31. Kleinfeld-Turnier
(Pfizer-Kleinfeldturnier in Silstedt/Wernigerode)
28. Mai 2005, Sportplatz in Silstedt (6 Feldspieler plus Torwart, 2 x 12 min, 5 Mannschaften, jeder gegen jeden)
FC Waldstraßenviertel - Klinikum Quedlinburg 2:5
Tore: Steve Brenner, Timo Naumann
FC Waldstraßenviertel - St. Salvator Krankenhaus Halberstadt 5:1
Tore: Jörg Voigtmann (2), Timo Naumann (2), Oliver Wolfram
FC Waldstraßenviertel - Harzklinikum Wernigerode 2:0
Tore: Oliver Wolfram, Timo Naumann
FC Waldstraßenviertel - Urologie St. Nepomuk-KH Erfurt 3:2
Tore: Oliver Wolfram (2), Timo Naumann
FCW mit: Jens Fischer - Timo Naumann, Andreas Seidel, Jörg Voigtmann, Uwe Heine, Oliver Wolfram, Steve Brenner
Die anderen Spiele des Turniers:
Harzklinikum Wernigerode - St. Salvator Krankenhaus Halberstadt 2:1
Urologie St. Nepomuk-KH Erfurt - Harzklinikum Wernigerode 1:1
Klinikum Quedlinburg - Urologie St. Nepomuk-KH Erfurt 1:3
Urologie St. Nepomuk-KH Erfurt - St. Salvator KH Halberstadt 0:5
Klinikum Quedlinburg - Harzklinikum Wernigerode 3:0
Klinikum Quedlinburg - St. Salvator Krankenhaus Halberstadt 1:0
Abschlusstabelle: S – U – N Punkte Tore
Spielbericht
Das mit dem Auerhahn
Seit unserem letzten Turnier im Februar Zweitausendfünf hatte sich einiges verändert. Ende April wurde mein Arbeitsvertrag an der Urologischen Klinik der Martin-Luther-Universität in Halle nach nunmehr sechseinhalb Jahren nicht noch ein viertes Mal verlängert. Unstrittig waren die immer weiter zunehmenden finanziellen Engpässe dafür die Ursache. Auslaufende Verträge kommen dann wie gerufen, um ohne Kündigungen Personal abzubauen. Mich erwischte es zusammen mit zwei weiteren Kollegen, deren Verträge ebenfalls ausliefen.
Paradoxerweise hatte sich in den letzten Jahren die Stellensituation für Ärzte in Krankenhäusern deutlich gebessert. Anders als Sechsundneunzig, als ich nach dem Studium nur durch Beziehungen an die St.-Georg-Urologie kam, gab es nun fast überall im Land freie Stellen. Nur eben leider kein Geld.
Als ich mich bei den Hallenser Uni-Gynäkologen um eine Stelle als Urologe bewarb, schien zunächst alles glatt zu gehen. Nach nur zwei Gesprächen waren wir uns einig, dass ich am ersten Juni an der Gynäkologie beginnen könnte. Dabei ging es um den weiteren Ausbau einer urogynäkologischen Abteilung. Mit den mündlichen Zusagen des Klinikdirektors und der Verwaltung wollte ich dann am siebenundzwanzigsten Mai meinen Arbeitsvertrag unterschreiben, als es mich ein zweites Mal kalt erwischte.
Ausgerechnet am Vortag war an der Universität Halle eine Haushaltssperre in Kraft getreten. Kein einziger neuer Vertrag wird mehr abgeschlossen, kein alter mehr verlängert. Mindestens dieses Quartal, vielleicht sogar bis Ende des Jahres. Und was danach kommt, keine Ahnung. Tut mir leid, Doktor Wolfram, wir können auch nichts dafür.
Wie so kleine Dinge doch das Leben verändern können.
De facto war ich drei Monate arbeitslos geworden. Seltsam, wie negativ dieses Wort belegt ist. Mir aber tat es nach all den Jahren der Belastung so gut, einfach mal nichts zu machen. Zusammen mit den vier Wochen Resturlaub vom April hatte ich das erste Mal nach sieben Jahren keinen Stress mehr. Plötzlich Nächte voller Schlaf und keine zermürbenden Dienste. Um es kurz zu sagen. Körperlich ging es mir gut.
Wie gerufen kam also die Einladung zum Pfizer-Fußballturnier von Helmut Titze nach Silstedt bei Wernigerode. Sie lag an meinem letzten Arbeitstag in Halle auf dem Schreibtisch. Ein kurzer Rückruf bei ihm, ein paar Telefonate mit den Jungs und es stand fest. Es würde am achtundzwanzigsten Mai zum Turnier nach Silstedt gehen. Kleinfeld. Fünf Mannschaften. Jeder gegen jeden. Sechs Feldspieler und ein Torwart. Irgendwie schien es mir genau das richtige Turnier für Andi zu sein, der nach seiner Meniscus-OP vor sieben Wochen wieder einen Anfang machen wollte.
Der Achtundzwanzigste Mai fällt auf einen Samstag und wir fuhren um sieben Uhr morgens, also in aller Herrgottsfrühe zusammen im Chrysler los. Zu sechst. Fischi, Andi, Steve, Uwe Heine, Jörg und ich. Naja, sagen wir mal sechseinhalb, wenn man Fischis Sohn Elias Manuel mitrechnet. Timo war mit Freundin Annett schon am Freitag hingefahren und hatte für das Wochenende ein Zimmer in Ilsenburg gleich um die Ecke gemietet. Insgesamt waren wir damit gerade sieben und hatten nicht mal einen Wechselspieler. Steffen Naumann, der zuerst zugesagt hatte, war dann die letzten Tage vor dem Turnier nicht mehr zu erreichen. Umzug in die Scharnhorststraße. Andi, du musst also durchspielen.
Wernigerode ist viel weiter als man denkt, weil man es von Leipzig aus nicht gut erreichen kann. Weder über die A 14, noch über die Landstraße. Am besten Autobahn bis Plötzkau und dann nur noch über die Dörfer, meinte Fischi, der mein Beifahrer war. Die Fahrt war ein einziges Gekurve mit der Karte in der Hand. Umleitungen, keine Ausschilderungen, zweimal verfahren und dann noch Stau in Blankenburg.
Nach über drei Stunden waren wir endlich in Silstedt. Einen Teil davon hatte der arme Elias auf dem Gewissen, der vier Mal am Straßenrand versuchte, sein Frühstück wieder rauszubringen, bis es an einer Hauswand in Halberstadt endlich gelang.
Silstedt stand schon am Vormittag unter voller Hitze. Helmut Titze versuchte, sich mit der Eröffnungsrede kurz zu fassen. Noch ist kein einziger Ball gespielt. Aber Fischi und Steve hatten zu meinem Entsetzen schon ein Hasseröder in der Hand. Ihr wisst schon, das mit dem Auerhahn.
Mensch Jungs, hört auf damit, bei dieser brütenden Hitze! Quatsch, meint Fischi, das hast Du doch ratz-fatz wieder rausgeschwitzt.
Ich kenne diese Momente, wenn Fischi vor dem Spiel noch schnell ein Bier trinkt. Im April vierundneunzig die Geschichte mit der legendären Büchse Holsten und vor zwei Jahren in Edderitz das Radler. In beiden Fällen folgten Gegentore, bei denen man sich zumindest das Schmunzeln nicht verkneifen kann. Laut Fischi waren die einfach nur gut geschossen. Solche Dinger kannst du nicht halten.
Der Start verzögert sich. Wir stehen im Schatten unter den Pappeln und spielen uns bei 30 Grad warm. Jörg, Andi und Uwe verzetteln sich in einer nicht enden wollenden Diskussion über die Taktik. Hinten mit zwei Manndeckern und davor ein Drei-Mann-Mittelfeld? Oder drei Verteidiger auf einer Linie. Wie woll’n wir’s denn nun machen?
Wir haben gleich das zweite Turnierspiel gegen das Klinikum Quedlinburg. Das sind allesamt Pfleger und Zivis. Keiner ist über fünfundzwanzig. Die sehen dynamisch aus und sind hochmotiviert. Ich war gespannt, wie das laufen würde. Vor allem mit Andi.
Trotz der Hitze wird es ein flottes Spielchen, obwohl gerade wir nur das Nötigste tun. Okay, es wird gelaufen, aber nicht effektiv und irgendwie auch nie im richtigen Moment. Schnell steht es 0:1. Ein über halbrechts auf uns zulaufender Gegner wird einfach nicht attackiert! Sein Abspiel vor unserem rechten Pfosten nimmt einer der Weiss-roten mit der Brust runter und knallt ihn aus spitzem Winkel flach ins linke Eck. Echt super gemacht. Aber wo war eigentlich Andi?
Steves Kontertor zum Ausgleich wird prompt gefolgt von der neuerlichen Führung der Quedlinburger. Wieder ein klasse Tor. Bei einer Flanke von rechts steigt einer in der Mitte gegen Andi am höchsten und touchiert den Ball per Kopf ins linke Dreiangel. Wieder ein geniales Tor. Noch immer ist Fischis Bier nicht der Grund für einen Gegentreffer. Abwarten.
Timo hat scheinbar als einziger die Faxen dicke und hämmert einen straffen Flachschuss in die Maschen. Zum 2:2. Wäre gut, wenn das jetzt so bleibt.
Bleibt es aber nicht. Noch vor dem Seitenwechsel wird Andi über links ein-fach überlaufen und auch Fischi kann den erneuten Rückstand nicht verhindern. Als ich aufgrund des bisherigen Spielverlaufs schon überlege, wie wohl der Ausgleich fallt, kriegen wir das 2:4. Gleich nach der Pause. Eine direkt verwandelte Bogenlampen-Ecke von links verfängt sich in Fischis rechtem Dreiangel. Überall ausdruckslose Gesichter. Was war DAS denn?? Fischi möchte nichts groß erklären. Ihr habt’s ja gesehen, wie der angeflattert kam. Ja, dachte ich. Fast wie ein Auerhahn.
Vom 2:4 erholen wir uns nicht. Wir haben jetzt zwar Chancen, aber es fehlt der letzte Biss. Auch Steve verletzt sich bei der Attacke eines Gegenspielers am Knie und spielt mit angezogener Handbremse. Timo, Jörg und ich versuchen es. Timo über die Mitte, Jörg fast immer über links und ich über den rechten Flügel. Nützen wird alles nichts.
Jörg setzt sich bei einer riesen Chance über rechts durch und versucht es aus spitzem Winkel, übersieht mich aber völlig freistehend in der Mitte. Und als ich rechts zwei Quedlinburger überlaufen kann und scharf nach innen flanke, verstolpert der reingrätschende Andi den Ball. So eine Knie-OP geht so kurz danach nicht spurlos an einem vorbei. Da ist noch keine Stabilität da, kein Ballgefühl und gar nichts. Sobald man schmerzfrei ist, glaubt man, dass man wieder spielen könnte. Ich selbst weiß noch sehr genau, wie das ist. Andi hebt nur hilflos die Arme.
Dass es am Ende 2:5 steht, hat kaum noch Bedeutung. Ich fand uns gar nicht so schlecht, meint Timo im Pappelschatten von der Seite. Fischi dagegen sah bei uns zu wenig Bewegung und hat damit den Nagel sicher auf den Kopf getroffen. Auf die direkt verwandelte Ecke spricht ihn jetzt lieber niemand an.
2:5. Irgendwie war das herb. Ich konnte mich nicht besinnen, so etwas in einem Auftaktspiel schon mal erlebt zu haben. Und wir hatten nicht gerade gegen eine Über-Mannschaft gespielt. Normalerweise hat man in einem Turnier mit vier Spielen dann mit dem Ausgang der Sache nichts mehr zu tun.
Nach uns kommen die für mich mitfavorisierten Erfurter gegen ein eher biederes Team aus Wernigerode nicht über ein Unentschieden hinaus.
Im zweiten Spiel gegen die rot-weiß gekleideten Halberstädter spielen wir Einbahnstraßenfußball. Wir sind wie verwandelt und es wird endlich gelaufen. Man muss schnell spielen, wenn hier noch was gehen soll. Vor allem spielen wir jetzt direkt. Jörg macht das 1:0 von halblinks mit einem indirekten Freistoß ins linke Dreiangel. Irgendwie ein kurioses Tor, weil sich die Mauer bereits vor dem Freistoß auflöste. Es gibt Proteste, weil die Halberstädter behaupten, der Ball sei zu früh frei gegeben worden. Aber der Schiedsrichter lässt sich nicht beirren.
Am Spielverlauf ändert sich sowieso nichts. Nach Timos 2:0 fliegen den Halberstädtern jetzt die Bälle um die Ohren. Wieso haben wir vorhin nur so im Halbschlaf gespielt? Das 3:0 wird ein Leckerbissen. Von Jörg zubereitet: Steve erkämpft den Ball an der rechten Seitenlinie gegen den völlig unmotiviert herausgelaufenen Torhüter und spielt ihn zu Jörg, der sie jetzt alle unwiderstehlich austanzt. Erst die Verteidiger und dann den zurückgelaufenen Keeper. Sah aus wie an der Cop Cabana. Am Ende liegen alle am Boden und Jörg dreht ab.
Auch mein 4:0 hat es in sich. Timo passt von links aus der Tiefe nach halbrechts vors Tor und ich erwische den Ball direkt und im vollen Lauf. Über sich selbst schreibt sich sowas blöd, aber das war wie ein Hammer ins linke untere Eck. So ein Ding, wo der Keeper nur bewegungslos stehenbleibt.
Nach einem Gegentor und Timos 5:1 endet das Spiel. Das Tor war komischerweise wichtig für mich. Von dem Augenblick an kann ich völlig befreit aufspielen und mir gelingt an diesem Tag einfach alles. Das hat es schon länger nicht gegeben. Ich hatte in den letzten Wochen sportlich viel getan. Die Montagabendrunde in der Teichstraßenhalle war wieder fest im Programm, dazu noch gelegentlich mittwochs mit Studenten in Abtnaundorf, dann immer mal mit Andi allein, um ihn wieder fit zu kriegen und auch beim Training von Heinz und Uwe in Leutzsch war ich gewesen. Bei den Sachsen. Schritt für Schritt ging es wieder bergauf. Obwohl manchmal die Knie ganz schön wehtaten.
Ist das jetzt der zweite Frühling? Oder schon der dritte?
Direkt im Anschluss schlägt Erfurt die Quedlinburger mit einem gut herausgespielten 3:1. Und mit einem Mal sind wir wieder im Rennen.
Komisch, wie schnell und unverhofft das geht. Auf Erfurt würden wir erst in unserem letzten Spiel treffen. Vorher ging es jetzt gegen Wernigerode. Und die waren nach einem 2:1 über Halberstadt und dem 1:1 gegen Erfurt noch ungeschlagen.
Wernigerode spielt in gelb-schwarz und ist leicht defensiv eingestellt. Wir bekommen dadurch optisch die Oberhand und die Offensive. Nach hinten spielen wir mit einer voll funktionierenden Raumaufteilung. Zwischen dem variablen Mittelfeld und den Verteidigern ist komplett zugeriegelt. Das Spiel macht Spaß. Jörg dirigiert in der Mitte den Rhythmus des Spiels, Uwe und ich haben uns auf rechts mittlerweile bestens organisiert und auch Andy hat wieder den Kopf oben. Unsere Tore fallen erst in der zweiten Halbzeit. Das 1:0 serviert mir Uwe mit einem absoluten Traumpass in die Gasse und ich muss nur noch den Keeper umspielen und mich bei Uwe bedanken. Mein Zeigefinger auf ihn sagt, dass dieses Tor ganz allein dem Scorer gehört. Der Ball läuft jetzt glänzend. Doppelpässe, Flankenwechsel und diese super Raumaufteilung. Als Timo nach Querpass von Andi nur noch einzuschieben braucht, ist Wernigerode vom Rennen ohne Ball erlöst und wir erhalten uns nach dem 2:0 alle Chancen auf den Turniersieg in der immer gnadenloser werdenden Hitze.
Die Spiele der anderen werden jetzt immer wichtiger. Erfurt ist beim 0:5 gegen Halberstadt völlig von der Rolle und verabschiedet sich damit endgültig aus dem Kreis der Favoriten. Quedlinburg stand gegen Wernigerode lange vor einem 0:0, vergab reihenweise klarste Chancen und als wir uns schon über den hochwichtigen Punktverlust freuen wollten, fielen in den letzten Minuten doch noch die Tore zum am Ende klaren 3:0 der jungen Wilden. Sonderlich sympathisch sind sie mir nicht, aber man muss ihnen lassen, dass sie mit großem Einsatz kämpfen und jetzt alles für den Sieg tun.
Die Konstellation vor den beiden letzten Spielen ist einfach. Wir haben genau wie Quedlinburg zwei Siege und eine Niederlage. Quedlinburg hat das um ein Tor bessere Torverhältnis. Um das Turnier noch gewinnen zu können, müssen wir Erfurt schlagen und, einen Sieg der Quedlinburger gegen Halberstadt vorausgesetzt, dieses eine Tor irgendwie aufholen.
Wir beginnen gegen Erfurt, das ganz in schwarz spielt. Das Team besteht fast komplett aus Urologen und ich kenne die Mannschaft von den jährlichen Uro-Cup-Veranstaltungen im November und den Pfizer-Ostseeturnieren in Warnemünde. Sie sind eine gute und über Jahre eingespielte Mannschaft, wo jeder die Vorzüge und Laufwege des anderen kennt. Sehr homogen und ohne einen Schwachpunkt.
Einen ihrer Besten, einen blonden muskelbepackten Dauerläufer, den Van Damme vom Steigerwald, hatten sie nicht dabei. Trotzdem, was mit denen gegen Halberstadt los war, ist für mich unverständlich und konnte nur etwas mit dieser Hitze zu tun haben. Und die war wirklich kaum noch auszuhalten.
Bei uns gelingt anfangs alles und es scheint das Spiel zu werden. Was immer wir auch tun, es wird sehenswert. Allen ist klar, dass wir jetzt Tore schießen müssen. Und so läuft das Spiel im pausenlosen Vorwärtsgang. Ich kenne Erfurt nur souverän und ballsicher, vor allem im Spielaufbau, aber durch permanentes Pressing werden sie nervös und schlagartig auch anfällig. Als Timo nach Flanke von Steve das 1:0 macht, wird jeder Widerstand von Anfang an im Keim erstickt. Wenig später sprinte ich in einen der Verlegenheitspässe der Erfurter an der Mittellinie und stürme, zwei Verteidiger ausspielend aufs Tor. Und als dann der Torhüter verladen am Boden liegt und ich den Ball von links im Fallen versenken kann, ruft mir Jörg mit seinem „Weltklasse“ eine Gänsehaut auf den Rücken. In diesen Momenten sind wir stark. In diesen Momenten geht alles.
Und als wäre alles nur eine Frage des Kopfes, kommt gleich danach die nächste ungeheuerliche Szene. Im Powerplay der leicht aufsetzende Pass vom halblinks stehenden Timo, den ich von rechts volley aus zwanzig Metern ins linke Dreiangel hämmere. Genau das sind die Bälle, die ich immer will. Und Timo weiß das. Zu viele von ihnen habe ich in den letzten drei, vier Jahren in die Wolken gejagt. Zu viele von ihnen habe ich in Spielen geschossen, vor denen ich kaum Spielpraxis hatte. Ewig kann man nicht von der Vergangenheit leben. Aber jetzt, wo das Ballgefühl durch kontinuierliche Ballarbeit und Training wieder da ist, kommen sie wieder zurück, als wollten sie mir den unaufhaltsamen Gang des Abbaus versüßen und mir Glauben machen, alles was du willst, geht noch. Wenn du was dafür tust. Selbst wenn du siebenunddreißig bist.
Es steht 3:0. Keiner weiß, ob das reichen wird, wenn Quedlinburg danach Halberstadt auseinandernimmt. Stürmen wir weiter und wählen das Risiko? Oder halten wir das 3:0? Auch nach der Pause spielen wir Erfurt an die Wand. Und in dieser Phase bin auch ich es, der das Falsche tut.
Wir greifen mit Mann und Maus an. Auch Andy hat jetzt einen starken Moment. Sein Flügellauf über rechts und dann die Traumflanke, die ich zehn Zentimeter am linken Lattenkreuz vorbeiköpfe. Es gibt weiter Chancen über Chancen. Und alle werden sie versiebt. Man kann sie gar nicht alle beschreiben. Unglaublich, was allein Uwe in dieser denkwürdigen zweiten Halbzeit versäbelt. Verzeihen kann man ihm alle. Nur den einen nicht, wo der Ball hinter dem Torhüter erst an den linken und dann an den rechten Pfosten geht und Uwe ihn am rechten Pfosten nicht über die Linie drückt.
Jetzt passiert das, was in solchen Spielen immer passiert. Wir sind hinten offen wie ein Scheunentor und betteln förmlich um Gegentore. Und wir bekommen sie. Kurz vor dem Ende zweimal hintereinander zwei gegen eins. Fischi wird aus Nahdistanz regelrecht verladen. 3:2. Oh Mann, wenn die jetzt noch den Ausgleich machen. Aber wenigstens der fällt nicht und so bleibt die Hoffnung auf einen Punktverlust der Quedlinburger im letzten der Turnierspiele.
Quedlinburg gegen Halberstadt. Klingt wie irgendwas, was einen nicht interessieren sollte. Für uns ist es das do-or-die. Unsere Hoffnungen nähren sich aus dem 5:0 der Halberstädter gegen Erfurt, das wiederum vorher gegen Quedlinburg mit 3:1 gesiegt hatte. Und vielleicht macht ja auch die Hitze noch irgendwas für uns.
Ich stehe hinter dem Tor, als das Spiel läuft. Halberstadt steht von Beginn an schwer unter Druck und die Bälle jagen im Minutentakt auf den Keeper zu. Aber sie kämpfen und halten dagegen. Und mit jedem Ball, der ins Aus geht, wächst die Hoffnung, dass die das doch noch irgendwie schaffen. Das Spiel ist wie beim Eishockey in Überzahl. Pausenlos rennen die Quedlinburger an. Aber die Halberstädter halten sich tapfer. Die werfen sich in jeden Ball. Und kratzen und beissen. Obwohl sie maximal noch Dritter werden können. Ein Bein, ein Rücken oder die Hand des Keepers. Irgendwas ist immer dazwischen. Als die Überraschung wirklich fast greifbar ist, kommt im Strafraumgewühl der Knockout. 1:0 für Quedlinburg. Kurz vor dem Ende.
Die jungen Wilden aus Quedlinburg gewinnen das Turnier in Silstedt. Wir werden Zweiter und sind uns einig, dass wir hier insgesamt gut gespielt haben. Bloß eben dieses blöde Spiel gleich zu Beginn. Und in der prallen Nachmittagssonne, noch bevor wir unseren Sonnenbrand bemerken, will Helmut Titze endlich mit der Siegerehrung beginnen, als es plötzlich passiert.
Steve, bei dem seit Jahren eine Epilepsie bekannt ist und die zum Glück nur sehr selten auftritt, weil er mit Medikamenten eingestellt ist, bekommt den klassischen tonischen Krampfanfall. Mitten in der Hitze. Als er neben Timos Freundin Annett von der Bank kippt, hat er Glück, dass er sich nichts tut. Es dauert ungefähr zwanzig Minuten, bis der Anfall nachlässt und nochmal eine Viertelstunde, bis Steve langsam wieder zu sich kommt. Der Fußball wird jetzt nebensächlich und wir überlegen, ob wir noch nach Wernigerode in eine Klinik fahren. Wir lassen es dann, weil es Steve doch schnell besser geht.
Auf der langen Rückfahrt macht sich dann neben mir auf dem Beifahrersitz Fischi Luft. Irgendwas gehalten hätte er heute nicht. Und Spaß macht es auch keinen, wenn er hinten kaum einen Ball aufs Tor bekommt. Und wenn, dann nur die unhaltbaren Dinger aus Nahdistanz. Die Undankbaren, wo Du sowieso nichts mehr machen kannst. Er glaubt, er sei nicht mehr gut genug. Irgendwann hört es eben mal auf. Ob wir uns nicht mal nach einem neuen Torhüter umsehen könnten.
Fischi, erzähl nicht so einen Quatsch! Du bleibst schön bei uns im Tor. Wir sind total froh, dass Du unser Keeper bist. Und du bist einer der besten, die es gibt. Auch Jörg bestätigt das. Fischi sagt erstmal nichts mehr dazu. Mich macht das nachdenklich. Zeigt es doch, dass wir immer älter werden. Irgendwann werden wir unseren Zenit überschreiten. Hoffentlich merken wir es noch rechtzeitig.
Zum Glück sprechen wir dann wieder vom Turnier. Und dass uns nur ein einziges Tor gefehlt hat. Entweder eins zu wenig geschossen oder eins zu viel bekommen. War es mein Kopfball gegen Erfurt, der nicht reinging? War es Uwe, der den Ball bei der Aktion mit den beiden Pfosten nicht über die Linie drücken kann oder Andi mit seiner unglücklichen Abwehr im Auftaktspiel? Oder war es doch Fischi mit dem Auerhahn?