28. Spiel: 22.08.2004, Stadion Charlottenhof Leipzig
FC Waldstraßenviertel - SV Lindenau 1848 2:4 (2:1)
FCW mit: Jens Fischer - Heinz Kolb, Andreas Seidel, Andreas Ringel - Steffen Naumann, Oliver Wolfram, Mario Hamerla (Uwe Klinkicht), Timo Naumann, Kai Werner, Uwe Heine, Steve Brenner
Tore: Steffen Naumann, Oliver Wolfram
Spielbericht
Irgendwann ist heute
Noch immer ist es der warme trockene Sommer des Jahres Zweitausendvier. Es geht gegen den SV Lindenau 1848. Wir schreiben den zweiundzwanzigsten August und wenn man weiß, dass wir seit Oktober Vierundneunzig, also seit fast zehn Jahren auf deutschem Boden in Großfeldspielen ungeschlagen waren, dann würde dieser Tag heute ein wichtiges Datum werden.
Eine gewisse Spannung bestand bei mir schon seit Wochen. Bereits im Vorjahr waren Andis Bemühungen um ein Freundschaftsspiel in Lindenau am dort übervollen Terminkalender gescheitert. Aber er war drangeblieben und so wussten wir seit gut zwei Monaten, was auf uns zukommt.
Lindenau ist eine seit Jahren in der Leipziger Stadtliga etablierte Mannschaft und wir kamen für sie in der für jeden Gegner gefährlichen Phase der Saisonvorbereitung. Hier wollen sich vor allem neue Spieler beweisen und die gestandenen kämpfen um ihren Stammplatz. Diejenigen von uns, die in dieser Liga gespielt haben, wissen das.
Mit Jörg Voigtmann, Boris Röhricht, Peter Teichmann und Albrecht Herold fehlten uns gleich vier derer, die man gerade in solchen Spielen braucht. Über Jörgs Qualitäten brauchen wir nicht viele Worte zu verlieren. Allein seine Anwesenheit beseelt unser Spiel. Die Art, wie er den Ball streichelt und das Spiel aufbaut, wie er Tempo und mit langen Bällen Seiten zu wechseln vermag, ist unnachahmlich. Jörg würde es nie zugeben, aber sein Spiel ist etwas Besonderes, etwas Großartiges. Gerade, weil er fast immer nur das Spiel und nicht den Sieg sucht. Vor allem wenn er fehlt, bemerken wir es umso mehr.
Boris und Peter fielen aus einer stabilen und mittlerweile eingespielten Ab-wehr aus. Boris gleicht oft durch sein klasse Stellungsspiel und seine hundertprozentige Deckungstreue Andis offensive Sturmläufe aus und gilt vor allem im Spiel Mann gegen Mann als eine sichere Bank. Obwohl er nicht mehr der Allerschnellste ist und auch bei hohen Bällen gelegentlich aufpassen muss.
Bei Peter, der in Lindenau verletzt an der Seitenlinie stehen würde, ist es ähnlich. Hinzu kommt bei ihm, dass er seine Rolle als freier Mann offensiv auslebt. Er hat Zug zum Tor und nebenbei gesagt auch eine exzellente Schusstechnik. Seit seinem Comeback in Edderitz gehörte er wieder zu uns und als Libero hatte er, obwohl keine eins siebzig groß, für uns schon denkwürdige Spiele gemacht. Noch immer sehe ich ihn im Sturmwind von West Cumberland zum Kopfballduell hochsteigen. Vielleicht im Spiel seines Lebens. In seinem Herzen wird dieser Mann immer ein Fußballer sein. Und niemals etwas anderes.
Vielleicht der schwerwiegendste Ausfall war Albrecht. Jetzt, wo wir auf ei-nen Gegner trafen, bei dem keine Schwachstellen zu erwarten waren, der gute und schnelle Verteidiger hatte und bei dem wir vielleicht auch unter Druck zum Kontern gezwungen sein würden, ist Albrecht mit seiner immer noch unglaublichen Schnelligkeit das Maß der Dinge. Nie habe ich in all den Jahren einen Verteidiger gesehen, der im direkten Duell mit ihm schneller war. Albrechts Spiel und vor allem seine Tore lebten von seinem Antritt bei weit vorgelegten Bällen. Ich hoffte, wir würden ihm hier nicht nachtrauern müssen.
Also gut, ohne vier. Wir mussten uns etwas einfallen lassen. Fischi stand im Tor für uns vor seinem insgesamt vierzigsten Einsatz und schien zu ahnen, was auf ihn zukommt. Vorn war Uwe Heine neben Steve im rechten Angriff praktisch gesetzt.
Die für Jörg gedachte Position im rechten defensiven Mittelfeld fiel nun mir zu. Allein der Gedanke, dass Jörg und Steffen hier nebeneinander gespielt hätten, hatte etwas Geniales. Timo bekam das zentrale offensive Mittelfeld und Kai würde über rechts Druck machen. Auf links teilen sich Uwe Klinkicht und Mario Hamerla jeweils eine Halbzeit. Mario hatte mich in Sermuth absolut überzeugt und von Uwe wissen wir eh, dass er zwar nur noch Kondition für eine Halbzeit hat, aber dafür nahezu in steter Regelmäßigkeit über sich hinauswächst. Was aber sollten wir in der Abwehr tun? Wer um Gottes Willen spielt Libero und wer übernimmt die rechte Innenverteidigung?
Lösungen liegen meist nicht in der Ferne. Manchmal sind sie in unmittelbarer Nähe.
Sie hießen Andreas Ringel und Heinz Kolb. Andreas und ich wohnen gemeinsam in der Funkenburgstraße achtzehn, Heinz oben gegenüber in der neunzehn. Andreas ist als Anwalt vor einigen Jahren von München nach Leipzig gezogen und spielte seit seiner Münchner aktiven Zeit jetzt noch regelmäßig Freizeitfußball. Immer sonntags um elf. Im Spiel hatte ich ihn nur einmal gesehen. Im Juni letzten Jahres war er es gewesen, der bei unserem Jubiläumsturnier als Spieler von Aris’ El Amir-Team Kai vor der Strafraumgrenze auflaufen ließ und mit dem nachfolgenden Freistoßtor praktisch unseren Turniersieg bahnte. Dennoch hinterließ er bei mir einen guten Eindruck, der sich oft schon aus einigen Bewegungen und zwei drei Bällen ableiten lässt. Und noch etwas: Andreas wollte von sich aus rechter Verteidiger spielen. Also auf einer der beiden Positionen, die uns fehlten. Klasse Andi, so passt das.
Auf Heinz war ich besonders gespannt. Wie Andy Ringel war auch er ein waschechter Wessi. Aus Mülheim an der Ruhr.
Seit fünfundneunzig in Leipzig war er zunächst im Leipziger Regierungspräsidium für die Wasserwirtschaft zuständig, bis er seit August dieses Jahres persönlicher Referent von Holger Tschense, dem Leipziger Beigeordneten für Umwelt, Ordnung und Wohnen wurde.
Heinz ist einfach ursympathisch und humorvoll. Mittlerweile vierzig Jahre, aber wie Uwe Heine uns versicherte, ein super Fußballer. Vor allem einer mit einer sehr guten technischen Ausbildung, der von der Spielanlage her gut in unsere Mannschaft passt. Und einer, bei dem sich Fußball auch im Kopf abspielt. Uwe musste es wissen. Spielte er doch mit Heinz seit einem Jahr bei den sogenannten Alten Herren des FC Sachsen Leipzig im regelmäßigen Punktspielbetrieb. Alte Herren klingt grausam. Alles, was älter als vierunddreißig ist, darf sich so nennen. Furchtbar, dieser Begriff. Aber die Sachsen sind eine klasse Mannschaft. Und Heinz sagte zu. Ach so Heinz, das Wichtigste kommt erst noch. Du müsstest Libero für uns spielen.
Es ist Nachmittag, als wir am Charlottenhof vorfahren. Andi empfängt uns an seiner jahrelangen Wirkungsstätte mit dem traditionellen Schaun-mer-mal-Blick. Auch Steve und Kai kennen sich gut aus hier. Die drei wissen sicher am besten, was uns hier erwartet.
Wir kommen in blau-schwarz und beim Warmspielen fällt mir auf, dass der Rasen eine Spur zu hoch ist. Das nützt keinem. Und es bedeutet auch nichts. Die Bälle laufen nur etwas langsamer. Irgendwie stumpf. Die Luft ist trocken und sehr warm. Eben Ende August. Und Steffen schwört uns immer wieder auf Positionstreue ein.
Das Spiel selbst beginnt ohne Abtasten. Lindenau in rot-schwarz ist von Beginn an offensiv und lässt den Ball laufen. Verwirrung bringen ständige Seitenwechsel hinter den Spitzen, mit denen vor allem Steffen und ich unsere Probleme haben. Wir sind permanent in Bewegung, um die Räume eng zu machen. Als die Zuordnung gefunden ist, stehen wir unter Druck. Die kommen sehr dynamisch und mit viel Laufarbeit.
Die Ballschlepper im Mittelfeld werden wechselseitig von Steffen und mir empfangen. Hinter mir steht Andi Ringel nach einer nervösen Anfangsviertelstunde jetzt sicherer. Überhaupt scheint sich die von Heinz dirigierte Abwehr keine Blöße zu geben und wird von Minute zu Minute stärker. Vor allem bei den vielen hohen Bällen und durch die nun immer wieder gewonnenen Zweikämpfe. Wer die Zweikämpfe gewinnt, kann auch ein Spiel gewinnen, ist mein Gedanke, als wir Mitte der ersten Halbzeit gleichwertig sind. Mario auf links gibt im Mittelfeld keinen Meter preis und kämpft tapfer wie in Sermuth. Kai schirmt über rechts die in der ersten Halbzeit stärkere linke Seite des Gegners ab und sorgt selbst ein ums andere Mal mit drangvollen Flankenläufen für Entlastung. Timo kann sich zwar nicht wie gewohnt in die Offensive einschalten, läuft aber viel und bleibt immer anspielbar.
Mitten hinein in die Hoffnung fällt nach fünfundzwanzig Minuten das 0:1. Ein Ballverlust im Vorwärtsgang, an dem auch ich beteiligt bin, wird zur Überzahl drei gegen zwei. Und ein Alleingang über rechts mit Flachschuss lässt dem herausstürzendem Fischi keine Chance.
Gut ist, dass wir hinten ruhig bleiben und weiter unser Spiel aufbauen. Nur Heinz wird lauter, fordert mehr und mehr die Bälle und spielt längst wie ein echter Libero. Im Mittelfeld kämpfen und rennen wir, was das Zeug hält. Kai leitet oft die Angriffe ein und überbrückt mit schnellen kraftvollen Antritten allein die Mitte. Keine Frage, wir sind zwar spielerisch noch nicht in Gang, aber man kann auch über den Kampf zum Spiel finden.
Dann kommt unsere stärkste Phase: Steffens Schlenzer von der halblinken Strafraumgrenze ins linke Dreiangel bringt nach einer halben Stunde plötzlich den Ausgleich und als Timo nach einem langen Ball zur rechten Grundlinie läuft und nach innen flankt, hämmere ich aus fünf Metern in vollem Lauf volley die 2:1-Führung in die Maschen. Mit links. Yeah!
Mit der Führung im Rücken sind es noch fünf Minuten bis zur Pause. Klar, dass die noch vor dem Wechsel den Ausgleich wollen. Und beinahe fällt der auch, als von links außen eine flache Hereingabe an Fischi vorbei durch den Fünfmeterraum geistert und zum Glück auch vom mutterseelenallein reingrätschenden Stürmer verfehlt wird. Durchatmen.
Halbzeit im Charlottenhof. Die Zungen hängen uns sonstwo. Bis jetzt der reinste Kampf. Fußball ist eben doch ein Laufspiel. Von anderen Analysen sind wir weit weg. Zu sehr ist jetzt jeder mit sich selbst beschäftigt. Ein Glück, dass die Abwehr steht. Denn die werden jetzt anrennen.
Als es wieder losgeht, tritt genau das ein. Mit mehreren frischen Spielern macht Lindenau Druck, vor allem aus einem sehr beweglichen Mittelfeld. Zwischen Mann- und Raumdeckung werden wir hinten festgenagelt. Auch Steve und Uwe Heine müssen sich zurückfallen lassen.
Einzige Offensivgefahr geht von Kai aus, der wenn er einmal antritt, kaum gehalten werden kann. Aber Kai ist zu oft auf sich allein gestellt. Fast alle haben jetzt Defensivaufgaben, als Lindenau Druck und Tempo weiter erhöht. Eine letzte Warnung ist noch eine sogenannte Hundertprozentige, die ein Lindenauer freistehend vor Fischi über die Latte zaubert.
Doch schon kurz darauf schlägt es zum 2:2-Ausgleich ein. Als Fischi von rechts eine Flanke erwartet, erwischt es ihn aus spitzem Winkel und zwanzig Metern mit einem Direktschuss.
Von jetzt an häufen sich die Chancen gegen uns. Fast im Zehn-Minuten-Takt werden bei Lindenau neue Spieler eingewechselt. Mit ihnen kommen die Sturmläufe. Und fast immer über unsere rechte Abwehrseite, in der Andi Ringel und ich jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen. Schnelle Doppelpässe und steile Bälle in den Strafraum sind das Mittel, um uns müde zu spielen. Noch steht Heinz. Noch steht die Abwehr. Auch bei den vielen hohen Bällen. Aber irgendwann kommen dann immer die Fehler. Wieder ist es ein Ballverlust nach einem Konterversuch. Und als Fischi mit einem straffen Schuss von der Strafraumgrenze ins rechte Dreiangel überwunden wird, liegen wir 2:3 hinten.
Durch die ständigen Wechsel ist Lindenau einfach zu stark und wir haben den frischen Kräften nicht viel entgegenzusetzen. Andi Seidel kann über links keinen seiner gefürchteten Flankenläufe bringen, weil er viel zu sehr mit der Defensive beschäftigt ist. Dazu kommen für ihn absolut untypische Abspielfehler, dass einem bald das Blut in den Adern gefriert. Timo hat im zentralen Mittelfeld viel zu viel Druck gegen sich und rennt genauso wie wir mehr den Bällen hinterher, als sie zu spielen. Auch Uwe Klinkicht, der für Mario jetzt im linken Mittelfeld steht, wird ein ums andere Mal über-laufen und bringt Andi zusätzlich in Schwierigkeiten. Vorn hängen Steve und der verletzt ins Spiel gegangene Uwe Heine zumeist in der Luft. Einzig und allein Kai ist in der Lage, voll dagegen zu halten. Aber ein Kai ist zu wenig gegen den immer stärker werdenden Druck.
Die Schlüsselszene des Spiels ist ausgerechnet den drei Ex-Lindenauern vorbehalten. Als Steve und Andi Seidel nach herrlichem Doppelpass endlich einmal durchstarten und Andis hoher Ball von Kai zurückgeköpft wird, macht Andy selbst per Kopf das Tor, das vom Schiedsrichter aber wegen Kais angeblichem Abseits nicht anerkannt wird. Ich selbst habe es nicht genau genug gesehen, um etwas dazu sagen zu können. Auch im Nachhinein bleibt es unklar. Fakt ist nur, dass wir weiter hinten liegen und mit einem Distanzschuss auch noch das 2:4 fällt. Eine echte Gegenwehr gibt es jetzt nicht mehr.
Noch ein paar Einzelaktionen von Kai und es steht fest. Wir haben nach langer Zeit wieder ein Großfeldspiel verloren. Gegen ein Lindenau, das heute einfach zu stark war. Zu schnell, zu beweglich waren sie gerade in der Mitte des Spiels. Vor allem durch die permanenten Wechsel mit immer wieder frischen Spielern gegen uns. Aber mögen die Wechsel das Spiel wirklich beeinflusst haben, mögen Jörg, Boris, Peter und Albrecht gefehlt haben oder nicht, irgendwann reißt jede Serie. Und dieses Irgendwann war einfach heute.
28. Spiel: 22.08.2004, Stadion Charlottenhof Leipzig
FC Waldstraßenviertel - SV Lindenau 1848 2:4
FCW mit: Jens Fischer - Heinz Kolb, Andreas Seidel, Andreas Ringel - Steffen Naumann, Oliver Wolfram, Mario Hamerla (Uwe Klinkicht), Timo Naumann, Kai Werner, Uwe Heine, Steve Brenner
Tore: Steffen Naumann, Oliver Wolfram