28. Kleinfeld-Turnier
(Victoria-Cup zum 100. Geburtstag des FC Schalke 04)
31.07.2004, Sportanlage in Sermuth
(5 Feldspieler plus Torwart, 1 x 12 min, 64 Mannschaften)
Vorrunde (Gruppe 10):
FC Waldstraßenviertel - Black Devils Torgau 2:0 (kampflos)
FC Waldstraßenviertel - Blue Lions Leipzig 5:0
Tore: Kai Werner (3), Steve Brenner (2)
FC Waldstraßenviertel - DC Reinsdorf Neuwallwitz 4:0
Tore: Albrecht Herold (3), Kai Werner
FC Waldstraßenviertel - Promille Hartha 6:2
Tore: Steve Brenner, Uwe Heine, Timo Naumann, Kai Werner (2), Mario Hamerla
Als Gruppensieger in die erste K.O.-Runde:
FC Waldstraßenviertel - Zollnitzer Sportfreunde 0:2
FCW mit: Thomas Lehmann - Andreas Seidel, Mario Hamerla, Timo Naumann, Oliver Wolfram, Steffen Naumann, Steve Brenner, Albrecht Herold, Uwe Heine, Kai Werner
Spielbericht
Das lange Warten
Sermuth in Sachsen liegt nicht weit weg von Grimma. Nach den Jahrhundertüberschwemmungen des Jahres Zweitausendzwei war hier durch großes Engagement die komplett zerstörte Sportanlage des SV Eintracht Sermuth völlig neu aufgebaut worden. Die Einweihung sollte nun im Rahmen der Fußballturniere zum hundertsten Geburtstag des FC Schalke 04 vollzogen werden.
Andi hatte das Turnier ausfindig gemacht und uns bereits im Frühjahr angemeldet. Es war das letzte von insgesamt sechzehn bundesweiten Qualifikationsturnieren. Die jeweils ersten drei Mannschaften aller zahlenmäßig stark besetzten Turniere würden Ende August in der Arena auf Schalke den deutschlandweiten Gesamtsieger ausspielen.
Bei uns herrschte Optimismus. Um es mal vorsichtig auszudrücken. Ging es nach Andi oder Steve, war die Qualifikation für Schalke kein größeres Problem. Sicher, man muss da gut besetzt hinfahren und sich auf einen harten Gang einstellen, aber alles in allem ist das machbar.
Von Steve sind wir seit Jahren diese Sprüche gewohnt. Von Andi ist so etwas seltener zu hören. Von Steffen, der bereits in Engelsdorf ähnliches verlauten ließ, kam es mir am ungewöhnlichsten vor. Steffen ist für mich jemand, der unser Spiel analysieren und vor allem unsere Leistungsfähigkeit gut einschätzen kann. Er findet den Fehler, noch bevor du ihn gemacht hast.
Es stimmte zwar, wir hatten die letzten fünf Kleinfeldturniere in Serie gewonnen. Timo und Kai schossen die Tore wie am Fließband. Jörg, Andi und Steffen spielten fast zeitlos seit Jahren immer auf demselben hohen Niveau und auch ich war wiedererstarkt. Dennoch: irgendetwas sagte mir, dass wir beim Schalke-Turnier einen Dämpfer bekommen würden.
Die Besetzung: Bis auf Fischi und Boris (im Urlaub) sowie Jörg (verletzt) kamen wir mit voller Kapelle. Eine gute Mischung aus Spielkultur, Defensivkraft und Angriffsdynamik. Vor allem im Spiel nach vorn schien diesmal alles möglich zu sein. Mit Timo, Kai, Steve und Albrecht hatten wir noch immer erstklassige Stürmer, so dass wir im Angriff eigentlich nur ein Problem hatten: In welchem Rhythmus wechselt wer mit wem, ohne dass die in solchen Turnieren so wichtige Ordnung verlorengeht. Steffen, Mario und Andi bildeten die Defensivabteilung, wobei jeder, der Andreas kennt weiß, dass er als Offensivverteidiger hinten festgebunden werden muss. Uwe und ich würden uns im Mittelfeld abwechseln.
Im Tor stand wieder Thomas Lehmann, der zuletzt im Juli Zweitausendeins in Probstheida bei einem Turnier ähnlichen Kalibers zwischen den Pfosten gestanden hatte. Und um es vorweg zu nehmen, Lehmo, wie er seit unseren gemeinsamen Abiturzeiten vierundachtzig bis sechsundachtzig genannt wurde, machte seine Sache sehr gut, so dass Fischi nicht vermisst wurde. Oder anders formuliert: An Lehmo hat es nicht gelegen.
Morgens viertel nach Acht Abfahrt von der Funkenburgstraße. Wie gewohnt in großer Autokolonne zu unserem nunmehr achtundzwanzigsten Kleinfeldturnier.
In Sermuth angekommen ist es ein Turnier der Menschenmassen. Um zu unserem Spielfeld, dem Feld Nummer vier zu kommen, geht es nur in langsamen Schritten vorwärts. Menschen über Menschen. Eigentlich eine klasse Atmosphäre.
Wir sind gegen neun vor Ort und unser erstes Spiel ist für zehn Uhr fünfzehn angesetzt. Eine gute Stunde bis zum Auftakt, denke ich. Das geht ja noch. Als es aber offiziell wird, dass unser erster Gegner, die Black Devils Torgau nicht antreten werden, wird uns allen schlagartig das Hauptproblem dieses Turniers klar: Die langen Wartezeiten. Ganze zwei Stunden später, nämlich um zwölf Uhr fünfzehn werden wir zum ersten mal ins Geschehen eingreifen. Das heißt bis zum ersten Spiel noch drei Stunden Zeit.
Die Temperaturen sind jetzt am Morgen schon bei mindestens fünfundzwanzig Grad. Das hier würde ein Glutofen werden. Nicht nur uns, sondern vor allem denen, die uns begleiteten stand eine echte Zumutung bevor. Die Annetts von Timo und Steffen schienen es gelassen zu nehmen. Jörg, der nur als Zuschauer kam, ahnte wohl die Verzögerung und war erst gegen halb elf im Stadion. Greta, Emilia und Victor ließen sich zum Glück mit Eis und Hüpfburg hinhalten, wobei ich ständig nachsehen musste, dass sie bei der grellen Sonne auch immer eingecremt waren. Und überhaupt, wo waren sie ständig? Annett, hast Du sie gesehen? Nein. Sie sind nicht mehr bei der Hüpfburg. Aha. Wo sind sie dann? Vorhin sind sie hinten am Feldweg langgerannt. Ja stimmt. Aber wo sind sie jetzt? Hier liegen Emilias Schuhe. Das heißt, sie läuft in Strümpfen rum.
So ging der Vormittag vorüber. Im Halbstundentakt habe ich mit Kai ein paar Bälle hin und her gespielt. Zum sogenannten Warmwerden.
Irgendwann wurde es dann doch zwölf Uhr fünfzehn. Unser Auftaktgegner, die Blue Lions Leipzig kamen nur kurz auf den Platz, um schwindlig gespielt zu werden. Zu sicher die Kombinationen, zu schnell unser Spiel, um uns hier in Gefahr zu bringen. Vor allem die Chancen haben wir sehr gut genutzt. Dreimal Kai und zweimal Steve, der auf engem Raum sehr ballsicher wirkte und noch dazu mannschaftsdienlich spielte, besiegelten das Schicksal der blauen Löwen.
Klasse spielte vor allem Steffen, der wie in alten Zeiten dirigierte und auch in den wenigen Momenten der Defensive sicher stand. Sein Stellungsspiel und seine Übersicht sind großartig. Wie versteht er es nur, diese Form über Jahre hinweg zu konservieren? Am Ende ein klares 5:0 und keiner fragte mehr nach den drei langen Stunden Warten.
Mindestens zwei mal zwei weitere würden jedoch hinzukommen. Zwischen allen Zwölf-Minuten-Spielen sah der Spielplan durch die große Anzahl der Mannschaften immer zwei volle Stunden Pause vor. Auch der Wegfall der Black Devils Torgau verkürzte das Turnier nicht, weil dann die weiteren Spiele nicht vorgezogen wurden. Es war wirklich eine Tortur. Wir vertrieben uns die Zeit mit Torwandschiessen (Andi und ich trafen je zweimal) und dem bekannten Wo-sind-die-Kinder-Spiel und fegten dann viertel drei den DC Reinsdorf Neuwallwitz ohne nennenswerte Gegenwehr mit 4:0 vom Platz. Neben Kais fast schon obligatorischem Treffer machte diesmal Albrecht mit drei Toren das, was er am besten kann.
Langsam konnte man ein gutes Gefühl bekommen.
Nach den beiden nächsten Wartestunden erging es Promille Hartha nicht wesentlich besser als den beiden Vorgängern. Waren wir heute wirklich so stark oder waren die Gegner drittklassig? Wieder sechs Tore gegen einen völlig überforderten Gegner. Wir spielten vor allem immer wieder schnell. Sicher das wichtigste auf diesen kleinen Feldern. Und nach hinten wurde fast nichts zugelassen, so dass Lehmo nur wenige Male gefordert wurde. Mir gefiel neben Steffen hier der noch in Markkleeberg aufgrund seiner Zweikämpfschwäche kritisierte Mario, der sich verbissen ins Spiel Eins gegen Eins warf, über links ballsicher zum Spielaufbau beitrug und einen insgesamt hervorragenden Eindruck hinterließ. Vor allem wegen seiner blitzsauberen Zweikämpfe.
Wir waren Gruppensieger und zogen in die Runde der letzten zweiunddreißig Mannschaften ein. Zwölf zu null Punkte und siebzehn zu zwei Tore sprachen eine offenbar deutliche Sprache. Auch Jörg war des Lobes voll. Ihr spielt sicher und wechselt klug die Seiten. Es macht Spaß, euch zuzusehen. Aber Jörg, wir sind bisher nicht gefordert worden. Kann sein. Warten wir‘s ab.
Ab jetzt ging es im K.O.-System weiter. Jeder weiß, dass alles, was vorher war jetzt nicht mehr zählt. Zu dem, was folgte fiel mir später der zweite Mai Neunundneunzig ein, als wir nach einer schlichtweg überragenden Vorrunde des Zweiundsiebzig-Mannschaften-Turniers auf der Leipziger Festwiese gegen ein biederes Runners-Point II keine spielerischen Mittel fanden und früh nach Hause fuhren.
Kurz vor halb sechs waren wir über acht Stunden in Sermuth, als unser viertes Spiel begann. Es sollte unser letztes werden.
Schwer zu sagen, wie das passieren konnte. Im Nachhinein kann man es ohnehin oft nicht sagen. Die Zollnitzer Sportfreunde in dunkelblauer Spielkleidung waren keine Mannschaft, von der man lange spricht. Wenig athletisch, wenig beweglich, eher statisch ihr Spiel und im Grunde leicht ausrechenbar. Wir begannen unser Spiel aufzuziehen und als es losging, hatte ich kein schlechtes Gefühl. Selbst dann nicht, als die beiden ersten Distanzschüsse über Lehmos Tor zogen.
Als der dritte von halblinks dann plötzlich im rechten Dreiangel einschlug, war es vorbei mit unserer Herrlichkeit. Plötzlich stehen wir unter Druck. Und auf einmal keine Frische und keine Ideen. Keiner geht mehr ins Risiko. Bloß nicht in den dann alles entscheidenden Konter laufen. Hinten standen die sicher. Und wir waren nicht einen einzigen Moment in der Lage, diese Truppe aus den Angeln zu hebeln. Auch Kai mit der Brechstange, Timos Einsatz oder Albrechts Sturmläufe nützen hier nichts. Torchancen für uns sind Fehlanzeige. Und als Lehmo den nächsten Fernschuss aus dem Netz holt, ist alles gelaufen.
Unter den Bäumen am Hang packen wir in der späten Nachmittagssonne die Sachen für die Heimreise. Es ist die Mitte des Sommers. Noch in der gleichen Nacht würde ich mit Kornelia und den Kindern nach Chivezza im nordwestitalienischen Ligurien in den Urlaub fahren. Mir geht durch den Kopf, dass das ungefähr eintausendzweihundert Kilometer Autofahrt sind und ich muss schmunzeln, wenn ich daran denke, wie Victor schon nach einer halben Stunde Autofahrt fragen wird, ob das hier schon Ligurien ist.
Als wir die Sachen zusammen haben und uns verabschieden, ist die Stimmung trotzdem gut. Sozusagen keine Schwermut in Sermuth. Die üblichen Gespräche über die ausgelassenen Chancen oder sonstige Gründe des frühen Ausscheidens bleiben aus. Die Sommeratmosphäre dominiert. Vielleicht liegt das auch an den mitgereisten Frauen, die die langen Wartezeiten tapfer ausgehalten haben.
Auch Albrechts Frau und Kind sind inzwischen gekommen. Die Kinder unterdes laufen mit eisverschmierten Gesichtern grölend durch die campierenden Mannschaften am Hang. Und wir reden von unserem nächsten Spiel am zweiundzwanzigsten August. Auf Großfeld im Charlottenhof gegen den SV Lindenau 1848. Der Ex-Verein von Andi, Steve und Kai. Bis zum Wiedersehen sind es also nur drei Wochen.