Zur Historie

30. Spiel: 18.09.2005, Stadion des Friedens Leipzig

FC Waldstraßenviertel - Irr-und-Art-Team 4:3 (2:0)

FCW mit: Jens Fischer - Peter Teichmann, Andreas Seidel, Uwe Heine - Jörg Voigtmann, Steffen Naumann (Uwe Klinkicht), Timo Naumann, Oliver Wolfram, Thomas Möcker - Jan Kratzer, Albrecht Herold

Tore: Albrecht Herold, Jan Kratzer (2), Thomas Möcker

Spielbericht

Ein alter Fehler und eine alte Verletzung

Nur wenige Tage später hatten wir die Revanche am Hals.

Rolfs Leute hatten sich zu einer Gartenparty, zu der auch ich eingeladen war, dann aber nicht kommen konnte, regelrecht in ein Rückspiel hineingeredet. Faszinierender Optimismus.

Als ich tags darauf Rolfs Anruf bekam, war es ein sonnenüberfluteter später Nachmittag und es war schwer, ihm das abzuschlagen. Die ganz große Lust hatte ich nicht. Aber Rolf blieb beharrlich dran. Seine Jungs würden es gern noch einmal versuchen. Sagen wir Sonntag, achtzehnter September? Ginge es noch einmal im Stadion des Friedens? Irgendwann habe ich dann angenommen.

Im Spätsommer Zweitausendfünf wird es nach über zwölf Jahren unser insgesamt einundsechzigster Auftritt. Für mich mein sechzigster und damit vielleicht eine passende Gelegenheit, die unguten Gefühle und Fragezeichen vom Juni zu vertreiben. Leider würden beide danach noch viel größer sein. Die unguten Gefühle. Und auch die Fragezeichen.

Noch nichts von alledem war zu spüren, als ich die Mannschaft zusammenrief. Okay, zwar gab es die üblichen Absagen: Kai musste bei seinem Verein, Blau-Weiss Leipzig zeitgleich als Damen-Co-Trainer auf der Bank sitzen. War natürlich entschuldigt, obwohl mich nur das Co etwas störte.

Heinz spielt einen Tag vorher mit den Alten Herren vom FC Sachsen. Zwei Spiele an zwei Tagen gehen mit einundvierzig nicht mehr. Kann man voll verstehen. Andy Ringel war mit der nicht enden wollenden Leistenzerrung noch außer Gefecht, Steve war im Urlaub und auch Mario hatte etwas vor. Aber dafür waren diejenigen, die dabei waren, den Namen nach noch immer eine klasse Mannschaft.

Hinten wieder Fischi im Tor, Andi linker Verteidiger und Uwe, der Allrounder wechselt nach dem letzten Spiel im Sturm auf die rechte Manndecker-Position. Peter kam nach fast anderthalb Jahren, in denen er die Wochenenden entweder verletzt oder in der Kreisklasse mit West 03 verbrachte, zu uns zurück. Seine Libero-Zusage fühlte sich schon fast an wie ein neuerliches Comeback.

Genauso ging es mir mit Zarate, den ich nach seiner Rückkehr aus Holland in der Stadt traf. Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Sechs Jahre nach dem legendären 3:1 gegen Velocitas in Groningen spielte er zum ersten Mal wieder für uns. Er und Albrecht im Angriff, wer denkt da nicht an die großen Gohglmohsch-Zeiten. Und an unsere Spiele in England.

Hinter beiden unser nun schon traditionelles Fünfer-Mittelfeld. Defensiv nebeneinander Jörg und Steffen. Welch Glanz in unserer Hütte!

Offensiv links Timo, zentral ich und rechts, wo ja sonst fast immer Kai spielt, kam mit Thomas Möcker ein neuer Mann in die Mannschaft.

Thomas ist glaube ich genau Derjenige, der uns noch gefehlt hat. Einer, bei dem ich vom ersten Augenblick an das Gefühl hatte, er wäre schon Jahre bei uns. Kennengelernt habe ich ihn irgendwann im Frühjahr in der Hallenfußballrunde in der Teichstraße. Thomas ist Künstler und was er macht, kann man sicher nicht mit drei Worten beschreiben. Aber es hat zu tun mit Plastiken und Installationen. Auf dem Feld ist er besonnen, aber zielstrebig. Und mit starkem Zug zum Tor. Spielt klasse Pässe, hat immer auch den Blick für den freien Mann und ist überall einsetzbar. Vom Spielertyp her gut vergleichbar mit Uwe Heine, der all die Eigenschaften in fast identischer Weise verkörpert.

Das Spiel beginnt halb drei am Nachmittag. Es ist sommerlich warm, aber nicht heiß. Ideales Fußballwetter. Und genauso legen wir los. Nach fünf Minuten spiele ich eine Ecke von rechts flach auf den kurzen Pfosten, wo Albrecht steht und mit dem 1:0 völlig unbedrängt sein fünfzehntes Großfeldtor für uns macht. Das Tor läuft bei mir unter der Überschrift kapitaler Abwehrfehler.

Keine weiteren fünf Minuten vergehen, als es das zweite Mal einschlägt. Einen Pass von mir in die Gasse verlängert Zarate flach zum 2:0 und das Spiel scheint in eine beängstigende Routine überzugehen. Bevor genau das Gegenteil passiert, sind es Zarate und ich, die wir beide die klarsten Chancen vergeben. Erst ich, als ich im Alleingang von halblinks den herauslaufenden Torhüter nach zu langem Zögern nicht überwinden kann. Und dann Zarate, der es an der gleichen Stelle hundertprozentig genauso macht.

Der Knacks im Spiel kommt nach zwanzig Minuten, als Steffen, der bereits mit angeschlagener Hüfte ins Spiel ging, verletzt ausscheidet. Uwe Klinkicht, der in der zweiten Halbzeit für Zarate hätte kommen sollen, übernimmt seine Position und muss nun entgegen unserer Planung drei Viertel des Spieles durchspielen. An Uwe liegt es nicht, aber unser Rhythmus ist weg und wir beginnen, von allen guten Geistern verlassen, aus statischem Spielaufbau heraus lange Bälle nach vorn zu schlagen.

Wir bleiben optisch gefälliger. Lassen den Ball auch in den eigenen Reihen laufen, aber sobald es nach vorn geht, reduzieren sich die Mittel auf die langen Bälle. Normalerweise sind sie für die schnellen Zarate und Albrecht kein schlechtes Konzept, aber keiner von beiden wird jetzt mehr richtig in Szene gesetzt. Zu ungenau und vor allem zu wenige Überraschungsmomente.

Mit der scheinbar beruhigenden 2:0-Führung plätschert das Spiel über die Runden. Vom Gegner kommt in dieser Phase gar nichts und auch Fischi wird nur aus reiner Barmherzigkeit in die Ballstafetten der eigenen Hälfte einbezogen.

Nach der Halbzeit ändert sich das Bild schnell. Und dass das so ist, hängt mit dem gleichen Fehler zusammen, der mir schon beim Hinspiel nachhaltig aufgefallen war.

Wieder ist es im Mittelfeld. Und wieder auf den Außenpositionen. Es wird zu wenig nach hinten gearbeitet und in der Rückwärtsbewegung sind die Räume frei, dass einem die Haare zu Berge stehen.

Genau wie im Hinspiel und es ist nicht zu fassen, wie sich die Bilder gleichen. Aber diesmal werden wir härter abgestraft. Keine fünf Minuten nach dem Wiederanpfiff kommt der erste Überzahlangriff über Timos linke Seite und Uwe Klinkicht fälscht einen Schuss aus spitzem Winkel im Strafraum unhaltbar für Fischi zum 2:1 ab.

Und nochmal fünf Minuten später werden die, die das nicht ernst genug nehmen, noch einmal eines Besseren belehrt: Peter und Andi bekommen am linken Strafraumeck den Ball nicht weg. Erst Peter mit seinem Heber über sich und den ihn attackierenden Gegner und dann Andi, der die Dreistigkeit besitzt, als letzter Mann von links in die Mitte zu dribbeln und dann in der Drehung den Ball verliert. Als Fischi im Eins gegen Eins überwunden wird, steht es 2:2.

Mit dem Ausgleich verlieren wir unser Übergewicht im Mittelfeld. Rolfs Mannen setzen jetzt nach und haben scheinbar die zweite Luft. Jeder ballführende Spieler wird weit in unserer Hälfte angegriffen und prompt zeigen wir Wirkung. Unsere einstige Stärke, aus der Bedrängnis heraus das Spiel aufzubauen, erkennt unser Gegner nun als unsere Schwäche und stellt konsequent die Anspielstationen im defensiven Mittelfeld zu.

Die Lösung wäre gewesen, jetzt mit viel Bewegung das Spiel schnell zu machen. Von mir aus auch lange Bälle in den Rücken der aufgerückten Abwehr zu spielen. Aber nichts von all dem passiert. Es ist eher ein zögerndes Abwarten im impulslosen Mittelfeld, das nun mehr und mehr mit Defensivaufgaben beschäftigt ist.

Timo hat auf der linken Seite fast immer mit zwei Gegenspielern zu tun, Jörg taucht als eine Art defensiver Vorstopper unter und auch ich bin meiner Rolle im zentralen Mittelfeld nicht gewachsen. Zu wenig Ballkontakte, zu wenig Bindung zum Spiel. Und rechts neben mir ist Thomas zwar bemüht, aber er läuft und rackert meistens vergebens.

Peter tauscht mit Albrecht seine Liberoposition und spielt, seinem wahren Naturell folgend, die letzte halbe Stunde im Sturm. An unserem Spiel ändert sich dennoch nichts. Wir spielen verkrampft und zeigen weder Herz noch Seele. Spaß am Spiel haben jetzt mehr und mehr nur die anderen. Gelungene Aktionen werden in den eigenen Reihen bejubelt. In solchen Phasen kippen die meisten Spiele. Dass wir zwanzig Minuten vor Schluss mit Thomas’ Tor nach Peters Pass von links erneut in Führung gehen, ist glücklich und gibt nicht das wieder, was hier eigentlich passiert. Und die Führung hält auch keine drei Minuten lang.

Als wir in der Vorwärtsbewegung den Ball verlieren und wieder den Konter in Überzahl kriegen, ist es diesmal ein sehenswerter Schuss von der Straf-raumgrenze, so eine Art Heber ins rechte Dreiangel, der den erneuten und leider verdienten Ausgleich bringt. Wieder waren vorher die Räume frei.

Und es kommt beinahe noch schlimmer. Beim nächsten Konter über die Mitte, wo es bei uns hinten lichterloh brennt, kommt an der Strafraumgrenze Jörg zu Fall und hält am Boden liegend den Ball fest. Den fälligen Freistoß aus siebzehn Metern Mittelstürmerposition überstehen wir mit dem Vorgefühl des Rückstands und mit riesen Glück, weil der Ball nicht nur über die Sieben-Mann-Mauer, sondern auch über das rechte Lattenkreuz donnert. Der war knapp.

Die Schlussphase des Spiels hat Torchancen auf beiden Seiten. Erst hält Fischi einen gefährlich aufsetzenden Flachschuss aus der Distanz. Auf der Gegenseite kann ich aus zwanzig Metern mit einer Volley-Direktabnahme abziehen, meiner besten, allerdings auch einzigen Szene in der zweiten Halbzeit. Aber der Ball geht knapp einen Meter am rechten Pfosten vorbei.

Als ich kurz darauf bei einem Befreiungsschlag den Ball aus dem Strafraum schlage und mir dabei das rechte Knie verdrehe, werde ich zum wer weiß nicht wievielten Male an meine alte Verletzung erinnert. Obwohl die Schmerzen meist erst nach dem Spiel so richtig losgehen und dann ein bis zwei Wochen anhalten, wird mir hier sofort klar, dass es diesmal länger dauern wird. Wie immer ist das Weiterspielen in den Schlussminuten dumm und macht sicher alles nur schlimmer. Aber wie in Edderitz vor zwei Jahren kannst du bei so einem Spielstand nicht einfach rausgehen. Nicht damals beim 2:2 und jetzt erst recht nicht beim 3:3.

So erlebe ich die Entscheidung wenigstens auf dem Feld. Nachdem sich Timo endlich einmal auf der dicht gestellten linken Seite durchgesetzt hat, steht nach seinem Pass in den Strafraum Zarate goldrichtig und macht aus zwölf Metern mit einem Flachschuss kurzen Prozess.

Wenige Minuten später ist das Spiel vorbei. Und wie schon zuvor im Juni kann sich keiner so recht freuen. Zu offensichtlich waren die nun schon wiederholten Fehler in der Rückwärtsbewegung und zu groß die konditionellen Defizite als die wirkliche Ursache allen Übels.

Als wir vom Feld gehen, ist mir nicht mehr nach Ursachensuche. Dafür war das, was da eben gelaufen ist, viel zu deutlich. Überhaupt bin ich froh, dass jetzt wenig geredet wird. Und zum Glück glättet Fischi die Wogen, noch bevor sie richtig aufkommen: Gegen so einen Gegner spielt man automatisch schwächer. Man passt sich halt an. Er verschweigt dabei, dass wir in der letzten halben Stunde dem Ball eher hinterhergeschaut haben, als ihn zu spielen. Denn das ließe sich damit kaum erklären.

Von nun an würde mir fast vier Wochen lang mein rechtes Knie weh tun. Kniescheibeninnenseite und Tibiaplateau. Praktisch bei jedem Schritt. Teilweise so sehr, dass ich schon die Arthroskopie kommen sah. Aber es wurde besser. Und irgendwann Ende Oktober waren nicht nur die Fehler des Spiels, sondern auch die alte Verletzung fast vergessen.

Bilder

Zur Historie