll spielt wie sonst, zieht das Tempo an. Das Spiel verlagert sich nur noch in die Hälfte unseres Gegners, bei dem jetzt die konditionellen Defizite offensichtlich werden.
Die riesen Chance zum Siegtor hat Timo, der nach einer Uwe-Heine-Flanke von links am höchsten steigt und den Ball knapp am Tor vorbei köpft. Kurz darauf ist es wieder Timo, der von rechts aufs Tor zuläuft und mich, völlig freistehend in der Mitte, übersieht. Mann, Timo!
Dann spielt mich Andy aus dem Mittelfeld glänzend frei, so dass ich von halbrechts allein aufs Tor zulaufen kann. Kurz vor der Strafraumgrenze hätte ich, bedrängt von einem Gegenspieler schießen müssen. Stattdessen spiele ich den Ball zum in der Mitte mitgelaufenen Steve, der, ebenfalls von einem Verteidiger attackiert, mit dem Ball nicht mehr viel anfangen kann.
Hinten lässt Peter nichts mehr anbrennen. Er ist souverän und erinnert in der Art wie er spielt fast an alte Zeiten. Immer wieder versucht er eine Abseitsfalle aufbauen.
Bei einem der Angriffe vielleicht zwanzig Minuten vor Schluss will ich den Ball nach Zuspiel von links an der halbrechten Strafraumgrenze in aussichtsreicher Position abziehen und verdrehe mir beim Schuss das rechte Knie. Wieder die alte Verletzung und ich bin für einige Minuten draußen. Dass ich dann nochmal für Lars ins Spiel komme, ist unvernünftig, aber ich wollte dabei sein, wenn die Entscheidung fällt.
Wir sind jetzt in den letzten Minuten die eindeutig bessere Mannschaft und das Siegtor scheint nur eine Frage der Zeit, die aber auch nicht stehenbleibt. Die Minuten verrinnen und der Druck wächst. Auch Peter hält es längst nicht mehr hinten. Es wäre das größte für ihn, jetzt das Siegtor zu machen. Die letzte große Chance aber vergibt Timo, der von rechts an der Grundlinie zwei Gegner aussteigen lässt und aus spitzem Winkel allein vor dem Torhüter vergibt.
Am Ende ist es ein Unentschieden, das unserem Gegner schmeichelt. Heiko und Boris sind sich auf dem Weg in die Kabine einig, dass auch ein 4:2 okay gewesen wäre.
Aber wenigstens unsere Serie hat gehalten.
Später in der Kabine ist die Stimmung gut und erreicht ihren Höhepunkt, als Uwe Heine noch seine vergessene Urkunde für die sechs Tore bei unserem Kleinfeldturnier im Juni bekommt.
Dann am Grill unter den Bäumen wird es noch spät. Ausgelassene Chancen werden in üblicher Weise noch einmal belebt. Fischi erzählt wie so oft aus dem Tienschan und aus Kirgisien. Auch Christian und ich reden noch lange über vergangene Zeiten. Im Hintergrund jongliert Heikos Ziehsohn Michel mit seinen elf Jahren wie einer der ganz Großen, so dass es eine Freude ist, ihm zuzusehen. Michel, vielleicht hätten wir Dich einwechseln sollen.