29. Spiel: 26.06.2005, Stadion des Friedens Leipzig
FC Waldstraßenviertel - Irr-und-Art-Team 5:2 (1:0)
FCW mit: Jens Fischer - Kai Werner, Andreas Seidel, Jörg Voigtmann - Mario Hamerla (Uwe Klinkicht), Heinz Kolb, Steve Brenner, Timo Naumann, Oliver Wolfram - Uwe Heine, Albrecht Herold
Tore: Albrecht Herold, Kai Werner, Steve Brenner, Uwe Klinkicht, Uwe Heine
Spielbericht
Glanzlos
Irgendwie rast die Zeit. Wir haben schon wieder Ende Juni und ehe man sich versieht, ist schon die Hälfte des Jahres vorüber. Wenn die Tage ruhiger verlaufen, vergeht scheinbar die Zeitschneller. Zumindest in der Rückschau. Manchmal ist das schwer zu verstehen.
Mir ging es weiterhin gut. Viel Schlaf, gutes Essen und die zurückgekehrte körperliche Fitness waren ein deutlicher Unterschied zum ständigen Ausgemergeltsein und müden Augenbrennen der letzten Jahre. Ab ersten September würde es für mich in der Urologie am Zeisigwaldklinikum Bethanien in Chemnitz weitergehen. Bis dahin war noch viel Zeit. Zwei Monate sind noch fast der ganze Sommer. Mein Gott, wie gut das tut, ein paar Wochen zur Ruhe zu kommen.
Am fünfundzwanzigsten April, auf dem fünfzigsten Geburtstag von Emilias Patenonkel Thomas Fritz, hatte ich Rolf Peter kennengelernt. Wir wurden schon bewusst so zusammengesetzt, weil Thomas’ Frau Katrin glaubte, dass wir im Laufe des Abends über den Fußball miteinander ins Gespräch kommen würden. Genauso kam es dann auch.
Rolf, mittlerweile um die Fünfzig und Chef einer Entrümpelungs- und Abrissfirma, spielt seit mehr als zehn Jahren mit einer vom Alter her gemischten, aber überwiegend jungen Truppe Freizeitfußball. Immer mittwochs am Abend in der Sportschule Abtnaundorf.
Wir hatten uns schnell auf ein Spiel am sechsundzwanzigsten Juni gegeneinander geeinigt. Zweimal war ich beim Trainingsspiel in Abtnaundorf dabei gewesen und hatte mir so ein Bild von der Mannschaft gemacht.
Rolfs Truppe war schwer einzuschätzen. Vier, fünf Mann konnten hervorragend mit dem Ball umgehen. Einer davon kam aus der Oberliga Baden-Württemberg und einer vom Leipziger Roten Stern. Alle anderen waren eher solide und eingespielte Handwerker. Kämpfer mit guter Kondition. Leute, die nachsetzen und nicht so einfach aufgeben. Rolf nannte seine Mannschaft das Irr-und-Art-Team und nahm dabei Bezug auf seine Verbindung zur Leipziger Galerie Eigen und Art, aus der die Truppe wohl früher einmal hervorgegangen war.
Von unserem Freund Ralph Tietz bekam ich ohne großes Tam-Tam das Stadion des Friedens, wo wir fast auf den Tag genau vor zwei Jahren unser Jubiläumsturnier gespielt hatten. Mein Gott, wenn ich daran denke.
Die Aufstellung war kein Selbstläufer. Bis auf Steffen Naumann, der Dienst hatte, Andy Ringel, mit seit vier Wochen bestehender Leistenzerrung und Peter Teichmann, der sich am Tag vor dem Spiel noch verletzte und in letzter Sekunde absagte, hatten wir zwar alles an Bord, aber in den Mannschaftsteilen würde es diesmal einige Veränderungen geben.
Ausgangspunkt waren Steve und Heinz. Beide wollten im Mittelfeld spielen. Steve nach Jahren im Sturm jetzt auf der linken Seite. Und Heinz auf der rechten defensiv. Dort, wo ja sonst immer ich spiele.
Beides zog eine Kette von Umstellungen nach sich. Uwe Heine besetzte neben Albrecht den linken Angriff. Ich rückte vom rechten defensiven ins rechte offensive Mittelfeld, in dem Timo wieder zentral spielt. Kai, der sonst das rechte Mittelfeld hat, rückte nach Peters Absage auf die Liberoposition und weil Mario als Linksbeiner nur Jörgs linkes defensives Mittelfeld übrigblieb, spielte Jörg rechter Außenverteidiger. Alles völlig durcheinander. Hinten blieben wenigstens Fischi und Andi auf ihren Positionen.
Wir hatten also beinahe die ganze Mannschaft umgekrempelt. Ich war gespannt, ob das Auswirkungen haben würde. Jörgs Kreativität im Spielaufbau und Kais Dynamik mussten andere ersetzen. Dafür schien die Abwehr jetzt praktisch uneinnehmbar.
Sonntag sechsundzwanzigster Juni, elf Uhr. Walter Schneider, den ich nach langer Zeit mal wieder angerufen hatte, pfeift das Spiel an. Schnell zeigt sich, dass wir die bessere Spielanlage haben. Wir sind ununterbrochen im Vorwärtsgang. Der Ball läuft und wir kontrollieren das Spiel. Alles ganz okay, aber in der letzten Konsequenz zu durchsichtig. Und irgendwie auch eine Spur zu langsam.
Hinten heraus mit Kai, Andi und Jörg ist noch alles in Ordnung. Aber auf den Schaltstationen fehlen dann die Überraschungsmomente. Heinz kommt nicht in die Gänge, macht Abspielfehler und patzt auch schon mal bei der Ballannahme. Für ihn eigentlich ein Unding. Bei mir stimmt es mit der Defensivarbeit nicht, so dass Jörg hinten rechts oft allein dasteht. Zum Glück passiert dabei nichts, weil unser Gegner fast vor Ehrfurcht erstarrt. Warum eigentlich?
Auf unserer linken Seite sieht es besser aus. Mario steht defensiv souverän und schaltet sich oft in die Angriffe ein, die der stark spielende Kai und Andi zumeist über die linke Seite einläuten. Dort ist auch Steve oft anspielbar und wird stärker ins Spiel eingebunden, als er es sonst als Stürmer gewohnt ist. Wir sind drückend überlegen, aber irgendwas fehlt immer. Entweder die Entschlossenheit zum Eins-gegen-Eins oder der finale Pass.
Hinten ist Fischi ohne nennenswerten Ballkontakt.
So schippert das Spiel vor sich hin. Alles in eine Richtung, aber weiterhin zu langsam. Mitte der ersten Halbzeit kommen die echten Torchancen nun doch über rechts. Zweimal ich im Flankenlauf und scharfem Pass nach innen in den Strafraum, wo beim ersten Mal Timo verfehlt und beim zweiten Mal der aufgerückte Heinz den Ball aus zehn Metern nicht im Tor unter-bringen kann. Als dann der Ball nach Timos Pass und Albrechts Flachschuss doch im Netz ist, entscheidet Walter Schneider auf Abseits. Die Entscheidung ist falsch und Albrecht beschwert sich, aber hier gibt es weder Zeitlupe noch Linienrichter. Ruhig bleiben.
Der, der mich wirklich nervt, ist der Torhüter, der sich bei allen Abstößen extrem viel Zeit lässt und damit zumindest schon mal bei mir latente Aggressionen schürt. Unglaublich, was da für Zeit den Bach runtergeht. Fast schon provokant hole ich ihm jedes Mal von sonstwo die Bälle.
Kurz vor der Pause kriegt er die Quittung. Albrecht fängt einen seiner missglückten Abschläge an der Strafraumgrenze ab und lässt ihm per Flachschuss ins linke Eck keine Chance. Es ist hochverdient, obwohl wir keine Bäume ausreißen. Wenigstens 1:0, denke ich, als es in die Pause geht.
Gespräche gibt es keine, auch keine Analysen, kein nichts. Alle hängen an den Wasserflaschen. Sonst sagt immer jemand etwas. Diesmal nicht. Das Einzige, was allen klar scheint ist, dass es in diesem Tempo nicht weitergehen kann. Wir können das nicht einfach nur runterspielen, wir sollten einen Gang höher schalten, sonst brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn irgendwann der berühmte Konter kommt.
Und der kommt. Fünf Minuten nach der Pause über unsere linke Abwehrseite. Herrliche Flanke und Rolfs bester Mann, der aus Baden-Württemberg, steigt gegen Kai hoch und köpft den Ausgleich. Ein schönes Tor, das mich verdächtig an unser erstes Gegentor vor vier Wochen in Silstedt erinnert. Und auch für Fischi ist da nichts zu holen.
Mann, 1:1. Das kann echt nicht wahr sein. Die haben doch eigentlich keine Chance. Für Momente steht das Spiel jetzt auf der Kippe. War es in der ersten Halbzeit meine Seite, so ist es jetzt Steve, bei dem die Löcher entstehen. Zweimal nacheinander werden wir im Mittelfeld regelrecht überlaufen und haben Glück, dass jedes Mal Kai ein gutes Auge hat und beide Situationen im Zweikampf bereinigt. Auch Fischi muss jetzt bei einem Flachschuss ins linke Eck abtauchen.
Danach platzt Kai der Kragen. Vom Strafraum an legt er los zu einem Alleingang über das ganze Feld und überwindet unseren Freund, den Zeitschinder per Flachschuss zum 2:1.
Im Mittelfeld wird es jetzt für ein paar Sekunden nickelig. Als ich meinem blonden Gegenspieler ohne Absicht auf den Mittelfuß trete und er aber erst eine Sekunde später fällt, müssen wir beide daran erinnert werden, dass das hier ein Freundschaftsspiel ist. Auch mit Johannes, dem Jungen aus Baden-Württemberg komme ich ins Gerangel wegen angeblichen Nachtretens.
Aber alles beruhigt sich schnell. Vielleicht weil kurz darauf Steve nach einer Kombination über Timo und Heinz mit einem Schuss ins rechte Eck alles klar macht. Heinz hat sich längst wieder gefangen, bekommt mehr Bälle und steht jetzt wesentlich besser.
Auch am 4:1 ist er beteiligt. Wegen eines vom Torhüter aufgenommenen Rückpasses vom eigenen Mann bekommen wir einen indirekten Freistoß. Links am Fünfmeter-Eck. Heinz legt für den inzwischen eingewechselten Uwe Klinkicht nur kurz ab. Und Uwe jagt ihn trocken durch die Mauer.
Trotz des Vorsprunges und der optischen Überlegenheit wirken wir nicht souverän und bleiben leicht ausrechenbar. Keine Kreativität, kein Spirit. Im Grunde alles wie im ersten Durchgang.
Und wir kriegen das 4:2. Wieder im Konter. Und wieder verlassen wir uns beim schlampigen Zurücklaufen auf Kai, der natürlich nicht alles bereinigen kann.
Jetzt ist es zu spät, als dass wir noch einmal in Gefahr geraten. Zum dritten Mal ist es Heinz, der im Doppelpass mit Andi rechts außen das Tor vorbereitet. Andis Pass verlängert Uwe Heine, der sonst eher unauffällig spielte, zum 5:2-Endstand.
Am Ende braucht es nicht viele Worte. Wir haben hier nicht gut gespielt. Trotz der fünf Tore sind wir wie mit angezogener Handbremse herumgelaufen. Auf den Gegner kann man sowas auch nicht immer schieben. Nichts gegen Rolfs Mannen, aber sie waren kein Gegner, der uns wirklich herausgefordert hat.
Steve und ich sind die beiden Letzten, die am Nachmittag noch auf dem Stadionvorplatz stehen. Steve meint, es sei schon alles okay, nur irgendwie glanzlos. Er hat Recht. Aber es geht tiefer.
War das wie im Auftaktspiel von Silstedt nur ein weiterer Ausrutscher? Oder beginnen so die Jahre, in denen es langsam bergab geht? Wehmütig schaue ich auf unseren Altersdurchschnitt. Kai, Andi und Timo drücken ihn noch, aber er dürfte jetzt bei fünfunddreißig liegen. Mindestens.
Den Lauf der Dinge hält keiner von uns auf. Wir werden älter werden. Mit jedem Tag und mit jedem Mal, an dem wir zusammenkommen. Ein Entrinnen gibt es nicht.
Aber ein Dagegenhalten. Bitte noch keine Bierbäuche und Fernbedienungen. Nein, Jungs, lasst uns die Zeit nutzen, die uns noch bleibt. Raus mit euch in Regen und Sturm! Immer gegen die Brandung! Immer und immer wieder. So lange, wie es noch geht!