36. Kleinfeldturnier
(Soccer World Hobby Weltmeisterschaft)
8. Juli 2006, Messehalle 7 Leipzig
(4 Feldspieler plus Torwart, Vorrunde 2 x 15 min, ab Achtelfinale 2 x 10 min, 32 Mannschaften, 8 Vorrundengruppen à 4 Mannschaften, danach K.O.-Spiele bis zum Finale)
Vorrunde Gruppe C:
FC Waldstraßenviertel (Team Serbien) - Team Argentinien 10:5
Tore: Timo Naumann (4), Kai Werner (2), Peter Teichmann (2), Oliver Wolfram, Steve Brenner
FC Waldstraßenviertel (Team Serbien) - Team Elfenbeinküste 8:2
Tore: Timo Naumann (4), Kai Werner (2), Heiko Hennig, Andreas Seidel
FC Waldstraßenviertel (Team Serbien) - Team Niederlande 3:4
Tore: Kai Werner (2), Heiko Hennig
Achtelfinale:
FC Waldstraßenviertel (Team Serbien) - Team Iran 3:2
Tore: Heiko Hennig, Timo Naumann, Oliver Wolfram
Viertelfinale:
FC Waldstraßenviertel (Team Serbien) - Team Brasilien 6:5
Tore: Heiko Hennig (3), Timo Naumann, Steve Brenner, Jens Fischer (Foulstrafstoß)
Halbfinale:
FC Waldstraßenviertel (Team Serbien) - Team Schweiz 2:3
Tore: Heiko Hennig, Timo Naumann
Spiel um den 3. Platz:
FC Waldstraßenviertel (Team Serbien) - Team Paraguay 2:8
Tore: Heiko Hennig, Oliver Wolfram
FCW mit: Jens Fischer - Andreas Ringel, Timo Naumann, Andreas Seidel, Heiko Hennig, Kai Werner, Peter Teichmann, Oliver Wolfram, Steve Brenner
Spielbericht
Hinter Gitter
Wir rücken in der Zeit vier Wochen nach vorn. Die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland steht kurz vor ihrem Ende. Vier Wochen Sommermärchen. Vier Wochen unbeschreibliche Euphorie. Wer diese Zeit auf den Straßen, in den Stadien oder an den Bildschirmen miterlebt hat, der wird sie kaum vergessen. Dieses Land ist jetzt ein einziges rauschendes Fußballfest.
Nach einer tollen Vorrunde mit drei Siegen gegen Costa Rica, Polen (welch unglaubliches Tor von Neuville in der Nachspielzeit! Für mich DER Moment dieser WM) und Ecuador kam die deutsche Mannschaft wie in einem Rausch in die K.O.-Runde. Schweden wurde danach im seit Jahren besten deutschen Länderspiel regelrecht überrannt und Argentinien, einer der Topfavoriten im Elfmeterschießen ausgeschaltet, bevor dann die Tränen kamen. Im Dortmunder last-minute-Aus im Halbfinale gegen Italien.
Es ist der achte Juli. Heute Abend wird Deutschland in Stuttgart im Spiel gegen Portugal WM-Dritter werden und morgen Italien im siebten Fußballhimmel sein. Nach einem wirklich dramatischen Finale gegen Frankreich, in dem es noch einmal alles zu sehen gibt, was dieser Sport zu bieten hat.
Ich denke dabei vor allem an Zidanes unglaublichen Elfmeter kurz nach Spielbeginn und seinen Kopfstoß gegen Materazzi kurz vorm Ende der Verlängerung. Italien wird zum vierten Male Weltmeister. Ausgerechnet Italien, nach Holland und England einer von Deutschlands Erzrivalen.
Es sind schöne Tage, in diesem Sommer zweitausendsechs. Dem Sommer, in dem sich für mich sehr bald vieles ändern würde. Aber das Leben ist Veränderung. Und die Veränderung ist die einzige Gewissheit.
Passend zu dem was in Deutschland seit vier Wochen das öffentliche Leben bestimmt, spielen wir in allerbester Stimmung an jenem achten Juli in der früheren Leipziger Messehalle 7, jetzt Soccer World - die sogenannte Soccer World Hobby Weltmeisterschaft. Ein Turnier mit zweiunddreißig Mannschaften, weniger aus dem Freizeit- als mehr aus dem Aktivenbereich. Gespielt wird nach dem WM-Modus in acht Gruppen á vier Mannschaften mit nachfolgenden Alles-oder-Nichts-Spielen bis zum Ende.
Andi hatte uns angemeldet und es versprach spannend zu werden. Spannend schon allein durch die völlig andere Art des Hallenfußballs. Du spielst in einer Art Käfig, einem kleinen vergitterten Spielfeld ohne Seiten- und Tor-Aus. Selbst der über oder neben das Tor geschossene Ball kommt sofort wieder zurück ins Spiel und verheißt Gefahr oder Möglichkeit. Auf jeden Fall vor allem keine Ruhepause und permanente Konzentration.
Spannend aber auch, weil hier sportlich einiges auf uns zukommen würde. Hier waren sie alle, mehr oder weniger maskiert, Spieler aus allen Ligen des Leipziger Amateurfußballs. Gut durchmischt und auf viele Mannschaften verteilt. Als wir uns am frühen Nachmittag gegen halb zwei in der Halle zusammenfinden, erkennen Kai, Heiko und Peter in vielen Gesichtern die Halbprofis. Bezirksliga hier, Landesliga dort. Und Heiko begrüßt schon mal die Spieler vom 1. FC Lok Leipzig. Fischi und Steve verziehen als Chemiefans verächtlich die Gesichter.
Mir wurde es etwas mulmig zwischen all diesen braungebrannten, gestylten Muskelpaketen. Haargel, Bräunungscreme und frisierte Augenbrauen. Ich muss mich daran erinnern, dass mit dem Äußeren noch nie ein Spiel entschieden wurde. Oft sind diese Äußerlichkeiten ohnehin kein Zeichen der inneren Sicherheit, sondern nur Fassade und Kompensation. Bange machen gilt nicht. Auch mit uns ist nicht gut Kirschen essen. Und kämpfen können wir auch.
Es ist eine Massenveranstaltung. Außerhalb der Felder gibt es kaum einen Platz, ein Wort zu wechseln, geschweige denn ein paar Bälle zu spielen. Das ganze Drumherum wirkt unübersichtlich.
Mittendrin sind auch Emilia und Victor. Als meine Knappen wollten sie natürlich mit, wenn es mit den Rittern gegen die ganz Großen geht. Die WM kennen sie ja aus dem Fernsehen. Und wie jetzt, Papa?, sowas spielt ihr heute auch?
Gleich nach der Anmeldung erfahren wir, dass alle Teams nicht unter ihren richtigen Namen, sondern jeweils unter dem Namen eines WM-Teilnehmerlandes ins Rennen gehen werden.
Kein schlechter Gedanke. Etwas Imagination. Wir bekommen rote Trikots und den Namen Serbien. Damit spielen wir, ebenso wie bei der WM in Gruppe C mit Argentinien, Holland und der Elfenbeinküste. Zur WM war sie die stärkste und reizvollste aller acht Vorrundengruppen. Und auch bei uns hatte es die Gruppe in sich.
Unser Spielfeld ist in der zweiten der drei Feldreihen das rechts außen. Wir versammeln uns vor dem vorderen Tor und haben zum Glück Heikos Frau Kerstin, die im kompletten Durcheinander die Übersicht behält und auf Kinder und Taschen aufpasst. Kerstin ist für mich der Inbegriff von Ruhe und Fürsorge. Vor allem um die Kinder kümmert sie sich mit Hingabe.
Wir haben ein Spiel Zeit, uns das Ganze in diesem Käfig anzusehen. Holland gegen die Elfenbeinküste heißt das Auftaktmatch der Gruppe. Beide spielen sehr schnell, die sogenannten Holländer sind eleganter und geschmeidiger in der Ballbehandlung, die anderen dagegen haben mehr Zug zum Tor und spielen zu meinem Entsetzen mit gnadenloser Härte. Es sind gute Fußballer und hätten diesen Stil nicht nötig, aber sie halten rücksichtslos drauf. Die Pressschläge und Attacken von hinten tun schon beim Zusehen weh. Auch Kai („Die haben sie ja nicht mehr alle“) und Heiko, die ihre Knochen und Gelenke noch für die Punktspiele brauchen, schütteln nur den Kopf. Wichtiger als der Sieg scheint hier zu sein, gesund die Vorrunde zu überstehen.
Daneben gibt es aber noch andere Erkenntnisse: Ausgeklügelte taktische Konzepte braucht es hier nicht. Jeder muss jede Position spielen können und nach jedem Ballverlust musst du zurück. Permanente Bewegung. Eben Fußball pur. Alles muss kompakt und schnell verschieblich sein. Und zwanzig Minuten sind lang. Durch den hohen Kraftaufwand braucht es viele und schnelle Wechsel. Andi und ich entwerfen wenigstens einen Wechselplan. Nach altbekanntem Schema werden immer zwei von uns auf einer Position spielen.
Argentinien ist unser erster Gegner. Wie das klingt. Wir spielen gegen Argentinien! Sie spielen in hellblau-weiß, sind technisch beschlagene, gut ausgebildete Fußballer, aber eher körperlos und absolut fair. Wir ziehen ohne lange Vorrede unser Spiel gegen die im Schnitt um zehn Jahre jüngere Konkurrenz auf und kommen schnell zu Torerfolgen.
Timo und Kai bringen uns 2:0 in Führung. Nach dem Anschluss erhöhen ich und danach zweimal Timo (darunter das zweite Tor nach blitzsauberem Doppelpass mit Kai) auf 5:1, so dass hier bereits zur Halbzeit die Fronten geklärt sind. Nach zwei Gegentoren stellen Peter (ein „Faden“, wie er sagt, nach Ablage von mir) und wiederum Timo den alten Abstand her.
Es gibt keine Adaptionsprobleme und es ist eine Freude, uns zuzusehen. Timo, Kai und ein glänzend aufgelegter Heiko spielen mit hohem Tempo die Gegner schwindlig. Zwischendurch hat Fischi eine klasse Parade bei einem Flachschuss durch die Mitte. Sieht alles gut aus und hinterlässt auch bei den Zuschauern entsprechende Eindrücke. Kai im Alleingang, Steve „mit Auge“ und Peter mit trockenem Schuss aus der Halbdistanz runden den am Ende hochverdienten 10:5-Auftaktsieg ab.
Auch die anderen Spiele sind torreich. Durch die lange Spielzeit auf den kleinen Feldern sind das eher Ergebnisse wie beim Eishockey. Rechnerei scheint hier kaum angebracht. Klar ist, dass nur die ersten beiden in jeder Gruppe die K.O.-Runde erreichen. Die Elfenbeinküste hatte zum Auftakt Holland geschlagen und nach uns revanchierten sich die „Holländer“ wiederum mit einem Sieg über Argentinien, so dass das jetzt anstehende Spiel gegen diese unsympathische Mannschaft der Elfenbeinküste für uns vorentscheidenden Charakter hat. Mit einem Sieg sind wir so gut wie durch. Aber in dieses Spiel geht keiner von uns mit einem guten Gefühl.
Und es wird genau wie erwartet. Überhart und verbissen. Unser Gegner versucht es am Anfang ausnahmslos mit Fernschüssen. Uns donnern mit viel Kraft geschlagene Bälle entgegen. Fischi kann man aus der Distanz aber kaum beeindrucken. Geschweige denn überwinden.
Auffällig viel geht beim Gegner über die Bande. Ziel sind die zurückspringenden zweiten Bälle, die aber fast alle bei Andi und Peter landen. Außerdem stehen wir gut und verengen die Räume. Peter wühlt und scheint genau diese Art Spiel zu mögen.
Auch Timo ist in dieser Phase ganz stark und gewinnt die entscheidenden Zweikämpfe im hitzig und hart umkämpften Mittelfeld. Es gibt jede Menge Pressschläge und um jeden Meter wird gegrätscht und gezerrt.
Timo selbst macht im Nachschuss nach einer Direktabnahme das 1:0. Unmittelbar vom darauffolgenden Anstoß wird Fischi dann das erste Mal mit einem Hammerball zum Ausgleich überrascht.
Das Spiel ist jetzt minutenlang ein einziges Biegen und Brechen, aber dank zweimal Timo und einmal Kai geht es 4:2 in den Seitenwechsel. Das Spiel kostet Kraft und Nerven. Steve wird kurz vor Ende der ersten Halbzeit von einem der Distanzschüsse am Kopf getroffen und ist restlos bedient.
Peter knallt bei einem Bodycheck gegen die Bande und auch ich bin pausenlos in harte Zweikämpfe verwickelt und frage mich, ob das hier wirklich noch Fußball oder doch schon Kampfsport ist.
Trauriger Höhepunkt ist ein Zweikampf von Andy Ringel, bei dem er mit gestrecktem Bein klar den Ball trifft, aber sein Gegenspieler am Boden liegend übel nachtritt. Statt glatt Rot für den Gegner bekommen beide eine Zweiminutenstrafe.
Und damit beginnt die Crunchtime.
Die werfen jetzt alles rein. Und wollen um jeden Preis gewinnen. Mit unglaublicher Härte. Aber Erzwingen geht nicht. Genau in dem Moment, wo das Spiel zu kippen droht, macht es Heiko mit einem Alleingang über links. Mit Volldampf geht er durch und erhöht auf 5:2. Als Kai und ich kurz danach einen herrlichen Doppelpass durch die Mitte fahren und Andi auf 6:2 stellt, sind die Chaoten ausgeknockt.
Timo und Kai verpassen ihnen mit zwei weiteren Toren den Rest. Alle beide nach Vorarbeit von Steve. Und während die nun fast aufeinander losgehen, feiern wir im zweiten Spiel unseren zweiten Sieg.
Im dritten Spiel warten nun die Holländer. Und jetzt wird endlich wieder Fußball gespielt. In einem Höllentempo. Die sind genau wie wir. Schnell, trickreich und variabel. Und diesmal absolut fair.
Das Besondere. Es fallen sieben Tore. Und kaum zu glauben: Alle fallen vor der Halbzeit. Nach Kais schnellem 1:0 mit einem Flachschuss verdrehe ich mir das rechte Knie und muss mit Schmerzen raus. Nacheinander bekommen wir vier teils klasse herausgespielte Gegentore und sind zwei Minuten vor der Pause mit 1:4 hinten. Fischi wettert, was das Zeug hält. Klar, der sieht natürlich von hinten die Stellungsfehler, aber du kannst hier nicht alles verteidigen. Und die sogenannten Holländer sind eben auch wirklich gut. Permanent spielen die über die Bande und gehen auch rigoros auf die zweiten Bälle. Wir brauchen zu lange, um uns darauf einzustellen. Und kriegen sie einfach nicht zu fassen.
Zwei Minuten vor der Pause geht Henne wieder auf links durch und hämmert den Ball trocken in die Maschen. Henne ist bockstark. Er hat jetzt voll den Rhythmus des Turniers aufgenommen und strahlt auch positiv auf die Mannschaft aus. Kommt, Jungs, die Köpfe hoch, hier geht auf jeden Fall noch was! Mindestens Kai hat zugehört. Mit dem Pausenpfiff zieht er von der Mittellinie ab und verkürzt mit seinem Flachschuss auf 3:4.
Für die zweite Hälfte müssen wir umstellen. Auch Henne hat sich verletzt. Wir sitzen beide erstmal an der Seite. Er weiß nicht genau, was passiert ist. Vielleicht war es ein Schlag gegen die Wade. Aber er will sich durchbeißen. Genau wie ich. Hier kannst du nicht einfach aufhören. Aber ich weiß es jetzt schon. Wenn ich dann weiterspiele, werde ich die nächsten Tage kaum noch laufen können.
Timo und Kai versuchen jetzt alles. Beide sind ohnehin auf dem Zenit ihres Könnens. Timo versucht es mit seinen ansatzlosen Flachschüssen. Kai mit seiner unheimlichen Dynamik. Auch Peter kämpft und zerrt an den Ketten. Dieser Käfig ist sowieso sein Ding. Voll den Körper reinhängen und dann Mann gegen Mann. Aber es ist wie verhext. Hüben wie drüben knallen die Bälle an die Pfosten. Nur ein Tor will einfach nicht fallen.
So bleibt es beim 3:4, das uns den Gruppensieg kostet. Punktgleich mit den Holländern, aber mit der Niederlage im direkten Vergleich werden wir nur Zweiter und treffen nun im Achtelfinale auf den Iran, den ungeschlagenen Sieger der Gruppe D.
Ab jetzt sind es nur noch zwei Mal zehn Minuten.
Und wir haben dicke Personalsorgen. Kai konnte wegen einer Feier nur die Vorrunde spielen und fehlt ab jetzt. Und Henne und ich sind teilweise übel angeschlagen. Das kann heiter werden. Jetzt, wo wir All in gehen müssen.
Als es losgeht, verschlafen wir komplett den Beginn und geraten schnell in Rückstand. Erst greifen wir einen von links nicht an, der ungehindert zum Schuss kommt. Dann gleich danach dasselbe über die Mitte. Keiner geht drauf und nach nicht mal drei Minuten liegen wir 0:2 hinten. Fischi schreit sich fast heiser. Da stimmte keine Zuordnung. Da stimmt nichts.
Henne ist jetzt nicht mehr zu halten. Wade hin oder her. Er ist wieder drin. Andy Ringel wirft sich in letzter Sekunde in die nächste Direktabnahme. Den abgefälschten Ball lenkt Fischi über die Latte. Oh Mann, gut, dass der nicht drin war. Dann zündet Henne den Turbo. Nach Traumpass von Peter knallt er den Ball aus nächster Nähe an die Latte und keine Minute später tankt er sich durch und spielt den berühmten Pass in die Gasse, wo Timo flach vollendet.
Jetzt sind wir voll drin. Wir haben das Momentum. Und kommen mit unglaublicher Power. Ich fühle keine Schmerzen mehr im Knie. Nur noch den Adrenalinrausch. Fischi hält zwei knüppelharte Bälle aus dem Halbfeld. Den zweiten, den ich schon drin gesehen habe, holt er noch irgendwie aus dem Winkel.
Wir selbst haben Großchancen im Minutentakt. Erst Andi Seidel mit sowas wie einem Seitfallzieher und dann Henne mit einem Abstauber gegen den Pfosten. Und als ich nach Flanke von Peter einen Kopfball an die Latte setze, hat Timo die Faxen dicke und startet in der Mitte durch. Originalton: Das kann man sich ja nicht mehr ansehen.
Als sein Flachschuss zum Ausgleich einschlägt, sind wir wie entfesselt.
Pausenlos wogt es hin und her. Das hier ist längst nicht mehr die feine Klinge. Das ist nur noch Kampf. Das wird über die Kraft entschieden. Als Timo, der fast durchgespielt hat, für einen Moment raus will, ist die linke Seite offen und Fischi rettet unglaublich im Zwei-gegen-Eins. Keine Ahnung, wie er den gehalten hat. Und auch den Nachschuss aus zwei Metern wehrt er gegen die Latte ab. Und Andi Ringel ruft das, was alle denken: Galaktisch!
Ohjeh, wenn dieser Ball drin gewesen wäre! Aber so sind wir es, die den Matchball kriegen. Andi Ringel nach einem Pressschlag auf Henne, der weiter mit einem No-look-Pass in die Mitte, wo ich direkt vorm Keeper kurzen Prozess machen kann. In der Drehung! Yeah!!!
Wir gewinnen das Achtelfinale gegen den Iran mit 3:2. Oh Mann, was für ein irres Spiel! Und das ohne Kai. Ich glaub’s ja nicht. Kein Serbe hat mehr Schmerzen. Keine Wade, kein Knie, kein nichts. Und Fischi ist für mich der Matchwinner.
Aber jetzt scheint endgültig Schluss mit lustig. Unser Gegner im Viertelfinale heißt Brasilien. Unglaublich. Wie das klingt. Das nächste hammerharte Do-or-die-Spiel. Henne und ich haben die auch schon ein, zwei Mal aus dem Augenwinkel gesehen. Und passend zum Namen sind sie definitiv einer der Topfavoriten.
Sie kommen in schwarzen Trikots und Emilia fragt: Papa, sind die echt aus Brasilien?
Vor dem Spiel machen wir den Kreis. Und Henne schwört uns mit ruhigen Worten ein. Ein Moment, an den ich gerne zurückdenke. Jungs, ihr wart phantastisch. Wir sind schon weit gekommen. Gebt nochmal alles! Und lasst euch nicht irre machen. Die kochen auch nur mit Wasser. Auch uns muss man erstmal schlagen!
Als es losgeht, zeigt Henne selbst, wo es langgeht. Ein absolutes Traumtor aus der Distanz. Voll abgezogen. Nach Zuspiel von Steve. Mit Vollspann ins linke untere Eck. Ein Schuss wie ein Strich und einfach nur unhaltbar. Was für ein klasse Auftakt in diesem Viertelfinale!
Das Spiel nimmt schnell Fahrt auf. Die sind technisch stark und sehr dynamisch. Immer nur nach vorn. Aber wir auch. Henne dirigiert ohne große Worte. Nur kurze, leise Kommandos. Und nur das Nötigste. Henne ist sowieso keiner, der sich in den Vordergrund drängt. Wir wechseln gut und oft und haben ständig frische Kräfte auf dem Feld. Timo und ich wühlen und reißen Lücken. Andi marschiert über links. Steve über rechts. Und Peter und Andy Ringel rühren hinten Beton an. Die Serben stehen gut und die schwarz-weißen Brasilianer sehen nur Stopschilder.
Das 2:0 hat wieder das Hennig-Label. Klasse Vorarbeit gegen zwei Brasilianer. Der Pass im genau richtigen Moment auf Timo, der aus der Mitte abzieht. Wieder einer dieser zahllosen Flachschüsse, die du erst siehst, wenn sie einschlagen. Ein super Tor! Ich fasse es nicht. Wir führen gegen Brasilien! In einem immer intensiver werdenden Spiel.
Vom Anstoß weg hält Fischi einen gefährlichen Aufsetzer und gleich danach noch einen Schuss aus spitzem Winkel. Oh Mann, wenn wir diesen Fischi nicht hätten!! Dann die Chance, schon früh den Deckel draufzumachen. Andi Seidel kommt über rechts und versucht es direkt. Er sieht Peter nicht, der in der Mitte völlig freisteht.
Mann, das wäre es gewesen!! Peters Blick kannst du dir vorstellen.
Im Gegenzug kriegen wir im Durcheinander vor Fischis Tor einen Abstauber zum 2:1. Unser Gegner ist jetzt dran. Die pushen sich und wollen sofort nachsetzen. Und sie sind mindestens auf Augenhöhe.
Aber wir haben die schnelle Antwort. Henne und Steve im Doppelpass, den Henne bevor er umgerissen wird vollendet.
Am Zuckerhut weiß man es jetzt. Die Serben sind Kämpfer. Die hauen alles rein. Die halten gegen. Die kannst du nicht einfach umrennen.
Und es geht weiter. Das 4:1 wird wieder ein Traumtor. Steve geht von hinten allein bis zum Keeper durch und tunnelt ihn. Wenn du im Rausch bist, gelingt dir alles. Und wir sind im Rausch.
Nicht nachlassen jetzt. Auf diesen kleinen Feldern ist alles möglich. Hier kann sich in Sekunden jedes Blatt wenden. Nach der Pause wird Andy Ringel einschussbereit gefoult. Fischi nimmt sich den Ball zum Neunmeter und verlädt sein Gegenüber mit links zum umjubelten 5:1.
Kaum zu glauben, was hier passiert. Hier läuft was, was keiner verstehen kann. Wir nehmen gerade einen der Topfavoriten auseinander und keiner derer, die dabei waren, vergisst dieses Spiel.
Als im Konter das 5:2 fällt, wirkt das noch wie ein Betriebsunfall, den Henne mit einem satten Distanzschuss und seinem dritten Tor in diesem Spiel vergessen macht. Aber dann drehen die auf. Mit Wut und Power kommen sie zurück. Alles oder nichts. Die sind wie wir. Wir würden auch nicht aufgeben. Und irgendwie spielen sie jetzt leichtfüßig. Fast elegant. Und schnell sowieso. Unsere Wechsel werden jetzt zum Bumerang. Weil sie Unordnung bringen und so mehrfach die Zuordnung nicht stimmt.
Nacheinander bekommen wir drei Gegentore. Sieht alles aus wie One-touch-Fußball und aus einem ungefährdeten Vier-Tore-Vorsprung werden hektische Schlussminuten mit der Angst vor einem Neunmeterschießen. Als Fischi den letzten Distanzschuss festmacht, kommt der Schlusspfiff und wir liegen uns in den Armen.
Was war das denn? Ich brauche kaltes Wasser ins Gesicht. Hey, kneift mich mal. Ist das wirklich wahr? Waren das wirklich wir? Wir haben Brasilien geschlagen. Nicht zu glauben. Wir stehen im Halbfinale dieses Turniers, gespickt mit Halbprofis aus allen Top-Ligen Sachsens. Wir sind wirklich immer noch dabei!
Unser Gegner wird die Schweiz, die wir vorher kaum auf dem Schirm hatten. Und beim Einspielen gibt es das böse Erwachen. Henne sieht es sofort, als sie den Rasen betreten. Es sind ausnahmslos Spieler von Lok Leipzig. Gerade von der Bezirksklasse in die Bezirksliga aufgestiegen. Seit Jahren sind die gnadenlos jedes Jahr eine Liga hoch. Und Henne selbst war einer von ihnen. Jungs, jetzt müssen wir wirklich alles rausholen, was geht. Sonst ist hier Schluss. Nur, wenn wir alle zusammenhalten, haben wir eine Chance.
Wieder gehen wir in den Kreis. Aber jetzt mit einem mulmigen Gefühl. Das hier ist eine Übermacht. Die Jungs da wissen, wie’s geht. Die haben richtig Qualität.
Vom Anstoß weg kommen wir unter die Räder. Die tippen den Ball nur kurz an und dann kommt ein scharfer ansatzloser Distanzschuss. Links und halbhoch schlägt er bei Fischi ein. Und wir sind noch beim Aufrappeln, als genau das Gleiche nochmal passiert. Wieder aus der Distanz und diesmal unten rechts. Beide Bälle sind nicht zu halten. Für niemanden und auch nicht für einen Fischi in Topform.
Zwei Bälle drin nach zwei Minuten. Auf sowas hat Fischi keine Lust. Mann, Ihr müsst die angreifen! Lasst die nicht zum Schuss kommen!
Emilia und Victor sitzen gemeinsam mit Moritz hinter der Bande. Papa, Ihr müsst jetzt mal was machen!
Das ist gut gesagt. Die stehen gut im Raum und sind das Gehetze in solchen Käfigen gewöhnt. Außerdem unheimlich ballsicher. Eben Halbprofis. Die sind ein richtig dickes Brett. Aber wir rennen an. Angeführt vom überragenden Henne werfen wir uns in die Brandung. Geht hier doch noch was?
Im Gewühl vorm Strafraum kriegen wir das dritte Tor. Als Fischi den ersten Ball noch abwehrt, donnert der Nachschuss in die Maschen. 0:3. Oh Mann!!
Und beinahe kommt es noch schlimmer. Nach einem Foul von Fischi zeigt der Schiedsrichter auf den Punkt. Aber der knallhart geschossene Neunmeter geht links an die Torbande. Durchatmen. Das wäre der Knockout gewesen!
Kai fehlt. Der würde jetzt die Ärmel hochkrempeln. Timo und ich können ihn nicht ersetzen, aber wir kämpfen und kratzen und beißen.
Dann kommt Hennes Auftritt. Erst knallt er aus der Halbdistanz den Ball ans Lattenkreuz. Dann zieht er im nächsten wilden Angriff ab. Von links im spitzen Winkel. Der Ball geht erst knapp neben das Tor und der Abpraller vom Keeper zum 1:3 in die Maschen. Peter und ich schreien wie blöde. Und Henne ballt die Faust. Ist das die Wende?
Jetzt sind Andi, Steve, Henne und Timo auf dem Feld. Noch drei Minuten. Wieder geht Henne durch. Er macht ein riesen Spiel und zieht aus gut zehn Metern ab. Aber der Keeper hält überragend. Den abgewehrten Ball zieht Timo in seiner typischen Art mit links ins rechte untere Eck!
Jetzt steht es 2:3. The underdogs are back. In uns bebt es. Los, Leute, jetzt alles! Wir können die schlagen. Wir sind dran!
Aber die Zeit verrinnt. Und wir rennen an. Einmal Timo im Alleingang und dann Andi und Steve im Doppelpass. Aber Steve legt sich den Ball zu weit vor.
Danach kommen wir nicht mehr ins Spiel. Zweimal bleiben die Gegner nach wenig Kontakt liegen. Mit verzerrten Gesichtern. Der erste schlägt sogar mit der Hand auf den Boden. Die sind einfach zu abgezockt. Mensch, ruft Henne, das habt ihr doch nicht nötig! Ihr spielt Bezirksliga!
Ich bin die letzten Minuten draußen. In Gedanken bist du aber immer da drin. Da gehst du mit jeder Aktion mit. Oft ist es sogar schlimmer, wenn du nicht dabei bist.
Hinter Gittern platzt er also, der Traum vom Endspiel. Die Serben sind geschlagen. Aber die Köpfe sind oben und die haben sich hier teuer verkauft. Ihr braungebrannter Anführer, der mit dem großen Herzen, der klatscht sie alle ab. Bei Fischi bleibt er lange stehen. Der hat genau wie Henne ein großes Turnier gespielt. Aber auch von uns anderen hat keiner enttäuscht. Ich wüßte keinen, der nicht am Limit war. Dieses Turnier ist etwas, woran wir lange denken werden.
Jetzt bleibt nur noch das Spiel um Platz drei. Das ist nichts Dankbares. Nicht nach diesen Spielen. Nicht nach so einem Tag. Die meisten sind stehend am Boden. Auch mir tut alles weh. Vor allem das Knie. Und jetzt müssen wir noch ein letztes Mal da rein.
Andi verkündet, es geht gegen Paraguay.
Auf jeden Fall wollen wir nun wenigstens die Medaille. Dritter würde sich gut anhören. Nur von denen wissen wir nichts. Irgendwie sind sie uns nicht aufgefallen. Aber gleich werden wir merken, was da auf uns zukommt.
Paraguay dreht von Anfang an auf. Die haben noch Körner. Steve vertändelt gleich zu Beginn an der rechten Eckfahne den Ball und die setzen den blitzsauberen Konter zum 0:1. Kurz danach kriegen wir das zweite Ding. Keiner greift einen dynamischen Dribbler über die Mitte an und wir werden vorm Tor ausgespielt wie eine F-Jugend.
Als wenig später noch ein Flachschuss aus der Distanz im rechten Eck einschlägt, sieht Fischi heute zum ersten Mal nicht gut aus. Werden wir jetzt hier ausgepeitscht? Jetzt wäre Zeit, mal die Brust rauszustrecken.
Zumindest versuchen wir es. Andy Ringel flankt von rechts und Henne hat einen Hammerkopfball, den der Keeper spektakulär mit einem Reflex pariert. Peter raunt mir zu, dass das ein Profi sein muss. Auf jeden Fall hat er ihn schon mal gesehen.
Gegen Hennes Fernschuss zum 1:3 ist er machtlos. Henne scheint überhaupt der Einzige zu sein, der jetzt noch das Tempo anziehen kann. Von Steve und den beiden Andis kommt nicht mehr viel. Der Riemen ist runter. Peter hat mit dem Knie zu tun und auch Timo und ich laufen längst auf der Felge.
Nach der Pause sind die dann wie eine Flut über uns drüber. Wir kriegen noch fünf Dinger eingeschenkt. Mein Flachschuss von rechts ins lange Eck zum 2:4 hatte keine Bedeutung mehr.
Am Ende werden wir im Turnier der zweiunddreißig Mannschaften Vierter. Der Tag war lang und an der überfüllten Videoleinwand der Soccer World läuft das WM-Spiel der Deutschen gegen Portugal. Auch die spielen wie wir um den dritten Platz.
Ich sitze zusammen mit Emilia und Victor irgendwo da mittendrin. Bei guter Stimmung. Die Kinder trinken Limonade. Und Schweinsteiger macht in der zweiten Halbzeit zwei sensationelle Tore. Jeweils von links. So ungefähr von zwanzig Metern. Mindestens beim ersten sah der portugiesische Torwart nicht gut aus. Mili und Victor sind sich sicher. Fischi hätte den gehalten. Henne und ich schauen uns an. Ja, ihr Beiden, das stimmt. Da gibt’s keine Frage. Fischi hätte den gehabt!